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Kein Grund zur Entwarnung Warum noch viele Intensivbetten frei sind

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Ein freies Intensivbett bedeutet nicht unbedingt, dass darin auch ein Covid-19-Patient mit schwerem Krankheitsverlauf adäquat behandelt werden kann.

(Foto: picture alliance/dpa)

Obwohl die Intensivmediziner Alarm schlagen, sind in Deutschland teilweise noch viele Intensivbetten nicht belegt. Doch der Anschein trügt, denn ein freies Bett bedeutet noch lange nicht, dass Patienten darin so versorgt werden können, wie sie es benötigen - vor allem, wenn die Lunge versagt.

Bereits am vergangenen Freitag warnte die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) vor einer bald möglichen Überlastung der Krankenhäuser. Schon in 14 Tagen werde "die Zahl der COVID-19-Patienten auf den Intensivstationen auf die 6.000 zugehen - und das wird nur schwerlich aufzuhalten sein", sagte Christian Karagiannidis, Leiter des DIVI-Intensivregisters.

Damit wären es mehr Patienten als auf der Spitze der zweiten Welle zum Jahreswechsel. "Durch einen harten Lockdown hätten wir jeweils abbiegen und damit Leid und Tod verhindern können - aber wir verpassen durch politisches Zögern jede der möglichen Ausfahrten", so Karagiannidis.

Diese Warnung scheint nicht zu dem Bild zu passen, das sich bei einem Blick auf die deutschlandweiten Intensivstationen ergibt. Dort sieht man nämlich etliche Regionen, für die noch über 30 Prozent freie Kapazitäten oder mehr angezeigt werden. Nicht nur in Gebieten mit besonders niedrigen Fallzahlen, selbst in Ost-Bayern, Sachsen oder Thüringen findet man sie, wo die Inzidenzen besonders hoch sind.

Intensivstation ist nicht gleich Intensivstation

Doch für praktizierende Intensivmediziner zeigen diese Zahlen nur die halbe Wahrheit. Ja, es gäbe freie Intensivbetten und sogar nicht so wenige, schreibt zum Beispiel ein Narkosearzt (@Narkosedoc) auf Twitter. "Also alles nur Bluff? Nein. Helfen uns diese freien Betten? Überhaupt nicht."

Intensivstation sei nicht gleich Intensivstation. "Es gibt kleinere und größere Krankenhäuser. Wir unterscheiden Grundversorger, Regelversorger, Schwerpunktversorger und Maximalversorger", schreibt der Narkosearzt. Kleine Krankenhäuser sind üblicherweise für die Regelversorgung zuständig. Das heißt, sie sind für alltägliche Krankheiten und Verletzungen gerüstet, nicht aber für komplizierte Operationen oder eben die Behandlung von schwerstkranken Covid-19-Patienten, die invasiv (intubiert) beatmet werden müssen.

Das trifft besonders dann zu, wenn sie eine ECMO benötigen, eine Extrakorporale Membranoxygenisierung. Im Prinzip handelt es sich dabei um eine künstliche Lunge. Durch sie fließt das Blut des Patienten und wird mit Sauerstoff angereichert, weil seine eigene Lunge dies nicht mehr kann.

ECMO ist die Ultimo Ratio

In Deutschland gibt es derzeit 757 ECMOs, von denen aktuell 445 belegt sind. Normale Krankenhäuser haben so etwas nicht, auch gut ausgestattete Einrichtungen nur selten. ECMOs findet man gewöhnlich in den großen Häusern wie beispielsweise der Berliner Charité. Aber auch das Vorzeige-Krankenhaus mit rund 19.000 Angestellten hat nur 35 dieser Maschinen. Andere Berliner Kliniken haben überhaupt keine, im umgebenden Brandenburg sind es laut "Tagesspiegel" gerade mal sieben ECMOs.

Die Ärzte bemühen sich zwar, auch eine invasive Beatmung so selten wie möglich einzusetzen, da sie die Lungen der Patienten stark schädigen kann. Doch sie ist nach wie vor häufig unabwendbar. Von aktuell in Deutschland 4688 intensivmedizinisch versorgten Covid-19-Patienten werden 2666 invasiv beatmet. Insgesamt gibt es 10.008 "High-Care"-Betten, in denen dies möglich ist, frei sind nur noch 2069.

"Low-Care"-Stationen verlegen Patienten

Die meisten Intensivbetten gelten als "Low-Care", in denen keine invasive Beatmung möglich ist. 13.897 gibt es deutschlandweit, 13.067 sind derzeit belegt, 830 stehen noch zur Verfügung. Und das gilt nicht nur für Corona-Fälle, die Intensivstationen müssen auch wie in normalen Jahren andere Patienten versorgen können, die dies benötigen.

Zurzeit laufen besonders die großen Krankenhäuser voll. Denn die kleineren Einrichtungen stoßen bei der Versorgung an ihre Grenzen, wenn sich der Zustand ihrer Covid-19-Fälle verschlechtert. Diese Patienten müssen dann an Schwerpunkt- oder Maximalversorger verlegt werden. Häuser mit ECMO sind die Endstation.

Der Anschluss an eine künstliche Lunge ist aber nicht unbedingt das Ziel. Die großen Häuser haben auch andere Ressourcen, die es oft möglich machen, dass Patienten darum herumkommen. Dazu gehören laut @Narkosedoc beispielsweise tägliche Antibiotika-Visiten, Beratung durch einen Apotheker oder ein eigenes Labor.

Charité schlägt Alarm

Zu den Maximalversorgern gehört die Charité, die vor drei Tagen Alarm schlug. "Wenn die Anzahl schwer kranker Covid-Patienten die zweite Welle übertrifft, kommen wir in eine kritische Situation", sagte Martin Kreis, Vorstand für die Krankenversorgung in Deutschlands größter Uniklinik. Die Zahl der Neuzugänge auf den Intensivstationen sei in den vergangenen beiden Wochen deutlich gestiegen, sagte Kreis. Besonders betroffen sei nun die Altersgruppe zwischen 30 und 60, die bislang kaum Chancen auf Impfungen hatte.

"Der Trend ist eindeutig und er zwingt uns, zu reagieren", ergänzte das Vorstandsmitglied. So sei eine Reserve-Intensivstation wieder vollständig geöffnet worden. Darüber hinaus wurden planbare Operationen, die aufgeschoben werden können, abgesagt.

So ist auch die 7-Tage-Notfallreserve von rund 10.000 freien Betten mit Beatmungsgeräten, die das DIVI-Intensivregister derzeit führt, eigentlich kein Grund, nicht von einer drohenden Überlastung zu sprechen. Denn diese Kapazitäten können nur in betreibbare Betten umgewandelt werden, wenn Personal von anderen Stationen abgezogen wird.

Ein Déjà-vu

Dies habe man schon in den ersten beiden Wellen beobachten können, schreibt @Narkosedoc. Kritisch Kranke seien in höhere Versorgungsstrukturen verlegt und gleichzeitig viele elektive Eingriffe wie künstliche Gelenke, Prothesen oder Tumor-Chirurgie abgesagt worden, um Ressourcen freizuhalten.

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"So kam es, dass kleinere Häuser weniger Patienten operierten, die auf der Intensivstation hätten behandelt werden müssen. Gleichzeitig wurden kranke Covid-Patienten in andere Kliniken verlegt." So habe es in den kleinen Häusern "zeitweise wirklich relevante Leerstände" gegeben. Unterdessen hätten sich größere Häuser kaum vor Patienten retten können, so @Narkosedoc.

"Das Gleiche erleben wir jetzt wieder. Die großen Häuser laufen zu - Patienten 'stauen' sich zurück", schreibt der Narkosearzt. Würden dann wie zuletzt in ganzen Landkreisen Auslastungen jenseits der 90 Prozent erreicht, seien weder Rettungsdienst noch Krankenhäuser handlungsfähig. "Es nützt dem Intensivmediziner in Köln für seinen Patienten nach Einriss der Hauptschlagader nichts, wenn im Kreis Höxter ein paar freie Intensivbetten bei Grund- und Regelversorgern frei stehen."

Quelle: ntv.de

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