Leben

Singlism: kein Partner in Sicht "Und was ist mit Kinderkriegen?"

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Willst du dir nicht endlich einen Mann suchen? Nein.

(Foto: imago/Bernd Friedel)

Was bedeutet Glück für Sie? Glück im Leben, in der Liebe, im Elternsein. Gibt es im Leben nur ein relevantes Ziel oder mehrere? Unsere Kolumnistin über eine kinderlose Single-Frau und ihre Perspektive in puncto erfüllende Existenz.

"Willst du denn keine Kinder? (…) Mit dem Mutterwerden solltest du dich langsam beeilen! Wenn das so weitergeht, mit deinem Single-Dasein, ist der Zug bald abgefahren! (…) Fühlst du dich nicht einsam - so ganz ohne Partner?" Das sind ein paar der Fragen, die sich meine Freundin Ulli öfter anhören muss. Von ihren Eltern, Kollegen, aber auch von Leuten aus dem gemeinsamen Freundes- und Bekanntenkreis.

Ulli ist Ende dreißig und hat, wie sie mir nach dem dritten Glas Rotwein erzählt, diese Sprüche nur noch satt. "Ich empfinde diese Fragerei nach meinem Single-Leben nervig und verletzend. (…) Ich habe keinen Mann. Na und? Kinder haben sich halt nicht ergeben. Aber allem Anschein nach bin ich die Einzige, für die das okay ist. Für die ein Leben ohne festen Partner und ohne Kinder lebenswert ist!"

Als Ulli dreißig wurde, war das alles (noch) kein Thema. Auch der Kinderwunsch hatte keine übermäßig große Rolle gespielt. Natürlich gab es Männer in ihrem Leben. Und längere Beziehungen. Auch mit Frauen. Nun wird Ulli in Kürze vierzig und die Leute um sie herum scheinen genau zu wissen, was das Beste für sie ist: endlich ein Mann. Und am besten noch ganz schnell ein Kind.

"Du hast keine Kinder, du verstehst das nicht!"

Das, was meiner Freundin passiert, mag lieb gemeint sein, aber es ist nichts anderes als Singlism, auch bekannt als Single-Shaming. Eine Frau ohne eine Beziehung? Das ist vielen Menschen in unserer größtenteils immer noch patriarchalen, heteronormativen Gesellschaft suspekt, genauso wie die Vorstellung, dass frau sich auch ohne Kinder vollwertig fühlen kann. "Du hast keine Kinder, du verstehst das nicht! (…)." Oder: "Erst seit die Kinder auf der Welt sind, weiß ich um den wahren Sinn des Lebens." Oder noch besser: "Ein Leben ohne Kinder ist möglich, aber sinnlos."

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Das ist gar nicht für alle erstrebenswert.

(Foto: picture alliance/dpa)

Ja, diese Sprüche kommen öfter, auch und besonders von - Müttern. Und sie sind nicht nur für meine Freundin Ulli, sondern für viele kinderlose Frauen, die obendrein Single sind, ein Schlag ins Gesicht und doppeltes Shaming. Als sei eine Frau ohne Mann nichts wert! Als sei eine Frau ohne Kinder nichts wert - als führen Alleinstehende, Kinderlose ein weniger ausgefülltes Leben als Frauen mit Familie. Sich aufregen oder verteidigen darf Ulli auch nicht, weil sie - wie ihr gesagt wird - eben nie in den Genuss der anderen Seite gekommen ist.

"Mutterglück, klar ist das toll", sagt Ulli, "ich freue mich für alle Mütter - wirklich! Aber ich würde mich noch mehr freuen, wenn sie ihre Sicht der Dinge nicht über alles und jeden drüber stülpen würden! Was bilden diese Leute sich überhaupt ein? Dass ihr Glücksmodell Allgemeingültigkeit hat?"

Glücksmodelle sind individuell

Wenn Ulli meint, sie sei mehr als zufrieden mit ihrem Job und liebe es, in ihrer gemütlichen Wohnung auf dem Sofa zu liegen, zu lesen und auf niemanden Rücksicht nehmen zu müssen, wird sie - auch von ihren Eltern - angeschaut, als rede sie sich dieses Gefühl der Zufriedenheit nur ein. Das müsse sie eben so machen, weil sie in Wahrheit ihre Einsamkeit und die Traurigkeit verdränge, nicht den richtigen Partner für die Familienplanung gefunden zu haben. Definitiv könne es für Ulli weder erfüllend noch ihre Version von der Zukunft sein, ihr aktuelles Single-Dasein aufrechterhalten zu wollen. Ulli verstummt mittlerweile. Sie erzählt weder, dass sie neulich die Nacht bei einem Mann verbracht hat, noch, dass sie auch gern Frauen küsst.

Wie sollen Frauen reagieren, wenn man sie fragt, wieso sie weder Mann noch Kind haben? Psychologen und Psychologinnen raten: Nicht passiv bleiben und nur nicken. Offensiv seine Meinung vertreten und sagen, dass das Glück vieler nicht das Glück aller ist. Kritik üben und ansprechen, dass es nervt, wenn die Kollegin auf Firmenfesten zum x-ten Mal versucht, einem "den Michael aus der Verwaltung" anzudrehen. Was die Familienplanung betrifft: Dem anderen freundlich, aber beherzt sagen, dass man, nur weil man keine Kinder hat, keine bekommen kann oder keine möchte, nicht weniger wert ist als Mütter oder Frauen, die in einer Beziehung sind.

Glücksmodelle sind individuell. Wo der eine den Sinn des Lebens erkennen will, sieht der andere nur Leere. Wo der eine individuelle Erfüllung und Freiheit empfindet, fühlt der andere Enge. Auf unserem Planeten leben nun fast acht Milliarden Menschen, und es ist vermessen zu meinen, dass wir alle in nur drei oder vier verschiedene Lebensmodelle passen sollen oder dürfen. Leben ist Vielfalt. Diese simple Tatsache sollte auch für unser soziales Miteinander gelten, sei es als Mutter, Vater in freier oder fester Partnerschaft oder eben als Single.

Quelle: ntv.de