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Gigantische Struktur Im Herzen der Milchstraße steckt ein X

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Man sieht es am besten, wenn man aus einer gewissen Distanz aufs Bild schaut: Millionen Sterne bilden im Zentrum der Milchstraße ein riesiges X.

(Foto: Dustin Lang/Dunlap Institute)

Astronomen haben schon lange danach gesucht, konnten sie aber noch nie abbilden: die x-förmige Struktur inmitten unserer Heimatgalaxie. Über einen Tweet sind sie fündig geworden. Das X sagt viel über die Entwicklung der Milchstraße aus.

Manchmal reicht ein einziger Tweet, um ein Forschungsprojekt in Gang zu setzen. Im Mai 2015 schickte Dustin Lang vom Dunlap Institute für Astronomie und Astrophysik der Universität Toronto ein Bild der Milchstraße herum, das er aus Daten des NASA-Satelliten WISE erstellt hatte. Lang war zunächst einmal froh, ein komplexes Projekt zu einem guten Abschluss gebracht zu haben. Sein Kommentar lautete "Ich will gar nicht zugeben, wie lang es gedauert hat, 150 Gigapixel zu diesem WISE[-Bild] aufzusummieren." Was Lang zu jenem Zeitpunkt nicht wusste: Sein Tweet war der Auftakt zu einem ganz anderen Forschungsprojekt.

Melissa Ness vom Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg nämlich sah den Tweet und eines fiel ihr sofort auf; etwas, wonach Astronomen schon lange suchten, was sie aber noch nie hatten abbilden können: eine X-förmige Anordnung von Sternen im Zentrum unserer Milchstraße, dem sogenannten "Bulge".

Einige Wochen später trafen sich Ness und Lang auf einer Konferenz und machten sich gemeinsam daran, Langs Bilder so aufzubereiten, dass das gigantische X im Herz unserer Galaxis deutlich sichtbar wurde. Die Ergebnisse wurden jüngst in der Fachzeitschrift "Astronomical Journal" veröffentlicht. Für Astronomen ist der Bulge wichtig, um die Entwicklungsgeschichte unserer Heimatgalaxie zu nachzuvollziehen. "Wenn wir den Bulge verstehen, dann verstehen wir die Schlüsselprozesse, die das Entstehen und die Form unserer Galaxie bestimmt haben", sagt Ness.

Galaxie mit "recht ruhigem Leben"

Die Milchstraße hat die Form einer flachen Scheibe, in der 100 bis 300 Milliarden Sterne samt Gas rotieren. Im Zentrum, das im Sternbild Schütze gelegen ist, hat sie einen Balken aus Sternen. Deswegen gehört die Milchstraße zu den Balkenspiralgalaxien. Doch dieser Balken ist nicht stabil. Mit der Zeit bildete sich eine Beule heraus, der "Bulge". Von der Seite betrachtet sieht diese Beule aus wie eine ungeschälte Erdnuss. Darin steckt das markante X.

Die X-Struktur ist ein Hinweis darauf, dass sich das Zentrum der Milchstraße durch eine dynamische Wechselwirkung der Sterne unserer Galaxis entwickelt hat und nicht - so der andere Erklärungsansatz - durch die Verschmelzung kleinerer Galaxien mit unserer eigenen.

"Der Bulge ist in der Tat durch Entwicklungsprozesse der Sternverteilung unserer Galaxis entstanden", ist sich Ness sicher. "Das stützt die Vorstellung, dass unsere Galaxie ein recht ruhiges Leben hatte, ohne größere Verschmelzungsereignisse, seit sich der Bulge gebildet hat. Denn diese Form wäre zerstört worden, wenn es irgendwelche größeren Interaktionen mit anderen Galaxien gegeben hätte."

Für Lang, der das Bild in Umlauf gebracht hatte, ist der wichtigste Aspekt der Arbeit der offene Umgang mit wissenschaftlichen Ergebnissen. "Für mich ist diese Studie ein Beispiel dafür, was an unerwarteter interessanter Wissenschaft möglich wird, wenn große Datensets öffentlich gemacht werden", sagt der Forscher. "Ich freue mich sehr, dass meine WISE-Himmelskarten jetzt benutzt wurden, um Fragen zu beantworten, die ich vorher noch nicht einmal kannte."

Quelle: ntv.de, asc