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Unter der Aufsicht von Volkspolizisten bauen Ostberliner Maurer am Potsdamer Platz am "Antifaschistischen Schutzwall" (Bild vom 18. August 1961).
Unter der Aufsicht von Volkspolizisten bauen Ostberliner Maurer am Potsdamer Platz am "Antifaschistischen Schutzwall" (Bild vom 18. August 1961).(Foto: picture-alliance / dpa)

Kennedy, Chruschtschow und der Kalte Krieg: "JFK hätte die Mauer verhindern können"

Vor genau 50 Jahren steht Berlin im Fokus der Weltpolitik. Die DDR zieht die Mauer hoch - und die Welt schaut zu. Dabei spielt besonders US-Präsident John F. Kennedy eine unrühmliche Rolle, meint der Autor Frederick Kempe im Gespräch mit n-tv.de. "Sein Ziel war, keinen einzigen Amerikaner in Berlin zu verlieren", so Kempe. Kennedy habe geglaubt, der Sowjetunion entgegenkommen zu müssen. "Das war eine fatale Fehleinschätzung", so Kempe. Ein Jahr danach habe es die Kuba-Krise gegeben, durch den Mauerbau sei die Welt gefährlicher geworden.

n-tv.de: Was ist noch immer so spannend an Berlin 1961?

Frederick Kempe: Berlin war ein Spielplatz der Weltpolitik. Das ist nur teilweise eine deutsche Geschichte. Ich habe versucht, die Geschichten von Kennedy, Chruschtschow, Adenauer und Ulbricht zusammen zu erzählen. Um Berlin 1961 zu verstehen, muss man die deutsche Geschichte verstehen, aber auch die Weltgeschichte. Natürlich stand die in Berlin, aber die Strippenzieher saßen in Washington und Moskau.

Am "Checkpoint Charlie", Oktober 1961.
Am "Checkpoint Charlie", Oktober 1961.(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Welche neuen Erkenntnisse haben Sie bei den Recherchen für Ihr Buch gewonnen?

Die meisten neuen Erkenntnisse hatte ich in Bezug auf US-Präsident John F. Kennedy und seine Rolle. Die stammen teilweise aus neuen Dokumenten, von denen ich ein paar in den Vereinigten Staaten gefunden habe, einige auch in Deutschland. Aber es ist immer noch schwierig, neue Sachen aus Moskau zu bekommen. Ich habe auch bereits veröffentlichte Dokumente genauer angesehen, und aus all diesem Material habe ich mein Buch geschrieben.

Welche Rolle schreiben Sie Kennedy zu?

Kennedy hat selbst gesagt, dass 1961 kein gutes Jahr für ihn war. Ich gehe noch weiter und sage, wenn man es genau anschaut, hat Kennedy das Skript für den Mauerbau mitgeschrieben.

Wie meinen Sie das?

Kennedy hat in Wien dem sowjetischen Ministerpräsidenten Nikita Chruschtschow mehr oder weniger klar gesagt, dass er innerhalb Ost-Berlins und der DDR machen könne, was er wolle, solange er West-Berlin unberührt lässt. Deshalb ist die Mauer komplett auf dem Territorium Ost-Berlins gebaut worden. Ich glaube, wenn Kennedy klarer gesagt hätte, dass das Viermächteabkommen heilig und unveränderlich ist, so wie dies die US-Präsidenten Harry S. Truman und Dwight D. Eisenhower vor ihm klargestellt haben, hätte Chruschtschow im August den Mauerbau nicht riskiert.

Die Deutschen haben Kennedy mit seinem Satz vor Augen: "Ich bin ein Berliner". Wie kann ihm da Berlin so egal gewesen sein?

US-Präsident John F. Kennedy bei seinem Berlin-Besuch 1963.
US-Präsident John F. Kennedy bei seinem Berlin-Besuch 1963.(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

1961 hatte Berlin wenig Bedeutung für Kennedy. 1963, als er diesen Satz gesagt hat, war es anders. Zwei Jahre zuvor hat er drei Prioritäten: Er muss einen Atomkrieg abwenden. Er muss Amerikas Ruf bewahren, und er will wiedergewählt werden. Sein Ziel war, keinen einzigen Amerikaner in Berlin zu verlieren. Er wollte 1961 Abrüstungsgespräche mit den Russen führen. Und er hat gedacht, wenn er zulässt, dass die Mauer gebaut wird, würde er bereitwilligere Partner in Moskau finden. Das war eine fatale Fehleinschätzung. Ein Jahr danach haben wir die Kuba-Krise.

Inwieweit hängen beide Ereignisse zusammen?

Ich glaube, und meiner Meinung nach belegen das auch die Dokumente, dass Chruschtschow die Kuba-Krise nicht initiiert hätte, wenn er 1961 in Berlin nicht durchgekommen wäre. Er hätte niemals Atomwaffen so nah an Amerika stationiert, wenn er Kennedy nicht für schwach gehalten hätte. Viele argumentieren ja, die Berliner Mauer habe die Welt weniger gefährlich gemacht. Ich denke, das Gegenteil ist der Fall. Die Mauer hat die Welt insoweit gefährlicher gemacht, dass es ein Jahr später fast zum Atomkrieg gekommen ist.

Hat Kennedy daraus gelernt?

Ich glaube schon. 1963 ist ein neuer Kennedy geboren, er ist gegenüber der Sowjetunion eher ein Hardliner geworden. Er hat entschieden, dass man gegen Moskau entschiedener auftreten muss. Und dann sagt er diesen Satz: "Ich bin ein Berliner." Ich glaube, dass er während der Fahrt durch Berlin ein Berliner geworden ist.

Wie kommen Sie darauf?

Er hat die Menschenmengen gesehen, er war überwältigt von den Berlinern. Da hat er seine Rede umgeschrieben. Nicht den Satz: "Ich bin ein Berliner". Aber die Sätze, die dorthin führten.

Wer war für den Mauerbau die treibende Kraft, Ulbricht oder Chruschtschow?

Der sowjetische Ministerpräsident Chruschtschow hielt Kennedy für schwach.
Der sowjetische Ministerpräsident Chruschtschow hielt Kennedy für schwach.(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Ulbricht wollte schon 1952 die Grenze schließen. Dazu war Stalin nicht bereit. Dann starb Stalin, und Ulbricht versuchte es immer noch. Aber Chruschtschow wollte die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten verbessern, da hätte ein solcher Schritt gestört. Von Anfang Januar 1961 an machte Ulbricht dann ganz intensive Pläne, die Grenze zu schließen. Honecker wurde beauftragt, aber dafür brauchte Ulbricht Chruschtschows Zusage. Die hat er erst  nach der "" im April bekommen, bei der Kennedy aus Chruschtschows Sicht Schwäche gezeigt hatte. Chruschtschows Sohn hat später berichtet, Chruschtschow habe kaum glauben können, wie unentschieden Kennedy vorging. Dann kamen die Wiener Gespräche, wieder versagte Kennedy. Da entscheidet sich Chruschtschow für die Zusage zum Mauerbau. Chruschtschow will kein Risiko eingehen, dass Amerika hart reagiert. Er hat im Oktober einen Parteitag, bei dem es auch um seine Karriere geht. Briefe belegen, dass Ulbricht umso stärker in Moskau war, je schwächer er in der DDR war. Moskau fürchtete einfach einen Zusammenbruch der DDR.

Wie groß war die Gefahr, dass ein Krieg ausbrechen könnte?

Sehr groß. Die Situation war eine Mischung aus Showdown und Schachspiel. Weder Kennedy noch Chruschtschow wollten Krieg. Beide haben auch versucht, einen Krieg zu vermeiden. Aber wenn Panzer voll bewaffnet 100 Meter voneinander entfernt stehen, dann braucht es nur einen nervösen Soldaten oder einen Fehler eines Kommandanten. Kriege entstehen öfter aus Missverständnissen als aus durchdachten Plänen.

Wie ist Ihre historische Sicht: Gab es eine Alternative zum Mauerbau?

Der Journalist Frederick Kempe ist Chef des Atlantic Council und Autor des Buches "Berlin 1961. Kennedy, Chruschtschow und der gefährlichste Ort der Welt".
Der Journalist Frederick Kempe ist Chef des Atlantic Council und Autor des Buches "Berlin 1961. Kennedy, Chruschtschow und der gefährlichste Ort der Welt".(Foto: © Cynthia M. Truitt)

1989 musste auch ein Flüchtlingsstrom gestoppt werden, da hat man auch eine Lösung gefunden. 1961 war die Sowjetunion nicht so am Ende wie 1989. Deshalb war sie eher bereit, für ihre Existenz zu kämpfen. Aber wir kennen die Alternativen nicht. Was wir wissen, ist, was die Entscheidung gebracht hat, die Mauer zu bauen und zu akzeptieren. Diese Entscheidung hat uns 28 Jahre Mauer gebracht, die Linien des Kalten Krieges wurden eingefroren und wir erlebten die Kuba-Krise. Aber die Mauer war nicht von vorherein eine abgemachte Sache, es hätte auch anders kommen können.

In Deutschland haben viele Menschen sehr emotionale Erinnerungen an die Mauer, ihren Bau und ihren Fall. Wie geht es Ihnen als Historiker damit?

Für mich ist das auch eine persönliche Geschichte. Meine Mutter ist in Berlin-Pankow geboren, mein Vater ist in der Nähe von Dresden aufgewachsen. Als Student habe ich meine Verwandten in der DDR besucht. Da habe ich zum ersten Mal Menschen erlebt, die nicht die Freiheit hatten, ihre Meinung frei auszusprechen, frei zu reisen. Deshalb habe ich auch in mein Buch persönliche Geschichten reingebracht. Ich wollte nicht nur von Kennedy und Chruschtschow, Ulbricht und Adenauer schreiben, sondern ich wollte auch von Berlin schreiben.

Mit Frederick Kempe sprach Solveig Bach

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Quelle: n-tv.de

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