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Narwale sind gut erkennbar an ihrem langen Horn.
Narwale sind gut erkennbar an ihrem langen Horn.(Foto: M.P. Heide-Jorgensen/dpa)
Donnerstag, 07. Dezember 2017

Paradoxe Reaktion auf Gefahr: Narwale halten bei Flucht Atem an

Bei Gefahr reagieren Tiere unterschiedlich: Manche erstarren, andere fliehen. Paradox ist die Situation bei Narwalen, haben Forscher entdeckt. Die Tiere zeigen beide Reaktionen zugleich. Dabei erfordert die Flucht eigentlich mehr Sauerstoff. Leidet ihr Gehirn darunter?

In bedrohlichen Situationen reagieren Narwale paradox: Ihr Körper scheint gleichzeitig fliehen und erstarren zu wollen, berichten Forscher aus Dänemark und den USA im Fachblatt "Science". Ihr Herzschlag sinke, die Zahl ihrer Flossenschläge aber steige. Die widersprüchliche Reaktion sei für das Herz-Kreislaufsystem vermutlich sehr belastend und erschwere womöglich die Sauerstoffversorgung des Gehirns.

Forscher vermessen die Länge eines erwachsenen Narwals.
Forscher vermessen die Länge eines erwachsenen Narwals.(Foto: M.P. Heide-Jorgensen/dpa)

Bis in die jüngere Vergangenheit hinein lebten Narwale ein weitgehend verborgenes Leben unter dem dicken Eis des Arktischen Ozeans. Seitdem das Eis schmilzt und zunehmend Menschen in die entlegene Polarregion vordringen, sind die Meeressäuger mit dem sonderbaren Horn verstärkt Stress ausgesetzt. Wie sie darauf reagieren, untersuchten Wissenschaftler um Terrie Williams von der University of California nun im Scoresby Sund. In dem Fjordsystem an der Ostküste Grönlands machen heimische Jäger unter anderem mit Netzen Jagd auf Narwale und andere Meerestiere.

Mit Saugnäpfen brachten die Forscher auf der Haut gefangener Wale Datensammler an, die unter anderem die Herzfrequenz und die Schwimmbewegungen aufzeichnen. Dann ließen sie die Tiere frei. Nach spätestens drei Tagen fielen die "Tags" von alleine wieder ab, über ein Funksignal konnten die Forscher die auf der Wasseroberfläche treibenden Geräte dann orten und einsammeln.

Die Auswertung der Daten zeigte, dass Narwale nach dem Freilassen mehrmals hintereinander tief abtauchen. Sie schwimmen dabei aktiv mit schnellen Flossenschlägen - gleichzeitig aber sinkt ihre Herzfrequenz drastisch auf teils nur noch drei bis vier Schläge pro Minute. Im Ruhezustand beträgt die Herzfrequenz eines Narwals etwa 60 Schläge pro Minute. Bei den üblichen Tauchgängen - also wenn die Tiere nicht flüchten - fällt sie auf 10 bis 20 Schläge pro Minute.

"Weglaufen und dabei Atem anhalten?"

Die körperliche Aktivität erfordere vermehrt Sauerstoff, erklären die Forscher. Da die Wale unter Wasser nicht atmen können, litten das Gehirn und andere Organe womöglich unter Sauerstoffmangel. "Wie kann man weglaufen und dabei den Atem anhalten?", beschreibt Erstautorin Williams die Reaktion der Tiere. "Ich frage mich, wie Narwale ihr Gehirn schützen und die Sauerstoffversorgung in dieser Situation aufrechterhalten."

Die Forscher errechneten, dass die Flucht-Tauchgänge etwa 97 Prozent des Sauerstoffvorrates aufzehrten. Normale Tauchgänge verbrauchten nur etwa 52 Prozent der Reserven. "Die Ergebnisse dieser Studie sind eine Warnung. Sie zeigen, dass ihre Biologie die Tiere besonders anfällig für Störungen macht. Die Frage ist: Was werden wir Menschen dagegen tun?"

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Quelle: n-tv.de

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