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Nach 44 Jahren blitzt dem Leser auf Seite drei von "The Sun" offenbar kein Busen mehr entgegen.
Nach 44 Jahren blitzt dem Leser auf Seite drei von "The Sun" offenbar kein Busen mehr entgegen.(Foto: Twitter/officialpage3)
Dienstag, 20. Januar 2015

Besser ohne Busenmädchen?: Nackt ist nicht gleich nackt

Von Anna Meinecke

Sie sind jung, knackig und zeigen ihre nackten Brüste - die sogenannten "Glamour Models" auf Seite drei der Zeitung "The Sun". Schon lange wird das Blatt für die sexistische Darstellung von Frauen kritisiert, jetzt ziehen die Macher offenbar Konsequenzen.

Heimlich, still und leise sollte es verschwinden, das Busenmädchen von Seite drei der britischen Zeitung "The Sun". Sofern die Berichte stimmen, hat das Blatt am Freitag die letzte Oben-ohne-Madame gedruckt. Von nun an sollen BHs verteilt werden, bevor der Fotograf auf den Auslöser drückt. Seit 44 Jahren gibt es das Mädchen von Seite drei und beinahe genauso lange schon kämpfen Aktivisten dagegen an. Die feministischen Kampagnen werden von Organisationen wie "Object", "Turn Your Back on Page 3" oder "No More Page 3" ins Leben gerufen. Sie wenden sich gegen eine sexistische, unzeitgemäße Darstellung von Frauen. Nun zeigt die Kritik offenbar Wirkung.

"The Sun" wollte sich zu den Gerüchten bislang nicht äußern. "The Guardian" allerdings schreibt, "eine Reihe Insider" hätten berichtet, die dritte Seite des Blattes werde nicht in ihrer derzeitigen Form fortbestehen. "Das Blatt wird weiterhin teilweise bekleidete Frauen auf Seite drei zeigen, nur werden die von nun an Büstenhalter und Hose tragen", heißt es.

"The Guardian" schreibt jedoch, die Verantwortlichen hätten sich vorbehalten, die Entscheidung jederzeit rückgängig zu machen, sollte sie sich erheblich auf die Absatzzahlen von "The Sun" auswirken. 2013 hatte sich die irische Ausgabe des Blatts bereits dazu entschieden, auf die Nackten zu verzichten.

Die neue Frau in den Medien

Als Stephanie Rahn im November 1970 als erste Frau für "The Sun" blankzog, war der Zeitgeist ein komplett anderer als nun bei Lissy Cunningham, dem wohl vorerst letzten Seite-drei-Mädchen: Es war die Zeit einer Freizügigkeit, die erst Schritt für Schritt in einer von Männern dominierten Medienkultur aufging. Die nackten Frauen von "The Sun" waren zum Schluss das Überbleibsel eines rückwärtsgewandten Verständnisses von Weiblichkeit.

Die Medien haben sich verändert. Filme mit weiblicher Hauptrolle wie Disneys "Die Eiskönigin - Völlig unverfroren" oder "Lucy" mit Scarlett Johansson bestimmen die Kinocharts, die erste Version des Skripts zu "Guardians of the Galaxy" lieferte eine Frau, Nicole Perlman - eine Premiere für Comicgigant Marvel. Sängerin Lorde und Schauspielerin Keira Knightley rebellieren gegen die Photoshop-Kultur. Lorde steht zu ihrer nicht ganz perfekten Haut, Knightley zu ihren kleinen Brüsten.

Nackt-Verbot, aber #freethenipple?

Plötzlich ist es kein Image-Killer mehr, sich öffentlich als Feminist zu bezeichnen. Emma Watson, Beyoncé oder Lena Dunham haben es vorgemacht, aber mit Ryan Gosling, Joseph Gordon-Levitt und John Legend nehmen auch immer mehr prominente Männer den Begriff stolz in den Mund. Doch Gleichberechtigung jenseits von Geschlechtergrenzen ist noch immer viel zu selten Lebensrealität und die Brisanz des Themas ist lange nicht in den Köpfen der Massen verankert. Dass unter dem Hashtag #jadapose ein minderjähriges Vergewaltigungsopfer vielfach gedemütigt wird, ist nur ein Beispiel dafür, wie selbst sexuelle Gewalt gegen Frauen heute noch ins Lächerliche verkehrt wird.

Wenn die Seite-drei-Mädchen aber der archaische Wink mit dem Zaunpfahl des Patriarchats sein sollen, wieso streitet Femen dann mit blanker Brust für Frauenrechte? Wie kann die Website "Herself" der Schauspielerin Caitlin Stasey feministisch sein, wenn sie nur nackte Frauen zeigt? Und weshalb mit dem Hashtag #freethenipple für weibliche Brustwarzen auf Instagram streiten, wenn man sie doch bei "The Sun" nicht sehen möchte? Weil nackt eben nicht gleich nackt ist.

Gleichberechtigt unbekleidet

Feminismus schließt den Gedanken ein, andere Frauen Entscheidungen fällen zu lassen, die man selbst nicht unbedingt fällen würde. Wer sich für Frauenrechte stark macht, prangert also nicht per se Nacktheit an, nicht einmal die der einzelnen "The Sun"-Models im Speziellen. Entscheidend ist im Jahr 2015 aber leider noch immer, in welchem Zusammenhang Nacktheit wahrgenommen wird.

Weil es sich über Jahrzehnte etabliert hat, eine unbekleidete Frau als Objekt zu begreifen, müssen Aktivistinnen heute mit viel Lärm erst ihre Nacktheit zurückgewinnen, bevor sie damit wieder sorglos umgehen können. Die Seite-drei-Mädchen sind in ihrer Gesamtheit Symbol für das, was aufgeklärte Frauen versuchen, abzuschütteln - ganz unabhängig davon, wie freiwillig und unabhängig sie die Hüllen denn nun fallen lassen.

Wenn Lena Dunham sich also in Jogginghose mit abgeklebten Brustwarzen zeigt, dann ist das sicher etwas seltsam. Sie und ihre Mitstreiterinnen könnten damit aber Vorreiterinnen sein für ein Verständnis von Körperlichkeit, was frei ist von Zwängen - sowohl von ausgedienten männlichen Machtfantasien als auch von der Notwendigkeit politischer Tragweite. Dank der Arbeit von "No More Page 3" & Co. könnte Nacktheit irgendwann wieder das werden, was sie sein sollte: einfach nur schön.

Quelle: n-tv.de

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