Leben

Männer? Die Kolumne. Weg mit den Silberrücken!

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Dorfbürgermeister (Abbildung ähnlich).

(Foto: picture alliance / Franziska Kra)

Unser Autor sucht die Ruhe, es zieht ihn aufs Land. Womit er nicht gerechnet hatte: Bräsige Dorfbürgermeister und jahrzehntealte Dorffehden sind zäher als jeder Immobilienmakler.

Alle Menschen werden älter, das scheint auch für mich zu gelten. Für viele ist der Prozess an sich schon ein Problem, für mich nicht - ich weiß ja, was kommt und habe mich entsprechend vorbereitet. Ganz besonders freue ich mich auf meine Midlife-Crisis: Da werden mir dann endlich all die Dinge Spaß machen, die ich heute ganz furchtbar eklig finde, Porschefahren zum Beispiel oder Rosenkohl. Weil das aber noch ein paar Jahre hin ist und Raven - der Lebensinhalt meiner Zwanziger - seit Corona eine denkbar schlechte Idee ist, wollten meine Freundin und ich es erstmal mit dem nötigen Zwischenschritt ausprobieren: sesshaft werden.

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Kann landschaftlich was: die Elbtalaue.

(Foto: imago images/blickwinkel)

Die Innenstädte konnten und wollten wir uns nicht leisten, die Uniformität der Speckgürtel machte uns Angst, übrig blieb: die brandenburgische Peripherie. Wir suchten und fanden eine abgelegene Region auf halbem Weg zwischen unseren beiden Wohnorten Berlin und Hamburg, die händeringend nach jungen Leuten mit frischen Ideen suchte - wobei jung in diesem speziellen Fall alles unter 50 hieß.

"Die Neuen"

Der praktisch gelegene ICE-Halt und all die unberührten Elbstrände hatten es uns eh schon angetan, als wir im Internet die Annonce für unsere Traumimmobilie im nächsten Dorf fanden: ein feinsäuberlich sanierter Vierseitenhof mit riesigem Grundstück, quasi der Porsche für Stadtflüchter, wurde da zum halben Preis einer Berliner Drei-Raum-Wohnung angeboten. Wir wähnten uns im siebten Himmel, schlugen zu und leben seitdem glücklich und zufrieden unser Dorfleben. So jedenfalls lautete der Plan.

Mit Provinz, das dachten wir zumindest, kennen wir uns als geborene Landeier schließlich bestens aus: Wir würden ein paar Biere mit der freiwilligen Feuerwehr trinken und auf dem Dorffest helfen, Kürbisse zu schälen. "Die Neuen" wären wir dann zwar immer noch für die nächsten Jahre oder auch Jahrzehnte, aber eben nicht mehr ganz so neu, dass man Angst vor uns haben müsste. Was wir in unserer jugendlichen Naivität allerdings verdrängt hatten: die Silberrückenproblematik.

In jedem Dorf, das ich kenne, und ich kenne eine Menge Dörfer, gibt es einen Menschen, der sich zum Häuptling berufen fühlt. Ich versteige mich an dieser Stelle mal zu der Behauptung, dass dieser Mensch fast immer alt, männlich und weiß ist und für sich das Recht gepachtet hat, genau zu wissen, was gut für das Dorf ist und was nicht. Auch bei uns gab es einen Häuptling, auf den die Beschreibung exakt passt, und der obendrein noch der Bürgermeister des Ortes ist - was ganz und gar nicht unüblich ist, weil Bürgermeister- und Ortsvorsteherposten in kleineren Gemeinden fast immer Ehrenämter sind und man dafür also entweder ein gerüttelt Maß an Opferbereitschaft oder Machtgeilheit mitbringen muss.

Dorffehden und Sippenhaft

Offenbar - und das erfuhren wir erst im Nachhinein - ging es dem amtierenden Silberrücken mächtig gegen den Strich, dass wir uns ohne sein erklärtes Einvernehmen in seinem Dorf niederlassen wollten, frisches Blut in der nekrotischen Bevölkerungspyramide hin oder her. Unwissend waren wir mitten in eine schmutzige Dorffehde geraten, die der Bürgermeister-Primat mit dem Vorbesitzer unseres Hauses führte - wofür wir dann in Sippenhaft genommen wurden. Was dann folgte, war - ohne auf die Einzelheiten einzugehen - so unappetitlich, dass wir uns nach einem halben Jahr voller Beschwichtigungsversuche und Friedensangebote ernsthaft mit dem Gedanken tragen, unser Glück woanders zu versuchen.

"Eine Sache, die dem alten weißen Mann immer zugrunde liegt, ist, dass das Gegenüber, das ihn als alten weißen Mann bezeichnet, sich nicht wohlfühlt. Man fühlt sich herabgesetzt, man fühlt sich nicht ernst genommen, man fühlt sich jovial belächelt", schreibt Sophie Passmann in ihrem Bestseller "Alte weiße Männer". Ein Zitat, das unsere Erfahrungen im Austausch mit dem Dorfbürgermeister und Kanaillen wie ihm perfekt auf den Punkt bringt. Und das, wenn man die Sache weiterdenkt, nichts ist, was auf die Provinz beschränkt wäre: Die Alten haben Angst vor den Jungen, fürchten, ins Abseits zu geraten und halten an allen Privilegien fest, ganz egal ob auf Dorfebene oder in den Vorständen großer Unternehmen. Dass das vor allem ein männlicher Generationenkonflikt ist, der da schon seit Urzeiten ausgefochten wird, finde ich geradezu beschämend.

Es ist eine paradoxe Situation: Die Ewiggestrigen, die Hängengebliebenen sitzen an den entscheidenden Stellen und verhindern viel zu oft mit ihren breiten, faltigen und sehr weißen Hintern den Fortschritt, wo sie nur können. Sie tun das nicht erst seit gestern, sondern mindestens schon seit Schillers Zeiten, der legte seinem Wallenstein nämlich schon die berühmten Worte in den Mund:

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"Nicht, was lebendig, kraftvoll sich verkündigt,
ist das gefährlich Furchtbare. Das ganz
Gemeine ist’s, das ewig Gestrige,
Was immer war und immer wiederkehrt
Und morgen gilt, weil’s heute hat gegolten!"

Jedes Mal, wenn ich diese Zeilen lese, läuft es mir kalt den Rücken hinunter. Und deshalb, auch wenn es noch ein bisschen hin ist, hier schon mal als dringende Bitte an meine ungeborenen Kinder und Enkelkinder: Falls ich in meiner Midlife-Crisis plötzlich Porsche fahren und Silberrücken spielen möchte, kneift mich bitte. Und zwar so fest, wie ihr nur könnt.

Quelle: ntv.de