Frage & Antwort

Frage & Antwort Wie kommen Eisberge zu ihrem Namen?

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Da war er geboren: der gigantische Eisberg A68.

(Foto: imago/ZUMA Press)

A68 - so heißen nicht nur Autobahnen, sondern auch der riesige Eisberg, der sich im Juli von der Antarktischen Halbinsel gelöst hat. Andere Eisberge, die Schlagzeilen machten, wurden B15, A38 oder auch B17-B genannt. Warum?

Als vor etwa einem Monat ein gigantischer Eisberg vom antarktischen Larsen-C-Schelfeis abbrach, bekam er zügig einen Namen: A68 sollte er heißen. A68 – das hat den Charme einer Autobahn und tatsächlich gibt es sowohl in Großbritannien als auch in Frankreich und Spanien eine solche Fernverkehrsstraße. Hätte man da nicht für den imposanten Koloss im Meer vor der Westantarktis einen klangvolleren Namen finden können?

Sucht man nach anderen Eisbergen, die Schlagzeilen machten, zeigt sich: Auch sie haben katalogartige Bezeichnungen. Im Jahr 2000 brach B15 vom Ross-Schelfeis ab, 1998 hatte sich an anderer Stelle in der Antarktis A38 gelöst und 1999 machte B17-B von sich reden, als er Richtung Australien trieb. Ein Buchstabe, eine Zahl und fertig scheint der Eisberg-Name. Manchmal aber kommt offenbar noch ein Buchstabe hinterher. Wer legt das fest? Und welches System steckt dahinter?

Name zeigt Entstehungsort an

Dr. Christine Wesche vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven erklärt uns: "Der Name entsteht als Zusammensetzung aus dem Sektor, wo der Eisberg gekalbt ist, und einer fortlaufenden Nummer." Die Antarktis lasse sich nämlich – wenn man die Karte vor Augen hat – mithilfe der Längenkreise sehr einfach in Quadranten einteilen:

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Hier gut zu sehen: die Einteilung der Antarktis in Quadranten.

(Foto: Landsat Image Mosaic of Antarctica team / NASA / Wikipedia / gemeinfrei)

Sektor A erstreckt dabei von 0 bis 90 Grad West und umfasst das Weddell-Meer, die Antarktische Halbinsel und die Bellinghausen-See. Daran schließt sich in einer Runde gegen den Uhrzeigersinn Sektor B an - von 90 Grad West bis 180 Grad. Dazu gehören die Amundsensee und das Rossmeer. Sektor C ist der Teil von 180 Grad bis 90 Grad Ost. Hier liegt Wilkesland. Und Sektor D schließlich macht den Kreis voll und geht von 90 Grad Ost bis 0 Grad. In diesem Gebiet befindet sich unter anderem das Amery-Schelfeis.

Wenn nun der im Juli 2017 abgebrochene Eisberg den Namen A68 erhält, zeigt das an, dass er aus Sektor A kommt und bereits der 68. riesige Eisberg ist, der in diesem Bereich seit 1976 gezählt wurde. "Riesig" ist dabei wichtig. Denn Eisberge bekommen nur dann einen Namen, wenn sie mindestens 10 nautische Meilen beziehungsweise 18,5 Kilometer lang sind oder eine Fläche von mindestens 20 nautischen Quadratmeilen haben.

Bruchstücke werden "durchalphabetisiert"

Es ist das US-amerikanische National Ice Center (NIC), das die weißen Kolosse aus der Antarktis direkt nach ihrer Entstehung benennt und sie in der Folgezeit überwacht. Die gigantischen Tafeleisberge schmelzen sehr langsam, und je nachdem, wie sie wandern, können sie irgendwann Schiffen in die Quere kommen. Auch verlieren sie oft große Stücke, die sich ihrerseits lange halten können und womöglich der Schifffahrt gefährlich werden.

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So löste sich etwa, wie auf Satellitenbildern zu sehen war, von Koloss A68 gleich nach ein bis zwei Tagen ein Brocken ab. Und damit wären wir beim zweiten Buchstaben, der am Ende eines manchen Eisberg-Namens auftaucht: Zerfällt nämlich ein Eisberg in mehrere Teile, werden diese in der Reihenfolge ihrer Entstehung alphabetisch mit einem zusätzlichen Buchstaben versehen – sofern sie groß genug sind.

Das Teil, das A68 bereits bis zum 14. Juli verloren hatte, war ersten Messungen zufolge zu klein für einen eigenen Namen. Am 17. Juli aber gab das NIC dann doch bekannt, dass nunmehr von A68-A (dem ursprünglichen Eisberg) und A68-B (dem ersten Bruchstück) die Rede ist. Zwar misst der neue, kleinere Teil nur 6,5 mal 3 nautische Meilen und bleibt damit in beiden Achsen deutlich unter 18,5 Kilometern. Doch er erfüllt knapp die zweite Voraussetzung für einen eigenen Namen: die Größe von 20 nautischen Quadratmeilen. A68-B ist damit aktuell der kleinste vom NIC beobachtete antarktische Eisberg mit einem Namen.

Auf der Nordhalbkugel sind die Namen schöner

Auch Eisberge, die weniger als 20 nautische Quadratmeilen groß sind, hat das NIC im Visier. Sie aber werden nicht mit einem Namen versehen, sondern den Kategorien klein, mittel, groß oder sehr groß zugeordnet. Damit das NIC überhaupt von einem Eisberg spricht, muss der Brocken mehr als 5 Meter hoch aus dem Wasser ragen, 30 bis 50 Meter lang sein und eine Fläche von 500 Quadratmetern bedecken. Alles, was kleiner ist, sind "bergy bits" oder aber "growler"; von Letzteren würde der sichtbare Teil locker ins Wohnzimmer passen.

In diese Kategorien fallen übrigens auch die Eisberge auf der Nordhalbkugel. Die zerklüfteten Brocken, die von grönländischen Gletschern abbrechen, erreichen nur selten ähnliche Ausmaße wie die antarktischen Tafeleisberge. Auch sind sie wanderfreudiger und schmelzen daher schneller. Eisberge in arktischen Gewässern werden somit durchnummeriert und einer Größenkategorie zugeordnet, auch ihre Form wird beschrieben. Die Voraussetzungen für einen Namen aber erfüllen sehr wenige von ihnen.

Doch wenn, dann kann dieser Name deutlich ansprechender ausfallen als bei den südpolaren Riesen: Als 2010 ein Eisberg mit einer Größe von 260 Quadratkilometern vom grönländischen Petermann-Gletscher abriss, nannte ihn das NIC "Petermann Ice Island (2010)". Zwei Jahre später folgte ein weiterer, immerhin 130 Quadratkilometer großer Eisberg an selber Stelle. Erwartungsgemäß hieß er "Petermann Ice Island (2012)". In der Fachwelt aber wurde daraus – und da sind wir fast wieder bei der Autobahn – kurz und knapp PII-2012. Ein hübscher, langer Name fördert eben nicht unbedingt die schnelle Verständigung.

Quelle: n-tv.de

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