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Schmerzhaftes Chikungunya-Fieber Virus verbreitet sich rasant

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Das Chikungunya-Fieber wird von Stechmücken übertragen.

(Foto: imago/blickwinkel)

Auf dem amerikanischen Kontinent kursiert ein gefährlicher Erreger: das Chikungunya-Virus. Mehr als eine Million Menschen sind auf dem Kontinent bisher infiziert. Und auch in Europa könnte sich das Virus zunehmend ausbreiten.

Heftige Schmerzen in den Gelenken, die vielfach Monate, manchmal sogar Jahre anhalten: Das Chikungunya-Virus kann Erkrankte extrem quälen. Schon der Name ist Warnung dafür - "der gekrümmt Gehende" bedeutet der von den Makonde in Tansania geprägte Begriff. Lange kursierte der Erreger vor allem in Afrika und Asien, wurde nur vereinzelt von Reisenden in andere Länder getragen. Dann aber erkrankte Ende 2013 ein Mann auf der Karibikinsel St. Martin. Seither haben sich rund 1,3 Millionen Menschen in Amerika mit Chikungunya infiziert, schätzt das Regionalbüro PAHO der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Etwa 200 Menschen starben.

Die USA fürchten, dass der Erreger, von Lateinamerika-Reisenden eingeschleppt, in feucht-warmen Gebieten wie Florida heimisch wird. "Große Ausbrüche in Nordeuropa sind unwahrscheinlich, kleine vereinzelte aber möglich.", sagt die Epidemiologin Christina Frank vom Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin. Eine schützende Impfung gibt es bislang ebenso wenig wie eine gezielte Therapie, bis zur Zulassung erster Präparate dürfte es noch Jahre dauern. Damit bleibt vorerst vor allem ein Gegenmittel: sich nicht von den Überträgermücken stechen lassen.

Erste Erfolge bei Suche nach Impfstoff

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Tropische Krankheit auf Reisen.

"Das Virus breitet sich in Süd- und Mittelamerika sehr schnell aus", sagt Jonas Schmidt-Chanasit, Virologe am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) in Hamburg. "Aber das überrascht nicht." Schließlich treffe der Erreger auf eine Bevölkerung ohne jede Immunität. "Die große Frage ist: Wie weit nördlich geht er?" Interessanterweise habe die Infektionswelle in Brasilien momentan vor den Millionenmetropolen São Paulo und Rio de Janeiro gestoppt. Warum, sei noch völlig unklar. Eine mögliche Erklärung sei, dass es in der Region verwandte Viren gibt und die Menschen daher zumindest eine Teilimmunität gegen das Chikungunya-Virus besitzen. "Oder die Mücken sind schon von anderen Viren besetzt."

Erst mit der schweren Epidemie auf der französischen Insel La Réunion von 2005 an habe die Forschung wirklich Fahrt aufgenommen, sagt auch die Virologin Barbara Schnierle vom Paul-Ehrlich-Institut in Langen. Zuvor habe es nur vereinzelte, von Reisenden importierte Fälle in Ländern gegeben, die die Entwicklung eines Impfstoffes finanziell stemmen können. Besonders schwierig sei dies bei Chikungunya nicht. "Es ist ein vergleichsweise einfaches Virus", erklärt Schnierle. "Anders als zum Beispiel HIV verändert es sich kaum und es reicht, mit dem Impfstoff auf bestimmte Oberflächenproteine abzuzielen." Wahrscheinlich schütze ein solches Mittel zudem gegen alle Stämme des Erregers gleichermaßen gut - und das lebenslang.

In Tierversuchen lieferten in den vergangenen Monaten mehrere Impfstoffkandidaten vielversprechende Ergebnisse. Eine erste kleine Verträglichkeitsstudie am Menschen gab es bei dem in den USA entwickelten Vakzin VRC-CHKVLP059-00-VP. Schwere Nebenwirkungen hätten sich nicht gezeigt, berichteten die Mediziner im Fachmagazin "The Lancet". Schnierle arbeitet an einem Impfstoff auf Basis des Oberflächenproteins E2. Bei Mäusen zeige er schützende Wirkung gegen das Chikungunya-Virus, berichtete das Team kürzlich im Fachjournal "PLOS Neglected Tropical Diseases". Verwendet wurde ein kleineres Eiweißfragment als bei anderen, ähnlichen Ansätzen. "Bei einer kleinen Einheit könnten die potenziellen Nebenwirkungen geringer sein", erklärt Schnierle.

Jahrelanges Überleben in Wirten

1952 wurde das Chikungunya-Fieber bei einem Ausbruch in Tansania erstmals beschrieben. Größere Epidemien gibt es in Afrika und Asien wohl immer wieder - nur selten werden sie überhaupt registriert. "Das geht unter in der Masse fiebriger Erkrankungen dort", sagt Frank. "Ob es Dengue ist oder Chikungunya, spielt für die Behandlung der Symptome erst mal keine Rolle." Bis zum nächsten Seuchenzug versteckt sich das Virus in sogenannten Reservoir-Wirten, wie bei Dengue wahrscheinlich in Affen. "Es kann aber auch jahrelang allein in den Stechmücken überleben", sagt Schmidt-Chanasit.

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Stechmücken der Art Gemeine Hausmücke: In Deutschland gibt es 49 verschiedenen Arten. Allerdings wurden in jüngster Zeit exotische Mückenarten in Deutschland entdeckt, die Erreger von Dengue-Fieber, Gelbfieber oder etwa Chikungunya-Fieber übertragen können.

(Foto: picture alliance / dpa)

Auch ohne menschlichen Wirt klarzukommen, ist für das Virus essenziell: Infizierte sind lebenslang immun gegen die Erkrankung. Meist dauert es darum einige Jahre, bis das Virus erneut kursiert. "Bei günstiger Ausgangslage geht es los", sagt Schmidt-Chanasit. "Wie genau die aussehen muss, weiß man aber noch nicht." Einfluss auf die Infektionswege habe auch, dass sich das Virus mit einer einzigen kleinen Veränderung im Erbgut besser an die Tigermücke Aedes albopictus angepasst hat. "Zuvor hat vor allem die Gelbfiebermücke Aedes aegypti den Erreger wirksam übertragen." Ansteckungen von Mensch zu Mensch sind extrem selten.

Zum Weltenbummler sei Chikungunya hauptsächlich durch den globalen Reise- und Warenverkehr geworden, sagt Schmidt-Chanasit. Allein an seinem Institut würden inzwischen jährlich etwa 200 infizierte Reisende behandelt - vor einigen Jahren seien es nur etwa 30 gewesen. Etwas überproportional meldeten sich ältere Menschen, ergänzt Frank. Möglicherweise seien Verläufe mit langanhaltenden Schmerzen bei ihnen häufiger, die sie nach Beendigung der Reise noch zu einem Arzt gehen lassen.

Wahrscheinlichkeit lokaler Ausbrüche in Südeuropa

Weitgehend unklar ist bislang auch, wie stark sich Chikungunya in Südeuropa ausbreiten könnte. Im Sommer 2007 gab es in der italienischen Provinz Ravenna einen Ausbruch mit mehr als 200 Infizierten. Ein 83-Jähriger starb. Die meisten Patienten waren Einwohner zweier an einem Fluss liegender Dörfer. Eingeschleppt hatte das Virus wahrscheinlich ein aus Südindien zurückgekehrter Reisender. Übertragen wurde es von Tigermücken, die inzwischen entlang der nördlichen Mittelmeerküste dauerhaft heimisch sind.

Weitere lokale Ausbrüche in Südeuropa halten Experten darum durchaus für möglich - vor allem in ausdauernd heißen Sommern. "Sind die Temperaturen zu niedrig, funktioniert die Übertragung der Viren viel schlechter", erklärt Frank. Selbst in Deutschland wurden schon erwachsene Exemplare, Eier und Larven der ursprünglich in Süd- und Südostasien heimischen Stechmückenart gefunden. "Aedes albopictus ist ein totaler Kulturfolger, ihr reicht das Wasser in einem Blumentopfuntersetzer, um sich zu vermehren", sagt Frank. "Für einen großen Chikungunya-Ausbruch in Europa wäre aber eine ungewöhnlich langanhaltende Hitzewelle nötig."

Quelle: n-tv.de, sni/dpa

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