Leben

Rauf und runter mit "Bild" Was macht eigentlich Julian Reichelt?

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Reichelt, dessen Karriere vor fast 20 Jahren als Volontär bei der "Bild"-Zeitung begann, soll gar kein wuchtiger Patriarch der alten Schule sein, heißt es.

(Foto: imago/ecomedia/robert fishman)

Vielleicht sollte es besser heißen: Was wird Julian Reichelt machen? Machtmissbrauchs-Storys sind so alt und doch immer wieder erschreckend aktuell. Es geht um Männer (oben), Frauen (unten), Vorverurteilungen, Flurfunk, Machismo und Mimimi. Hier nachzulesen, vollkommen subjektiv.

Julian Reichelt ist ein Mann. Er arbeitet (noch) bei der "Bild"-Zeitung, in führender Position. Zwei Fakten, die nicht unbedingt für einen Menschen sprechen. Man hört ja so dies und das. Momentan ist er freigestellt, denn es gibt konkrete Anschuldigungen gegen ihn. Er soll Mitarbeiterinnen zum Essen eingeladen, eventuell kurz darauf amtlich befördert und manchmal ebenso schnell wieder entlassen haben. Wir waren nicht dabei. Das ist das, was gemunkelt wird; das ist das, was ihm zur Last gelegt wird.

Die Freistellung habe er selbst initiiert, um eine lückenlose Aufklärung zu gewährleisten, sagt er. Andere behaupten das Gegenteil, nämlich, dass er freigestellt wurde. So weit, so schlecht für ihn. Ansonsten sollte gelten - auch wenn es schwerfällt und auch bei schlimmsten Befürchtungen und viel Flurfunk: "Im Zweifel für den Angeklagten."

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Was würde Axel Cäsar Springer jetzt sagen? (Foto: 1973 mit seiner späteren, fünften Ehefrau Friede)

(Foto: imago images/Sven Simon)

Denn kaum ein anderes Thema ist so gefährlich wie der Vorwurf des männlichen Machtmissbrauchs gegenüber Frauen: Gerüchte verselbstständigen sich, sie bleiben haften, oft lange über den Abschluss einer Untersuchung hinaus. Die Unschuldsvermutung, die für jeden Beschuldigten gilt, hat es dann oft schwer, gegen Vorverurteilungen zu bestehen. Siehe Andreas Türk (2004) und Jörg Kachelmann (2010): Beide wurden der Vergewaltigung bezichtigt, beide wurden freigesprochen, beide mussten lange um ihre Reputation kämpfen. Aber ein fader Beigeschmack bleibt, da kann man noch so unschuldig sein.

Erst angegrabscht, dann angefeindet

Aber - und wie oft hat man schon davon gehört, es erlebt, beobachtet - Männer in Machtpositionen missbrauchen diese. Dabei ist von Übergriffigkeit bis sexueller Belästigung, von Niedermachen vor versammelter Mannschaft bis zu feinen, aber gemeinen, für andere kaum sichtbaren Seitenhieben alles dabei. Das Repertoire ist mannigfaltig, Abhängigkeiten werden ausgenutzt. Das ist so, seit es Menschen gibt. Das wird wahrscheinlich auch so bleiben. Gut ist, dass Menschen in Abhängigkeitsverhältnissen sich inzwischen trotzdem trauen und sagen: "So nicht, Freundchen!" Aber machen wir uns nichts vor, immer noch läuft es so ab, wie es momentan auch im Springer-Verlag ablaufen soll: Richtig toll findet das keiner, dass da plötzlich Frauen aufstehen und sagen, der da, der hat mich angegrabscht, und der da, der hat mich entlassen, nachdem ich ihm nicht mehr gefällig sein wollte.

Ehe Frauen diesen Schritt überhaupt wagen, muss viel passiert sein, denn allzu oft löst die öffentliche Diskussion bei den Opfern ein weiteres Trauma aus: Frauen, die sich als Betroffene zu erkennen geben, werden zum Ziel von Anfeindungen. "Die Zeit" berichtet, dass es 2018 bei Springer schon einmal eine mehrseitige Liste mit Beschwerden über sexistisches Verhalten mehrerer Männer gab, die Vorgänge landeten in der Compliance-Abteilung. "Am Ende kam es so, wie oft in vergleichbaren Fällen: Die betroffenen Frauen mussten sich erklären und rechtfertigen. Einige von ihnen haben das Haus enttäuscht verlassen", so die "Zeit".

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"Ich werde mich gegen die wehren, die mich vernichten wollen, weil ihnen 'Bild' und alles, wofür wir stehen, nicht gefällt", soll Reichelt laut Kress-Report im redaktionsinternen Slack-Kanal geschrieben haben.

(Foto: imago images/Future Image)

Damals soll Julian Reichelt nichts damit zu tun gehabt haben. Und er hat Freunde, die für ihn sprechen: "Ich kenne Julian seit über 15 Jahren, vier Jahre war er mein direkter Chef, und ich habe nie erlebt, dass er seine Macht gegenüber Mitarbeiterinnen missbraucht hätte", verrät die ehemalige "Bild"-Autorin Anna von Bayern der "Zeit". Er soll Frauen, die ins Ausland wollten, gefördert haben, wer als Reporterin hartnäckig war, konnte sich nahezu blind auf ihn verlassen, heißt es dort weiter.

Mal was anderes: Arbeitskultur

Dennoch überrascht es ein wenig, mit welcher Vehemenz seit einigen Tagen gegen Julian Reichelt persönlich, seinen Führungsstil und ein sogenanntes "altes Establishment" vorgegangen wird. Wird da "eine Sau durchs Dorf getrieben"? Stellvertretend für all die anderen Männer, die noch weiter grabschen, entlassen, "Vögeln, fördern, feuern", wie es der "Spiegel" in seiner Überschrift formulierte? Die große Resonanz auf den "Fall Julian Reichelt" lässt sich vielleicht damit begründen, dass andere Unternehmen sich nun ebenfalls selbstkritisch fragen müssen, ob sie für die Integrität ihrer Führungskräfte die Hand ins Feuer legen würden oder wie Unternehmen gedenken, in Zukunft mit dem Fehlverhalten einzelner Personen umzugehen. Aber auch, wie sie ihre Führungskräfte gegen unberechtigte Vorwürfe schützen.

Und dann gibt es noch einen weiteren Handlungsstrang, der im Endeffekt viel größer, viel wichtiger und viel nachhaltiger sein könnte, der aber droht, bei der ganzen Aufmerksamkeit für diese eine, einzelne Person unterzugehen. Und das wäre der Handlungsstrang, in dem es darum geht, dass Mitarbeiterinnen generell die Nase voll davon haben, wie in Unternehmen geführt wird. Denn was als einzelne Beschwerde begann, hat sich im Fall von Springer ja längst von der Prüfung einzelner Fälle losgelöst: Für Reichelt und für den Verlag dürfte es inzwischen vor allem um einen modernen Führungsstil gehen und darum, wie männlich und auch entwürdigend die Arbeitskultur - nicht nur - in Europas reichweitenstärkster Zeitung sein darf.

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Springers Vorstandsvorsitzender Mathias Döpfner kannte bereits 2006 das "Prinzip Bild": "Wer mit ihr im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten". 

(Foto: dpa)

"Wir" waren nicht dabei, wenn Julian Reichelt mit einer Frau allein im Raum war. Oder Paternoster in der Springer-Zentrale rauf (und wieder runter) fuhr. Wie gesagt, man hört so einiges, und das meiste davon ist nicht schmeichelhaft. Es wird etwas dran sein, denn an Gerüchten ist meist etwas dran, aber es gibt eben auch die andere Seite. Die, auf der Mitarbeiter davon berichten, dass er ein guter Chef war. Etwas zu sehr "ehemaliger Kriegsberichterstatter", sich in seiner Rolle vielleicht ein bisschen zu sehr gefallend, mit Einschränkungen also. Er soll sich im Laufe der Jahre und mit den Aufgaben verändert haben, stand in der "Zeit".

Keine Verteidigung, nur eine Überlegung

Julian Reichelts Freistellung als Eingeständnis zu bewerten wäre also voreilig. Die größte Verurteilung geschieht ja auch nicht durch ein Gericht. Die größte Verurteilung geschieht bereits im Vorfeld durch die Öffentlichkeit: Wenn diese ihr Urteil gefällt hat, ist es eigentlich schon zu spät, selbst dann, wenn der Angeklagte tatsächlich unschuldig ist. Viele haben ihn angeblich  bereits abgeschrieben, glauben, dass er "durch" ist, eben auch, weil es nicht die ersten Beschwerden sind. Sollte er zurückkehren, dann muss vieles anders werden. Vielleicht gelingt ein neues Image mit einer neuen Chefredakteurin aber besser?

Wehren muss sich Reichelt anscheinend auch gegen den Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre, der eventuell einen eigenen Rache-Feldzug gegen ihn führt. Mag sein, dass das, was er dem "Bild"-Mann vorwirft - Rassismus zum Beispiel, weil Reichelt gesagt haben soll, dass er laut (interner) Notiz keine Chinesen einstellen möchte - stimmt. Mag aber auch sein, dass da verletzte Gefühle und Eitelkeiten eine Rolle spielen, weil eine Zusammenarbeit nicht zustande kam.

Und der ehemalige Politik-Chef der "Bild"-Zeitung, Georg Streiter, der aus seiner Abneigung gegen Reichelt keinen Hehl macht, aber auch weiß, wie er Klatsch und Tratsch zu bewerten hat, äußerst sich in "Cicero": "Vor drei Jahren gab es einen ähnlichen Fall, der erstaunlicherweise zu seinen (Reichelts, Anm.d.Red.) Gunsten entschieden wurde. Es war eine erste Warnung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand, der so spektakulär auf eigenen Wunsch beurlaubt wurde, nach kurzer Zeit wieder unbeschädigt in dieselbe Redaktion hineinmarschiert."

Es müssen also gar nicht die Frauen sein, die einem Mann am Ende des Tages den finalen Todesstoß versetzen.

Quelle: ntv.de

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