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Schlosskirche in Wittenberg: An diese Tür soll am 31. Oktober 1517  Martin Luther 95 Thesen geschlagen haben.
Schlosskirche in Wittenberg: An diese Tür soll am 31. Oktober 1517 Martin Luther 95 Thesen geschlagen haben.(Foto: imago/Stefan Zeitz)
Dienstag, 31. Oktober 2017

Frage & Antwort, Nr. 505: Hat Luther 95 Thesen an die Tür genagelt?

Von Fabian Maysenhölder

Wie war das eigentlich im Jahr 1517 - hat da tatsächlich ein aufgebrachter Luther die Thesen an die Tür der Wittenberger Schlosskirche genagelt?

Welches Bild haben Sie vor Augen, wenn Sie an die Reformation denken? Die Chancen stehen gut, dass es Ihnen wie vielen geht: Sie sehen einen aufgebrachten Luther, der mit einem großen Hammer seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel an die massive Holztür der Wittenberger Schlosskirche nagelt. Kein Luther-Film kommt ohne diese Szene aus, in der sich Luthers wutentbrannte Empörung gegen die Kirchenoberen in einem einzigen Moment zu bündeln und entleeren scheint. Auch in der Kunstgeschichte findet man unzählige Darstellungen davon.

Martin-Luther-Denkmal auf dem Marktplatz von Wittenberg.
Martin-Luther-Denkmal auf dem Marktplatz von Wittenberg.(Foto: picture alliance / Jan Woitas/dp)

Doch die Frage ist berechtigt: Hat dieser Thesenanschlag tatsächlich stattgefunden - oder handelt es sich letztlich nur um eine Legende? In der Tat gehen die meisten Lutherforscher heute genau davon aus: dass der Reformator am 31. Oktober 1517 Hammer und Nagel in der Schublade gelassen hat.

Luther selbst schweigt

Zu Luthers Lebzeiten war von seinem Thesenanschlag nie die Rede. Schon das lässt stutzig werden: Hätte Luther sich nicht in irgendeiner Form zu einer solch provokanten Aktion geäußert? Das Gegenteil ist nämlich der Fall. Wie der Kirchenhistoriker Volker Leppin im Gespräch mit n-tv.de sagt, hat Luther selbst geschrieben, dass er die Thesen vor Veröffentlichung erst einmal den Bischöfen habe zukommen lassen, weil er sie zur Diskussion stellen wollte.

Stattdessen ist es der Reformator Philipp Melanchthon, der die Erzählung von einem Thesenanschlag populär machen wird - und zwar erst 1547, nach Luthers Tod. Und diese Erzählung zieht weite Kreise, denn natürlich ist ein solch revolutionärer Akt etwas, was man gerne aufnimmt und mit seinem Lutherbild verbindet. Eine Zäsur. Ein revolutionärer, wütender Mönch, der nicht mehr anders kann, als öffentlich die Missstände in seiner Kirche anzuprangern. Zum ersten Mal feiert man den angeblichen Thesenanschlag übrigens groß beim 100-jährigen Reformationsjubiläum 1617. Über die Jahrhunderte wird er immer populärer.

Ein Thesenanschlag passt nicht zu Luthers Motivation

Bis 1961. Dann fragt nämlich der katholische Lutherforscher Erwin Iserloh genauer nach und behauptet: Die bis dahin als historisch akzeptierte Szene ist eine Legende. Er argumentierte unter anderem auch damit, dass Luther die Aktion nicht erwähnt hat. Und Melanchthon sei kein Augenzeuge gewesen, da er erst 1518 nach Wittenberg kam.

Außerdem wäre eine Hammer-und-Nagel-Aktion Luthers ohne Zustimmung der Bischöfe eine klare Provokation gewesen, die Luthers Motivation - zumindest anfangs - nicht entsprach. Luther hatte zu Beginn die Hoffnung, die Kirche würde einlenken und ihm zustimmen. Er wollte keine Spaltung, sondern eine friedliche Reformation von innen. Es scheint also tatsächlich plausibel, Luthers eigenen Angaben zu folgen: Er hat die Thesen als Anhang zu Briefen hinzugefügt, die er an verschiedene Bischöfe verschickt hat. In der Hoffnung, mit ihnen darüber diskutieren zu können.

Martin Luther schlägt seine Thesen an die Tür der Schlosskirche von Wittenberg. (undatierte Grafik)
Martin Luther schlägt seine Thesen an die Tür der Schlosskirche von Wittenberg. (undatierte Grafik)(Foto: imago/imagebroker)

Allenfalls hätte ein Pedell der Universität, ganz unaufgeregt, die Thesen im Rahmen einer Einladung zur Disputation an der Schlosstüre anbringen können. So war es damals durchaus üblich - und wurde übrigens von einigen Künstlern im 19 Jahrhundert auch im Falle Luthers sogar noch genau so dargestellt. Doch selbst das ist im Fall Luther nicht unumstritten, denn in Wittenberg hat nie eine Disputation über die Thesen stattgefunden.

Was weiß der Sekretär?

2006 kam noch einmal Leben in die Diskussion um die Historizität des Thesenanschlags. In Jena wird eine handschriftliche Notiz von Luthers Sekretär Georg Rörer aus den 1540er-Jahren gefunden, die auf den Thesenanschlag an allen Kirchentüren Wittenbergs hinweist. Sie ist älter als die Überlieferung Melanchthons und damit das älteste Dokument zum Thema.

Allerdings ist ihre Beweiskraft unter Historikern umstritten. Auch Rörer konnte kein Augenzeuge der Aktion gewesen sein, da er erst nach 1520 nach Wittenberg kam. Und freilich bleiben die Fragen bestehen: Wie passt ein Thesenanschlag mit der Motivation Luthers zusammen? Und damit, dass er selbst die Aktion mit keiner Silbe erwähnt? War er doch ein schreib- und redegewaltiger Mönch, der auch sonst keine Probleme mit Provokationen hatte.

Es gibt nach wie vor Historiker, die an der Szene des Thesenanschlags festhalten und sie für wahrscheinlich halten. Vor allem nach dem Auffinden der Notiz von Luthers Sekretär. Die allermeisten halten sie jedoch schlicht für eine Legende, eine Art Gründungsmythos der Reformation. Dennoch muss man festhalten: Mit letzter Gewissheit kann die Frage nicht beantwortet werden.

Historische Erzählung oder Legende - letztlich ist das vielleicht aber auch irrelevant. Denn das, was damals von Wittenberg ausgehend die Welt verändert hat, war nicht die Szene mit Hammer, Nagel und Kirchentüre. Es waren die Gedanken eines Augustinermönches, der sich mit der kirchlichen Obrigkeit angelegt hat, weil er an seiner eigenen Kirche verzweifelt ist.

Quelle: n-tv.de

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