Leben

One Woman Show Wenn der kleine Impfneid kommt, Teil 2

Eine Frau bekommt in ihren Oberarm eine Corona-Schutzimpfung. Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa/Archivbild

Geimpft oder nicht geimpft - das ist hier die Frage. Die hoffentlich bald ein jeder mit "ja" beantworten kann!

(Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa/Archivbild)

Dieses Thema bewegt alle: Impfen, aber wann? Warum er und nicht ich? Wieso sie und nicht mein Mann, der es viel nötiger hat? Fast nichts spaltet die Gesellschaft gerade so sehr. Das ist verständlich, aber auch schade.

Natürlich gibt es Reaktionen auf persönliche Texte, auf Kommentare und Kolumnen, viele Leser schreiben, das sei nicht objektiv. Aber dann haben sie übersehen, dass das durchaus ein persönlich gefärbter Text sein darf, wenn da "Kommentar" oder "Kolumne" drüber steht. Und natürlich darf man auch mal nachfragen, wie es zu Dingen kommen kann, über die Kolumnist oder Kolumnistin da schreibt, aber man darf Kolumnist oder Kolumnistin nicht verunglimpfen, beschimpfen oder alles absprechen, bloß, weil man selbst nicht hat, worüber er oder sie da schreibt.

"Die Masche mit der Pflegeperson"

Ein Leser (Name d. Red. bekannt) schrieb mir zum Beispiel, dass die "Masche mit der Pflegeperson" ja bekannt sei: "Pflegebedürftige Personen dürfen Personen benennen, die dann vorranging geimpft werden. Diese Codes werden dann weitergegeben. Manche Menschen geben sie an ihre Kinder weiter (…)." Ich solle anderen Menschen kein schlechtes Gewissen machen, wenn ich ein (in seinen Augen: schwaches) Argument nenne, warum ich eine Impfung bekommen habe. "Freuen Sie sich", rät er mir. Dazu möchte ich sagen: Ich freue mich. Und nein, meine pflegebedürftige Person ist gänzlich außerstande, eine "Masche" durchzuführen. Und selbst, wenn meine pflegebedürftige Person noch in der Lage dazu wäre, würde sie es nicht tun. Das muss ich betonen, denn ich lasse meine pflegebedürftige Person nicht beleidigen oder der böswilligen Durchführung einer "Masche" bezichtigen. Der Leser rät mir auch, dass ich das mit meinem Gewissen ausmachen müsse. Nun, das habe ich. Wie gesagt, ich freu' mich. Wohl wissend, dass andere noch immer warten und genau wissend, dass hier nicht alles rund läuft, geschweige denn gerecht zugeht.

Raus aus dem Ansteckungsbusiness

Aber auch auf die Gefahr hin, dass dieses Mal wieder auf diversen Kanälen ein kleiner Shitstorm über mich hereinbricht, möchte ich mich nochmal zum Impfen äußern: Ich bin ein erstes Mal geimpft, ich werde zeitnah ein zweites Mal geimpft, dann bin ich raus aus dem Ansteckungsbusiness - und das ist gut so. Denn jede Person, die geimpft ist oder eine Erkrankung glimpflich hinter sich gebracht und überstanden hat, ist eine Person weniger, die krank wird, Kassen, Ärztinnen und Pfleger in Anspruch nimmt. Jeder geimpfte Mensch ist ein Mensch weniger, der eine Gefahr für andere Menschen darstellt.

Ich wiederhole gern und nötigerweise, dass ich keine Impfvordränglerin bin, mich hinreichend informiert habe. Ich möchte mich an dieser Stelle aber nach wie vor auch nicht vollkommen entblößen und über eventuelle Vorerkrankungen, Allergien oder Sonstiges, sehr Privates, informieren, warum es denn sein kann, dass eine U-60-Frau bereits geimpft ist. Dass ich sehr viel in einem Altersheim zu tun habe, erwähnte ich bereits in der letzten Kolumne, brachte den einen oder die andere jedoch trotzdem massiv gegen mich beziehungsweise diese Situation auf, da der eine oder die andere sich eben in selbiger sieht. Auch der Hinweis, dass kein Impfstoff weggeschmissen werden sollte, dieser zuerst an Feuerwehrmänner, Polizistinnen und sonstige Menschen verteilt werden sollte, die den Impfstoff dringender benötigen, sei an dieser Stelle nochmals erwähnt. Aber was spricht dagegen, wenn dann trotzdem noch etwas übrig ist, das auch an andere zu verimpfen, die schnell an Ort und Stelle sein können, um das begehrte Serum auch tatsächlich zu empfangen? Nichts, oder? Genau.

Dieses gefräßige Gefühl

Woher kommt der Neid also? Das geht uns ja nicht nur beim Impfen so, Neid ist ein Gefühl, das jeder kennt, aus diversen Gründen und in vielfältigen Situationen. Gut ist, wenn man es erkennt, dieses gefräßige Gefühl, das sich in einen hineinbohrt, ob man will oder nicht. Eine geschätzte Kollegin zum Beispiel schrieb mir, sie sei nicht ganz frei von einem klitzekleinen neidischen Impuls, freue sich aber für jeden von Herzen, der schon dran war. Denn dies sei der einzige Weg raus aus dem Schlamassel. Eine kluge Kollegin. Wie auch eine weitere, die sagte: "Jeder Piks ist für uns alle ein weiterer Schritt nach vorn." Sie erinnern sich, #weareallinthistogether? Natürlich sind einige mehr "in this", andere weniger, diese Welt ist nicht gerecht, und auch Corona hat sie nicht gerechter gemacht, dieses Resümee darf man wohl - leider - bereits ziehen.

Schwer erkrankt von der "Plörre"

Es gibt aber natürlich auch andere Reaktionen: Ein Leser schrieb mir, ich solle dann bitte nicht jammern, wenn ich von der "Plörre" schwer erkranke. Nun, ich neige gar nicht so sehr zum Jammern, und ich werde auf keinen Fall den Leser (Name d. Red. bekannt) mit meinen Malaisen belästigen, sollte ich schwer erkranken von der "Plörre".

Ich werde übrigens nach Impfung 2 weiterhin eine Maske dort tragen, wo es nötig ist. Und auch Abstand halten, fällt oft gar nicht so schwer in der Öffentlichkeit - dies und die Desinfektionsspender, die nun seit langem überall zu finden sind, sind eine wirklich positive Errungenschaft dieser schrecklichen Pandemie, das darf gern so beibehalten werden.

Eine Leserin (Name d. Red. bekannt) schrieb, und da kommt die bereits erwähnte Ungerechtigkeit klar zum Vorschein: "Ich verstehe die Politik wirklich nicht mehr. (…) Am Anfang hieß es, dass enge Bezugspersonen von Personen, die zu Hause gepflegt werden UND Personen, die im Heim leben, in die Prio 2 vorrücken können. Dies wurde im März angepasst. Jetzt heißt es, dass es NUR noch Personen betrifft, die zu Hause leben. Mein Mann ist 67 und herzkrank. Ich bin 42. Aber auch er ist noch nicht geimpft. Er ist in Prio 3. Wir sind online registriert, keine Ahnung, wann mein Mann dran kommt. Wir sind jeden Sonntag zu Besuch im Heim. Und da muss ich schon wirklich tief durchatmen, wenn ich mitbekomme, dass eine 35-jährige Kollegin, die alle 2 Wochen zu ihrer Oma fährt, die auch mit Pflegegrad zu Hause lebt, schon einen Impftermin hat. Aber wie sagte meine Mutter schon: Neid macht hässlich, also einmal oooohhhhmmm und weiter geht's. Bleiben Sie und Ihre Lieben gesund und viele Grüße."

Ein Kindergebet muss her

Liebe Leserin, Ihnen möchte ich antworten: Ich hoffe, dass Sie inzwischen voran gekommen sind! Dass Sie und Ihr Mann gesund sind. Ich danke Ihnen für diese faire Mail. Meine Frage wäre jetzt nur: Was würde es ändern, wenn ich nicht geimpft wäre? Andere Stadt, andere Voraussetzungen, das Hin und Her zwischen Bund und Ländern, ist zum Verzweifeln, wahrlich. Hoffen wir, dass sämtliche Energie in diesem Land in die schnelle Umsetzung der Impfungen fließt, dass kein wirtschaftliches Geschacher und Gefeilsche davon abhält, den richtigen Impfstoff in großen Mengen zu produzieren, denn selbst wenn alle irgendwann durchgeimpft sind - die nächsten Auffrischungen stehen dann ja spätestens im folgenden Winter vor der Tür. Hoffen wir, dass Hausärzte und Apotheken mitmachen können, denn da sitzen ganz viele in den Startlöchern und können gar nicht so, wie sie wollen. Hoffen wir, dass die ganze Welt so schnell wie möglich wieder in einen normalen Gang kommt!

Klingt fast wie ein Kindergebet, und das ist wohl auch nötig, denn ein anderer Leser (Name d. Red. bekannt) verliert, mit 80 Jahren und diversen Erkrankungen, endgültig und verständlich die Geduld, weil er zum 50. Mal die Antwort auf dem Impfportal erhält: "Wir können Ihnen leider keinen Termin anbieten." Dieser Mann findet: "Schlimmer kann es in keinem Entwicklungsland sein." Und wahrscheinlich hat er Recht!

"Die Medien" gibt es nicht!

Womit er jedoch nicht Recht hat, ist mit Folgendem: "So sieht es in Deutschland in Wirklichkeit aus - nicht so, wie uns die Medien immer weiß machen wollen.“ An dieser Stelle möchte ich mich einmal, nur ganz kurz, gegen diese ewige Gleichmachung "der Medien" und die Aussage, "die" würden sich alles so hinschaukeln, wie sie wollen, wehren: "Die Medien" gibt es nicht! Die Medien in Deutschland sind so unterschiedlicher Natur wie kaum woanders auf der Welt. Ein unendlicher Quell der Information macht es - vor allem in Corona-Zeiten - sicher nicht leichter, sich eine Meinung zu bilden, es ist aber immerhin möglich (zum Beispiel auf ntv.de), sich eine eigene Meinung zu bilden. Denn "die Medien" erfinden ihre Wahrheiten nicht, sondern transportieren sie.

In diesem Sinne - bleiben Sie uns gewogen. Und reden Sie freundlich und konstruktiv mit uns.

Quelle: ntv.de

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