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Die wenigsten Menschen springen morgens um sechs fröhlich aus dem Bett.
Die wenigsten Menschen springen morgens um sechs fröhlich aus dem Bett.(Foto: imago/Westend61)
Dienstag, 26. Mai 2015

Frage & Antwort, Nr. 380 : Steht Deutschland zu früh auf?

Von Andrea Schorsch

Ich kenne fast niemanden, der morgens, wenn es zur Schule oder zur Arbeit geht, ausgeschlafen ist. Warum fängt in Deutschland alles so früh an? Es gibt doch Länder, in denen das anders ist. Ist deren Rhythmus nicht passender? (fragt Daniel T. aus Hannover)

Es gibt sie sehr wohl, die leidenschaftlichen Frühaufsteher, die es schon um 5 Uhr morgens ohne Wecker aus den Federn lockt, die bereits um diese Zeit bester Laune sind und womöglich auch noch ein Liedchen vor sich hinträllern. Man nennt diese Menschen Lerchen, und Studien belegen es: Sie sind vergleichsweise selten. Kleinkinder allerdings gehören – zum Leidwesen vieler Eltern – fast immer dazu.

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Das Gegenstück zu den Lerchen, die Nachteulen, gibt es häufiger. Sie finden erst gegen Morgen, etwa ab 3 Uhr, in den Schlaf und werden dementsprechend auch erst im Laufe des Vormittags wieder munter. Zu welchem Schlaftyp man gehört, ist genetisch festgelegt. Die meisten Deutschen, sagt Schlafforscher Dr. Hans-Günter Weeß auf unsere Leserfrage hin, sind der sogenannte Normaltyp – und auch der steht keineswegs alltagstauglich um 6 oder 7 Uhr auf. "Folgen sie ihrer inneren Uhr, dann wollen die meisten Menschen zwischen 24 und 2 Uhr ins Bett und zwischen 8 und 9 Uhr wieder raus", weiß der Experte.

Preußische Zeiten sind nicht "normal"

Wer aber kann es sich unter der Woche erlauben, morgens auch nur bis 8 Uhr liegen zu bleiben? "Wir haben in unserer Gesellschaft sehr preußische Zeiten", sagt der Somnologe vom Pfalzklinikum und gibt unserem Leser recht: "Sowohl die Arbeit als auch die Schule beginnen für den größten Teil der Deutschen viel zu früh." Weeß benennt die Bevölkerungsgruppe, die darunter am meisten zu leiden hat: Es sind die Jugendlichen. "Insbesondere in der Pubertät wird man zu einer ausgeprägten Nachteule", sagt der Experte. "Und das ist – wie die Wissenschaft inzwischen nahelegt  – hormonell bedingt. Der Jugendliche geht spät ins Bett, weil er vorher gar nicht schlafen kann."

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Gleichwohl entspricht der Schlafbedarf der Teenager immer noch dem jüngerer Kinder. "Neun bis zehn Stunden Schlaf brauchen auch Jugendliche noch", sagt Weeß. Dass es von montags bis freitags außerhalb der Ferien kaum eine Nacht geben dürfte, in der dieses Pensum erfüllt ist, liegt auf der Hand. Wenn Eulen schon um 8 Uhr zumindest körperlich im Unterricht anwesend sein müssen, kommt der Schlaf zu kurz. "Die Schule beginnt viel, viel zu früh", resümiert der Schlafforscher daher mit Nachdruck. "Jugendliche kommen in einen Dauerschlafmangel hinein."

Klassenarbeiten besser erst nach 10

Der wirkt sich natürlich auch auf die Konzentration und das Lernen aus. "Es gibt Studien", erläutert Weeß, "die belegen, dass die Schulleistung um 7.45 Uhr deutlich schlechter ist als um 8.45 Uhr." Klassenarbeiten sollten daher nicht vor 10 oder 11 Uhr geschrieben werden, gibt der Schlafforscher zu bedenken. "Vorher sind die Eulen immer benachteiligt."

Finge der Unterricht hierzulande grundsätzlich eine Stunde später an, wäre den Schülern schon geholfen. Tatsächlich gibt es nur wenige Länder, die ihre Jugendlichen so früh aus den Betten scheuchen wie Deutschland. Nur in Polen und der Schweiz beginnt der Unterricht ähnlich früh. In vielen anderen europäischen Ländern geht er immerhin nicht vor 8.30 Uhr los und bei den Angelsachsen hält man sich an "nine to five". Zum natürlichen Lebensrhythmus passt das sehr viel besser – übrigens auch für die Eltern.

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Quelle: n-tv.de