Unterhaltung
Auf dem Filmplakat zu "Raanjhanaa" posieren Kundan und Zoya innig vereint, dabei liebt Zoya einen Anderen.
Auf dem Filmplakat zu "Raanjhanaa" posieren Kundan und Zoya innig vereint, dabei liebt Zoya einen Anderen.(Foto: Twitter/RaanjhanaaFilm)
Donnerstag, 05. Februar 2015

Erde an Bollywood: Anständige Mädchen mögen keinen Sex

Von Anna Meinecke

Stalking ist kein Liebesbeweis. Täter, die ihre Opfer vehement bedrängen, müssen bestraft werden. In Indien schafft man ihnen stattdessen allerdings gleich ein ganzes Filmgenre.

Mädchen trifft Jungen - oder andersrum. Bedeutungsschwangere Blicke, Coffeeshop-Date, ein kleines Missverständnis, ein Kuss, der die ewige Liebe verspricht, "The End": So oder so ähnlich funktionieren Hollywoods romantische Komödien seit Jahrzehnten. Das mag ein wenig langweilig sein, ist aber auch herrlich unaufgeregt. Mit Indiens Kinomogul-Pendant Bollywood läuft Liebe etwas anders.

"Raanjhanaa" erzählt die Geschichte von Kundan und Zoya oder eigentlich einfach die Geschichte von Kundan, in der viel Zoya vorkommt. Kundan stellt dem Objekt seiner Begierde nach, schlitzt sich die Pulsadern auf, als Zoya ihn zurückweist, ruiniert deren Hochzeit mit einem anderen Mann. Der Verlobte wird totgeprügelt und auch Kundan muss auf der Jagd auf Zoya sein Leben lassen. Er kündigt aber an: Er wird wiedergeboren werden, um sich erneut in die Angebetete zu verlieben. Das klingt tief verstörend, wie eine Drohung. Umrahmt von bunten Bildern, Gesang und ausgelassenem Tanz ist der Film von 2013 das Versprechen Bollywoods an seine männlichen Zuschauer, dass Frauen auch weiterhin wenig Mitspracherecht haben.

"Setze das Mädchen unter Druck"

Video

In der vergangenen Woche konnte ein Verteidiger in Australien seinen Mandanten vor einer Gefängnisstrafe bewahren. Er hatte Frauen gegen deren Willen mehrfach bedrängt, sie mit Nachrichten überhäuft und ihnen aufgelauert. Sein Anwalt konnte dem Gericht offenbar glaubhaft vermitteln, dieses Verhalten sei auf die Leidenschaft des Angeklagten für Bollywood-Filme zurückzuführen. Weil die indischen Streifen die Idee vermitteln, Frauen würden sich früher oder später männlicher Renitenz ergeben, kann Stalking nun also unter gewissen Umständen vor Gericht als normales Verhalten ausgelegt werden.

"Setze das Mädchen so sehr unter Druck, bis sie die Nase voll hat und Ja sagt", rät ein Freund "Raanjhanaa"-Held Kundan. Und wenn das nicht klappt: "Sei einfach direkt." Noch direkter? Bollywood-Streifen begnügen sich nicht mit einfachem, eitlem Pfauentanz. In "A Violent Love Story" von 1993 ist Rahul besessen von Kiran. Rahul ritzt sich mit einem Messer Kirans Namen in die Brust, verwandelt sein Zimmer mit Bildern seines Schwarms in einen Schrein und diskutiert seine Emotionen mit seiner toten Mutter. Tatsächlich kann er die Angehimmelte nicht überzeugen, deren Verlobter eilt ihr zu Hilfe, als Rahul sie entführt. Allerdings handelt es sich bei dem Streifen um den Film, der Bollywood-Megastar Shah Rukh Khan in die A-Liga spielte: Sein Rahul war tatsächlich der gefeierte Publikumsliebling.

Symbiose zwischen Film und Realität

Natürlich zeigt Bollywood nicht das echte Leben, sondern verkauft eine Illusion. Wenn sich die jedoch im Verhalten echter Männer manifestiert, wird sie für Frauen zur Gefahr. Wenn selbst das fortschrittlichste Exemplar eines Genres suggeriert, dass anständige Mädchen Sex nicht mögen und Männer sich in der Hinsicht durchsetzen müssen, wie die indische Journalistin Kanika Gahlaut nach einer Vorführung des verhältnismäßig modernen Films "Happy Ending" schließen musste, kann in ein Nein auch noch immer ein Ja gelesen werden.

Nicht nur Bollywoods Geschichten, sondern die gesamte indische Filmindustrie ist dominiert von Männern. Was in Australien passiert ist, finden sie "albern" (Raza Murad, Schauspieler), "nichts als eine Ausrede" (Prahlad Kakkad, Produzent) oder "alles Müll" (Shashank Bali, Regisseur). James Bond würde ja auch nicht unterstellt, die Menschen zum Töten zu animieren, heißt es.

Stalking zum Ideal kultiviert

Natürlich überschreitet auch Hollywood noch immer Grenzen von Gewalt und Sexismus. Mit diesen Formen der Argumentation machen es sich die Filmemacher Bollywoods trotzdem zu leicht. Das australische Urteil ist selbstverständlich schockierend. Dass es diejenigen, die vom Stalker als Referenz genannt wurden, jedoch nicht einmal kurzzeitig dazu animiert, die eigenen Standards zu überdenken, lässt umso mehr ahnen, wie schlecht es um die Rechte von Frauen in der indischen Gesellschaft steht.

Die Bollywood-Frau ist designt für den erniedrigten, angstvollen Mann. Zeigt sie sich im Laufe eines Films willensstark, muss ihr Wille im Laufe des Films gebrochen werden, damit sie zur Geliebten werden kann. Denn "Kumpel, du solltest nie nach der Pfeife dieser Mädchen tanzen" - das lernte auch "Raanjhanaa"-Kundan. Wo der Zweck die Mittel billigt, erlaubt ein Film realen Personen, Stalking zum Ideal zu kultivieren. Es geht immer um das höchste Gut, die Liebe: "Wenn ein gewöhnlicher Junge hier verliert, wird er niemals gewinnen", so Kundan. Nur ist das Herz einer Frau nicht der billigste Preis und ihre Unterdrückung ist sicherlich kein Sieg.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen