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Der Hass ist kalkuliert Lasst uns über Dicke reden

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Die Firma Dove setzt sich für Körperdiversität ein. Diese Reaktion auf die Protein-Plakate haben aber Fans gebastelt.

(Foto: Twitter/STEEL_London)

Haben Sie eine Strandfigur? Man wird doch wohl noch fragen dürfen. Schließlich wird es Sommer. Und spätestens beim nächsten Ausflug an den Badesee, da muss man doch ... Muss man? Muss man nicht.

Ein Unternehmen verkauft Protein-Shakes. In London wirbt es mit einem Model, das behauptet, überhaupt erst durch all die Pülverchen zur schmalen Taille gekommen zu sein. "Are you beach body ready?" (Hast du schon deine Strandfigur?) fragen die Plakate. Und aufmerksame Internetaktivisten antworten mit eigenem Hashtag #EveryBodysReady (jeder Körper ist bereit). Die Werbeanzeige soll unrealistische Vorstellungen davon wecken, wie eine Figur auszusehen hat.

Der Körper ist öffentliches Kampfgebiet. Nachdem der ein oder andere Schwimmring jahrhundertelang Wohlstand auswies und sich wohl noch bis in die 80er Jahre sicher fühlen durfte, geht es den Fettzellen seit nunmehr geraumer Zeit ans eingelagerte Wasser. Dass Kate Moss mit ihrer berühmt knochigen "Calvin Klein"-Jeans-Kampagne an der Seite von Mark Wahlberg 1992 nicht gleich zur Ikone des blühenden Lebens erklärt wurde, hat seine Gründe. Untergewicht ist nicht gesund.

Wer klug ist, nimmt ab

"Aber Übergewicht auch nicht!", werden Sie jetzt denken. Man hat es so gelernt. Wer ein paar Pfunde zu viel hat, bekommt Diabetes, ruiniert seine Knie, schläft schlecht, zeugt mit minderwertiger Qualität und macht es dem Volksfeind Krebs noch leichter. Und überhaupt: Dicke sterben früher. Kein körperliches Leiden, für das Kilos nicht schon die Verantwortung übernehmen mussten.

Dazu kommt noch das schlechte Image. Wer kein Katalog-Cover zieren könnte, der ist einfach nachlässig mit sich selbst, nicht wahr? Wer diszipliniert ist, macht Sport. Wer Verantwortung übernimmt, wird nicht krank. Wer klug ist, nimmt ab. "Die Zeit" zitierte kürzlich eine Studie der Universität Tübingen, aus der hervorgeht, dass dicken Menschen beruflich weniger zugetraut wird - wesentlich weniger noch als Menschen, deren Aussehen auf muslimische Wurzeln schließen lässt. Übergewicht gilt als Ausweis von Armut und mangelndem Intellekt. Dabei weiß man heute, dass Fettleibigkeit teilweise, vielleicht sogar überwiegend genetisch bedingt ist.

Todesstoß oder cleverer Trick?

Obwohl sie in Deutschland und auch in anderen westlichen Ländern in der Überzahl sind, werden schwerere Menschen wie eine Randgruppe diskriminiert. Body-Shaming heißt das dann und hier müssen insbesondere große Unternehmen zukünftig sehr vorsichtig sein. Wenn zum Beispiel der Unterwäschehersteller "Victoria’s Secret" sichtbare Bauchmuskeln und Ananas-große Hohlräume zwischen den Oberschenkeln als "The Perfect Body" (der perfekte Körper) verkauft, darf er sich über Gegenkampagnen mit molligen Frauen wie etwa #IMNOANGEL (ich bin kein Engel) nicht wundern.

Der jüngste Unruhestifter Protein World hat sich ziemlich sicher auch nicht gewundert, als die ersten Fotos von überkritzelten Plakaten auf Twitter auftauchten. Weil sich viele Frauen im eigenen Körper unwohl oder fremdgesteuert fühlen, stößt das Thema Körperdiversität in Sozialen Netzwerken auf enormen Widerhall. Wenn die umstrittene Kampagne der Firma nicht den Todesstoß versetzt, dann ist sie ganz im Gegenteil der klügste Schachzug, den die Verantwortlichen hätten machen können.

Der Zorn der Hashtag-Aktivisten

Protein World hat ein paar Plakatflächen bezahlt, zum viralen Phänomen wurden die Anzeigen gratis - journalistische Berichterstattung inklusive. Diejenigen, die über das schlanke Model empört sind, hätte der Protein-Konzern vermutlich ohnehin nicht als Kunden gewonnen. Für eitle Selbstoptimierungsenthusiasten jedoch hat Protein World Integrität bewiesen. Mit Antwort-Tweets wie "Wieso sollen wir deine Unsicherheiten zu unserem Problem machen?" stärkt das Unternehmen seine Marke.

Im ersten Moment klingt das sicherlich fernliegend. Doch gerade weil Protein World sich nicht entschuldigt, stattdessen zum Gegenangriff ausholt, gewinnt das Unternehmen Fans - und zwar genau aus der Mitte der Diät-Shake-Zielgruppe. "Eure Anzeigen sind inspirierend", schreibt eine Twitter-Nutzerin. "Ich habe eine als Handy-Hintergrund, um motiviert zu bleiben."

Vor 18 Monaten trat Protein World an, sich einen ordentlichen Marktanteil bei Proteingetränken zu sichern. 250.000 Pfund sollen die Plakatflächen gekostet haben. Innerhalb von vier Tagen, in denen dem Unternehmen der Zorn der Hashtag-Aktivisten um die Ohren flog, hat es nach Informationen des "Business Insider" eine Million Pfund eingenommen. Negativpresse kann Protein World aushalten, der Hass, der der Firma entgegenschlägt, ist vermutlich kalkuliert.

Zu gerne unterstützt die Netzgemeinde gegen alle Ungerechtigkeiten die, deren Stimmen vielleicht zu selten gehört werden. Doch sie lässt sich auch zu leicht hinreißen zu blinder Loyalität und Twitter-Trends. Protein World hat sich das zu eigen gemacht und - vorerst - gewonnen.

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Quelle: ntv.de

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