Leben

Wenn Kinder ausziehen Leeres Nest, traurige Eltern?

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Im ehemaligen Kinderzimmer bleibt meist nur zurück, was im neuen Leben keinen Platz hat.

(Foto: imago stock&people)

In jedem Elternleben kommt der Punkt, an dem die Kinder ihre Sachen packen und ausziehen. Selbst wenn das Zusammenleben nicht immer nur die reine Freude war, tun Mütter und Väter sich damit oft erstaunlich schwer.

Es ist ja nicht so, dass man es nicht gewusst hätte. Die Jahre, in denen Eltern ihren Alltag, den Schlafrhythmus, die Einkäufe, die Urlaubsplanung - also eigentlich alles - nach ihren Kindern ausgerichtet haben, scheinen endlos. Trotzdem haben sie ein inneres Verfallsdatum, das unausweichlich heranrückt. Nach Angaben des Statistischen Amtes der Europäischen Union (Eurostat) lag das durchschnittliche Alter von Kindern beim Auszug aus dem Elternhaus 2019 in Deutschland bei 23,7 Jahren. Dann ist es vorbei mit dem Zusammenleben.

Schon jenseits des 15. Geburtstags nehmen die Auszugsaktivitäten mit jedem Jahr mehr zu, nach dem Abschluss der Ausbildung oder mit dem Beginn eines Studiums verlassen immer mehr Töchter und Söhne das elterliche Nest - zumindest zeitweise, etwa für ein Austauschjahr. Zurück bleiben Mütter und Väter, die diesen Tag möglicherweise herbeigesehnt haben und nun trotzdem wehmütig oder gar traurig sind.

Ende der 1960er-Jahre taucht für diese Gefühlslage in den USA der Begriff "Empty Nest-Syndrom" auf, angelehnt an Vogeleltern, deren Nachwuchs flügge geworden ist und das Nest verlassen hat. Anders als Vögeln wird den Menschen allerdings bescheinigt, dass sie in dem nun leeren Nest sehr unglücklich sind. Eine neue Krankheit ist geboren, die vor allem die Mütter zu befallen scheint. Es ist die Zeit, in der Tranquilizer und moderne Antidepressiva auf den Markt kommen, pharmazeutische Helfer gegen "schlechte" Gefühle.

Heftiges Gefühlschaos

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Inzwischen gilt diese Zeit als normale Lebenskrise, die mit Traurigkeit, Ängsten und auch jeder Menge gemischten Gefühlen einhergehen kann. "Es ist schon anders als in den 50er- oder 60er-Jahren der alten Bundesrepublik, wo viele Mütter als Hauptberuf die Familie hatten", sagt Adelheid Müller-Lissner ntv.de. Sie hat gerade ihr Buch "Empty Nest - Wenn Kinder ausziehen" veröffentlicht. "Diese Frauen haben ja ein stückweit ihren Job verloren, wenn alle Kinder ausgezogen sind." Heute sind immer mehr Frauen berufstätig und warten vielleicht darauf, im Job noch einmal richtig durchzustarten. "Das könnte ein Grund sein, warum das heute nicht mehr so dramatisch ist wie früher."

Das heißt aber nicht, dass sich Eltern mit dem Auszug der Kinder nun nicht mehr schwertun. Müller-Lissner hat für ihr Buch mit Müttern und Vätern gesprochen, die zum Teil von heftigem Gefühlschaos berichten. Die Freude darüber, dass die Tochter oder der Sohn den Studienplatz oder die nette WG gefunden hat, steht neben der Wehmut darüber, dass das Kind nun alt genug ist, um seine eigenen Entscheidungen zu treffen. Und neben der Herausforderung, die leeren Räume nicht nur in der Wohnung wieder in Besitz zu nehmen und mit Inhalt zu füllen.

"Die Gespräche, die ich geführt habe, zeigen, dass es objektiv so ist, dass hier ein wichtiger Lebensabschnitt beginnt und ein anderer endet", sagt die Autorin, deren Kinder bereits vor Jahren auszogen. "Das ist auch mit Trauer verbunden." Nachdem sie und ihr Mann ihrer Tochter geholfen hatten, die Kisten und Möbel mit einem gemieteten Kleintransporter in die neue Wohnung zu schleppen, wuchteten sie ihr eigenes Studentensofa in ihre Küche - um es auch ohne ihre jugendlichen Mitbewohnerinnen möglichst gemütlich zu haben. Und sie überlegten gemeinsam, welches Leben nun für sie beginnen sollte.

Trennung oder Neubeginn?

Je nachdem, wann man Kinder bekommen hat, ob eines oder mehrere, unterscheidet sich die Lebenssituation erheblich, in der das Nest leer wird. Manche ereilt das schon mit Anfang 40, andere erst mit Mitte 60. Die einen können sich mit dem ersten Kind langsam daran gewöhnen, wie sich die Wohnung leert, und sind dann beim dritten Kind vielleicht schon Profis. Die anderen haben genau ein Kind, das sie möglicherweise auch noch allein erzogen haben, und verlieren nun sozusagen ihren Mitbewohner und Alltagsunterstützer.

Doch für alle ist die Herausforderung die gleiche: Sie müssen loslassen und sich in die neue Situation einfinden. Das ist durchaus herausfordernd. Bei Paaren steigt beispielsweise die Trennungsgefahr, wenn die Kinder als Alltagsthema und gemeinsame Beschäftigung wegfallen. Soziologische Untersuchungen zeigen, dass bei Paaren, die gemeinsam Kinder großgezogen haben, nach 25 Ehejahren plötzlich die Scheidungsrate steigt. Zeitlich fällt dieser Punkt oft mit dem Auszug der Kinder zusammen. Bei anderen gibt es nun wieder mehr Raum und Zeit für die Partnerschaft.

Plötzlich gibt es in der Wohnung ein Zimmer, das nicht länger eindeutig vergeben ist. Braucht man die große Wohnung oder das Haus überhaupt noch? Wie sieht die ideale Zimmerverteilung jetzt aus? Wieviel Raum sollen die zu Besuch kommenden Kinder noch bekommen? Auf diese Fragen muss man Antworten finden. "Das ist natürlich auch eine Frage, ob man sich das leisten kann oder nicht", sagt Müller-Lissner. Manche leisten sich ein Kinderzimmer selbst bei knappem Raum und rühren nicht daran. "Aber die allermeisten haben doch gesagt, toll, jetzt kann ich mir ein eigenes Zimmer einrichten oder ein Büro. Einige brauchten dafür aber etwas Zeit, ließen es eine Weile bewusst leer, um sich damit zu konfrontieren und veränderten es erst dann."

Jeder muss da durch

Tröstlich ist, dass alle, deren Kinder ausziehen, auch selbst mal ausgezogen sind. Damals hatten sie darauf natürlich einen ganz anderen Blick. "Das ist normal, für die Kinder stehen entwicklungspsychologisch in diesem Moment Weiterentwicklungen an, die auch eine gewisse Dringlichkeit haben", meint Müller-Lissner. Ein gewisses Maß an Rücksichtslosigkeit gehöre bei Kindern einfach dazu, um das verwirklichen zu können.

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Die Vorteile der neuen Lebenssituationen sind manchen in der Corona-Zeit mehr als deutlich geworden. Plötzlich zogen die Kinder wieder ein, weil die Lehrveranstaltungen an der Uni sowieso online waren, weil der Job wegfiel und das Geld knapp wurde oder weil es einen in unsicheren Zeiten eben nochmal "nach Hause" zog. Dann merkten viele Eltern, "dass das gar nicht mehr angemessen ist, wenn der Auszug wieder rückgängig gemacht wird". Die alten Rollen lassen sich nicht wieder aufnehmen, neue hat man aber möglicherweise noch nicht gefunden. Die erwachsener gewordenen Kinder stellen überrascht fest, dass Mutter oder Vater ihr eigenes Leben führen und die Leerstelle, die nach dem Auszug der Kinder entstanden ist, durchaus gefüllt haben.

So, wie am ersten Kindergartentag, bei der ersten Klassenfahrt oder dem Auslandsjahr hat einfach eine neue Phase in der Eltern-Kind-Beziehung begonnen. Aber, schreibt Müller-Lissner: "Eine gute Beziehung ist nicht an ein gemeinsames Dach überm Kopf gebunden."

Quelle: ntv.de