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Die strahlende Atomruine Tschernobyl und das Sarkophag-Problem

Die Atomkatastrophe von Tschernobyl wird noch Generationen beschäftigen: Der jetzige Betonsarkophag ist marode, eine neue Hülle zwar fertig - doch noch steht sie am falschen Platz. Und auch sie ist nicht für die Ewigkeit gebaut.

Er wurde hastig und unter lebensgefährlichen Bedingungen gebaut. Sieben Monate nach der Explosion im Atomkraftwerk Tschernobyl war er fertig: der Sarkophag, ein Mantel aus Beton und Stahl. Unter ihm verschwanden die Ruine von Reaktorblock 4 und mit ihr 200 Tonnen geschmolzene Kernbrennstoffe sowie große Mengen kontaminierten Staubs. Die massive, meterdicke Hülle sollte gefährliche radioaktive Strahlung abschirmen. Ein isolierendes, hermetisch abgeschlossenes Bauwerk ist sie jedoch nie gewesen. Der Sarkophag ist durchlässig, Luft kann ein- und ausdringen, mitunter gelangen Regenwasser und Schnee ins Innere. Seit einigen Jahren rostet die Konstruktion, das Dach hat mittlerweile Löcher.

Die Hülle war eine provisorische Sofortmaßnahme. Gut 20, vielleicht 30 Jahre würde sie halten, hatte man bei ihrer Fertigstellung gesagt. Aufgrund der Umstände war es nicht möglich gewesen, den Sarkophag exakt und mit Sorgfalt zu bauen. Einzelne Teile werden von Trümmern des zerstörten Reaktorblocks gehalten, sie mussten ferngesteuert montiert werden und sitzen deshalb nicht immer genau an der vorgesehenen Stelle. Andere Bauteile konnten nicht verschraubt oder verschweißt werden, sie wurden schlicht aufgesetzt.

Stabilisiert, aber marode

Nach 30 Jahren ist die Haltbarkeitsdauer des Sarkophags mehr als abgelaufen, seine strukturellen Mängel waren von Anfang an offenkundig. 2008 machte man sich daran, die Konstruktion zu stabilisieren. Danach erhielt sie von der atomrechtlichen Behörde der Ukraine eine Betriebserlaubnis bis 2023. Nichtsdestotrotz ist der Sarkophag marode. Schon jetzt kann es jederzeit passieren, dass er einstürzt. Dann würde der unter dem Stahl- und Beton-Mantel befindliche radioaktive Staub vom Wind davongetragen werden. Weit über Tschernobyl hinaus wäre er ein Problem – ein Szenario, das es zu vermeiden gilt. Offizielles Ziel ist es, den havarierten Reaktorblock langfristig "in einen ökologisch sicheren Zustand zu bringen".

Schon 2007 bekam daher das französische Konsortium Novarka den Auftrag, ein New Safe Confinement, kurz NSC, zu bauen. Damit ist eine neue Schutzhülle gemeint, eine sichere, dichte Konstruktion, die den Sarkophag unter sich verbirgt. Tatsächlich ist ein solches Bauwerk bereits so gut wie fertig, es steht bloß noch nicht an seinem Platz. Aus Strahlenschutzgründen wurde die neue Hülle 180 Meter vom Sarkophag entfernt errichtet – hinter einer hohen, Radioaktivität abschirmenden Betonmauer und auf betonversiegeltem Boden. Durch diese Maßnahmen war trotz hoher Strahlendosen im Umfeld ein weitgehend normales Arbeiten möglich.

Notre Dame würde hineinpassen

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Jenseits des Sarkophogs gebaut, wird der Bogen schließlich zum havarierten Reaktorblock hinübergeschoben.

(Foto: Novarka)

Das Ergebnis, das NSC, ist ein riesiges, silbernes Stahlgewölbe - so hoch, dass die Pariser Kathedrale Notre Dame darin Platz hätte. 110 Meter ragt es auf, mehr als 260 Meter ist es breit, 160 Meter lang. Das Gewicht des Gewölbes: 36.000 Tonnen. Die Hülle gilt als erdbebensicher und soll auch Tornados standhalten. Sie ist doppelwandig, was nicht zuletzt dem Rostschutz dient: Ein computergestütztes Belüftungssystem soll dafür sorgen, dass die Luftfeuchtigkeit zwischen der inneren und äußeren Schicht des Gewölbes nie über 40 Prozent steigt.

Die entsprechende Technik wird derzeit installiert. Im November 2016, wenn die Innenarbeiten am NSC abgeschlossen sind, beginnt der vielleicht ungewöhnlichste Teil des Bauprojektes: Die neue Hülle wird auf Teflonschienen hinübergeschoben zum alten Sarkophag – so weit, bis sie ihn schließlich komplett bedeckt. Es werde die größte bewegliche Konstruktion der Welt sein, sagt Nicolas Caille, Projektdirektor bei Novarka. Er fügt hinzu: "Geschoben wird sie mit einer Geschwindigkeit von 10 Metern in der Stunde. Das entspricht dem Tempo einer Schnecke". Einmal am richtigen Ort, werden die offenen Seiten des Gewölbes durch Wände verschlossen und die Schnittstellen zu angrenzenden Gebäuden abgedichtet. Erst im November 2017, nach einem Jahr, ist das NSC hermetisch und der Sarkophag sicher verpackt.

Und dabei soll es nicht bleiben. Unter der neuen Hülle befinden sich auch zwei Hebekräne. Sie sind die einzigen ihrer Art, größer und schwerer als eine Boeing. An Schienen unter dem Dach des Gewölbes laufend, können sie jeweils 50 Tonnen tragen. Ferngesteuert sollen die Kräne zunächst die einsturzgefährdeten Teile des Sarkophags entfernen, später werden sie ihn komplett demontieren. Dann gilt es, die brennstoffhaltigen Massen zu bergen und in ein Zwischenlager zu bringen. Ein Endlager muss die Ukraine erst noch errichten.

Der Plan sieht vor, dass der Rückbau der Kraftwerksruine in Tschernobyl bis zum Jahr 2117 vollendet ist. Länger hält die neue Hülle nicht. Sie ist auf eine Lebensdauer von 100 Jahren ausgelegt. Mehrere Generationen werden noch damit zu tun haben - mit der Atomkatastrophe von Tschernobyl.

Quelle: n-tv.de

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