Leben

In Vino Verena Die Unfruchtbarkeit der Marionetten

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Im Gesicht wäre die Maske aber deutlich wirkungsvoller.

(Foto: imago images/Andreas Haas)

"Corona-Diktatur", "gekaufte Medien" und "Generationen, die von unfruchtbaren Eltern geboren werden": Wenn es nach den Nachbarn unserer Kolumnistin geht, ist dies ihre letzte Kolumne. Denn nach Ansicht von Querdenkern müsste sie im September sterben.

Mark Twain hat mal gesagt: "Schlagfertigkeit ist etwas, worauf man erst 24 Stunden später kommt." So geht es mir auch: Die guten Antworten fallen mir immer erst ein, wenn die Fragen schon einen Tag durch mein Hirn gewabert sind. Vielleicht liegt es aber auch ein wenig daran, dass die Welt dieser Tage - ich hoffe, das klingt nicht allzu klischeehaft - immer mehr aus den Fugen zu geraten scheint und man ohnehin nicht mehr weiß, was man zu all dem Wahnsinn um einen herum noch sagen soll, kann oder darf. Es verschlägt mir tatsächlich immer öfter die Sprache. Dann stehe ich einfach nur da und glaube, dabei exakt so auszusehen wie die Person auf Edvard Munchs Gemälde "Der Schrei".

Im März schrieb ich eine Kolumne mit dem Titel "Schnauze halten ist keine Option mehr". Darin erzählte ich, wie ich seit Wochen durch meinen Hausflur schleiche, um nicht von meinen querdenkenden Nachbarn abgepasst zu werden, die mich davor warnen wollen, dass mich eine Impfung schon bald "tötet". Es begann mit Werbeprospekten für die Basispartei, die sie mir in den Briefkasten warfen. Bitteschön, sollen sie machen. Ist ja legitim, seine Meinung zu sagen, genauso, wie es legitim ist, eine vollkommen andere zu haben und die Werbung für die nächste selbsternannte Politik-Alternative in die Mülltonne zu pfeffern.

Ich habe auf meine damalige Kolumne viele Zuschriften erhalten. Es gab Zuspruch, aber auch kritische Vorschläge wie zum Beispiel, mit den Nachbarn zu reden statt über sie. Die Leser können natürlich nicht wissen, wie oft ich schon mit den Nachbarn geredet habe und sie auch nicht auslachte, als sie etwa sagten, sie würden mit der Überlegung liebäugeln, nach Indien auszuwandern. Denn in Indien, so sind sie der festen Überzeugung, sei die Gesellschaft noch frei und nicht von einer Corona-Diktatur unterjocht.

Bodo, das "Dschungelcamp" und "gekaufte Medien"

Es erschüttert mich, wie in diesem Land von vielen Menschen inzwischen der Begriff Freiheit definiert wird. Unsere Freiheit. Welche Freiheit ist da eigentlich gemeint? Die Freiheit, trotz Pandemie in den Urlaub zu fliegen? Was ich leider immer weniger ertrage, sind die Belehrungen all jener, die meinen, den totalen Durchblick zu haben. Neulich beispielsweise schrieb mir so ein Hasenbär, ich solle gefälligst mein "Maul halten" und lieber weiter "dämliche Kritiken über das Dschungelcamp schreiben", Politik sei nicht meine "Kragenweite". Ich antwortete ihm freundlich, ob es okay sei, wenn ich - die "feministische Systemnutte" - seinen Leserbrief anonym veröffentliche, woraufhin der gute Mann drohte, unverzüglich seine Anwälte einzuschalten.

Inzwischen passiert es mir sogar - (kein Scherz) - dass mich Mitarbeiter der größten Autokonzerne dieses Landes anschreiben und mich fragen (mich!), wieso "die Presse", die ich schließlich sei, nicht über Bodo Schiffmann und die Basisdemokratische Partei berichte. Es könne ja wohl nicht angehen, dass des Bodos Visionen nicht in den Mainstream-Medien vertreten seien.

Na, sowas aber auch! Verschwörung! Wir, die gekauften Journalisten und "Mediennutten", stecken alle unter einer Decke! Und ntv.de sei auch "gekauft", denn deren Journalisten würden "den lieben langen Tag nur über Laschet, Baerbock und Scholz" schreiben. Bodo-Schiffmann-Anhängern gefällt das nicht. Und meinen Nachbarn ebenso wenig.

Die neueste Aktion für die Freiheit in meiner Hausgemeinschaft: Vergangene Woche hat der Postbote Zettelchen auf dem Briefkasten platziert, auf denen Impfwerbung in unserem Kiez gemacht wurde. Werbung fürs Impfen? Für meine Nachbarn war nun eindeutig eine rote Linie überschritten. Sie - die Freiheitskämpfer - müssen die Menschen, vor allem jene, die noch nicht geimpft sind, versuchen zu retten. Das scheint die Mission zu sein. Magnetischen Opfern, wie ich es bin, ist leider nicht mehr zu helfen. Spätestens im September seien nämlich alle Geimpften tot. Ich werde höchstwahrscheinlich gar nicht mehr mitbekommen, wer in den kommenden vier Jahren dieses Land in Grund und Boden regiert - und damit die letzten Hürden auf dem Weg in einen diktatorischen "Verbots-Staat", wie "Spiegel"-Bestsellerautorin Nena Schink unsere Republik dieser Tage bei "Bild TV" nannte - niederreißt. Wahrlich, ein Dilemma!

Umgehend entfernten die Nachbarn die Impfwerbung und schrieben kleine Zettel, die sie stattdessen gut lesbar nun überall an den Hauswänden positionierten. "Hier: Zero-Impf-Werbung" ist in roten, geschwungenen Lettern auf ihnen zu lesen. Ob es der Hausgemeinschaft gefällt oder nicht. Das müsse jetzt halt einfach gemacht werden. Es geht schließlich um Menschenleben.

Geistige Virenschleudern und Unfruchtbarkeit

Ich bin wie gesagt geimpft. Noch bin ich am Leben. Ich lese des Öfteren, Geimpfte würden nicht akzeptieren, dass es Menschen gebe, die Angst oder Bedenken vor der Impfung haben. Außerdem sei zu wenig über die Folgen und die Inhaltsstoffe bekannt. Man könnte jetzt natürlich das Argument bedienen und sie fragen, ob sie sich auch so intensiv mit den Inhaltsstoffen ihrer Lebens- und Rauschmittel beschäftigen, aber darüber bin ich längst hinaus.

Die Inzidenzen steigen wieder. Und ich bin es leid, dass Querdenker ständig meinen, die gesamte Menschheit würde von einer kleinen, geheimen Gruppe manipuliert werden, die die Geschicke so lenkt, dass wir alle, inklusive der Regierungs-, Medizin-, Medien- und Wissenschafts-Apparate, nur Marionetten seien.

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Wenn sie so hinterfragend am Start sind, wie sie immer gern behaupten, müssen sie auch in Erwägung ziehen, ob nicht sie diejenigen sind, die manipuliert werden. Stattdessen glauben sie lieber die von Bodo-Schiffmann - Godfather of "Querdenker" - unterstützte Impf-Propaganda, die unter anderem lautet: "Menschen werden unfruchtbar und vererben die Unfruchtbarkeit auch an die nachfolgenden Generationen."

Auf Twitter las ich darauf eine Antwort vom "Volksverpetzer", die mich sehr amüsierte: Vorsicht, es kann sein, dass die nachfolgenden Generationen von "unfruchtbaren Eltern geboren werden". Als vermeintlich letzten rebellischen Akt zu meinen Lebzeiten gehe ich jetzt die Zettel im Hausflur abreißen. Sie hören in 14 Tagen von mir, natürlich nur, wenn mich die Impfung bis dahin nicht dahingerafft hat.

Quelle: ntv.de

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