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Interview mit Ann-Marlene Henning, 1 "Wir haben kein SM. Ist das normal?"

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Über Sex reden? Kein Problem. Über Probleme beim Sex reden? Großes Problem.

(Foto: Lina Scheynius)

Mit ihrer Bücher- und Doku-Reihe "Make Love" ist Ann-Marlene Henning so etwas wie die neue Ruth Westheimer geworden. n-tv.de traf sich mit der gebürtigen Dänin im Hamburger Café "Eppenlove" (sic!). Und erfuhr einiges über schlechten Aufklärungsunterricht für Jugendliche, Berührungen im Alter und die Zeit dazwischen, wo man das Thema Sex angesichts des ganzen Stresses auch einfach mal laufen lassen kann.

Im ersten Teil des insgesamt dreiteiligen Interviews verrät Henning, wie man vom Model zur Sexologin wird. Und warum die Deutschen beim Thema Sex zwar noch einiges lernen können, aber insgesamt doch deutlich entspannter sind als die Briten.

n-tv.de: Woher wissen Sie so viel über Sex?

Ann-Marlene Henning: (lacht) Keiner weiß so viel über Sex, auch ich nicht. Aber je mehr man sich damit beschäftigt, desto mehr erfährt man. Und ich rede nun mal den ganzen Tag darüber. Außerdem mache ich Fortbildungen, Supervision, spreche mit Kollegen. Das ist ein ewiges Studium. Für Vorträge muss ich auch recherchieren, nicht so viel wie früher, aber doch so Sachen wie: Ist Viagra für Frauen jetzt schon auf dem Markt? Und während der Recherche lerne ich wieder zehn Sachen.

Hat man dann auch manchmal genug davon?

Ja, das passiert öfter. Ich frage mich zum Beispiel, ob ich nicht mal einen Artikel lesen kann, ohne gleich dieses und jenes nachzuschauen und irgendwo anders einzubauen? Das ist anstrengend.

Sie haben Jura und Neuropsychologie studiert und als Model gearbeitet. Aber wie wird man Sexologin?

Man kann Wochendseminare machen, das ist das Problem! Dann wird man Coach oder so. Aber es gibt auch Studien, wo man einen Abschluss in Soziologie, Psychologie oder Pädagogik vorweisen muss. Da gibt es beispielsweise in den skandinavischen Ländern mehrere Möglichkeiten. In Deutschland gab es das bislang kaum. Jetzt kann man in Merseburg einen Masterstudiengang belegen, braucht also auch vorher einen anderen Abschluss.

Wie haben Sie es gemacht?

Ich habe in Dänemark mit den Seminaren angefangen und dann in der Schweiz das Studium fortgesetzt.

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Alle wissen alles über Sex. Aber sie weiß mehr: Ann-Marlene Henning.

(Foto: Juliane Werner)

Neuropsychologie haben Sie also gar nicht im Hinblick darauf studiert? Passt doch so gut.

Stimmt. Das war aber ein Zufall. Ich habe früher nie überlegt, wo liegen eigentlich meine Interessen? Ich studierte Jura, weil alle sagten: Du kannst doch so toll reden. Aber das war überhaupt nicht mein Ding. Beim Modeln in Hamburg wusste ich, das kann ich nicht ewig machen. Das ist lukrativ, man kann sein Studium damit finanzieren. Aber irgendwann ist Schluss. Dann kam ich auf Neuropsychologie. Nicht nur reden, sondern auch medizinisch arbeiten. Ich hatte gar nichts mit Sexologie am Hut. Das kam erst später, nach meiner Krankheit. Ich hatte eine Hirn-OP, meine Ehe ging drauf. Da fragte ich mich: Und jetzt?

Sie waren auf der Sinnsuche?

Exakt, danke für die Frage. Ich hatte auch Moderationen gemacht, Sprachausbildungen, viel gesungen, gemalt. Ich konnte aber meine Kreativität nicht leben. Da sagte meine Freundin, die auch nicht mehr als Model arbeiten konnte, zu mir: "Sexologin würde zu Dir passen." Da dachte ich: Wow, genau. Und jetzt kann ich auch dank dieser Medienpräsenz diese ganze Kreativität leben, in meinem Büchern, Blogs und so weiter.

Hilft das auch bei der Arbeit mit Patienten?

Auch bei den Therapien muss man wahnsinnig kreativ, flexibel und dynamisch sein. Ich muss meine Klienten schnell erfassen und tolle Ideen haben, sie sozusagen verführen, dass er oder sie gerne mitmachen. Verführung ist ja nichts anderes, als einen anderen dazu zu bringen, das zu tun, was ich will. Und zwar gerne. Das ist der wichtigste Job eines Therapeuten. Egal, was man studiert hat, wie viel man gelesen und gelernt hat. Wenn man den Klienten nicht verführen kann, dass er von sich aus eine Motivation findet und Lust hat, dran zu bleiben, dann kann ich nichts machen. Manchmal sind es dann die merkwürdigsten Dinge, die den Erfolg bringen.

Das hat man auch in der MDR- und SWR-Dokureihe gesehen.

Ja, stimmt! Ich dachte schon, oje, jetzt fragt sie mich gleich nach einem Beispiel. Ein Therapeut, ein sehr geschätzter Kollege von mir, schrieb mir: "Kompliment, wie Du das machst. Und so wenig therapeutisch." Mir ist es am Ende egal, auf welchem Weg der Effekt erreicht wird.

Sie haben großen Erfolg mit Ihrer Arbeit. Wieso eigentlich? Können wir nicht alle schon längst über Sex reden? Schließlich ist "Sex in the City" schon 1990er, heute ist ein SM-Peitschen-Film entspannter Mainstream.

By the way - die Leute kommen zu mir rein und fragen: "Wir haben kein SM. Sind wir normal?"

Das muss man sich ja auch schon fragen, wenn die "Bild-Zeitung" täglich Gebrauchsanweisungen liefert.

Und das ist auch der Unterschied, nach dem Sie fragen: Wir wissen viel über Sex. Oberflächlich. Wir reden viel über SM und 50 Shades of Grey. Single-Clubs. Swinger-Clubs. Aber nicht über den eigenen, intimen Sex. Weil ich mich da trauen muss, Fehler zu machen. Oder das Risiko eingehe, das der andere mich eventuell ablehnt. Da gibt es große Bedürfnisse. Gerade wenn etwas nicht klappt.

Ist es das größte Tabu, zu wenig oder schlechten Sex zu haben?

Ja. Man kann nicht sagen: "Übrigens, ich kann nicht kommen." Ich mag keine Klischees. Aber die Deutschen haben es für mein Gefühl ein bisschen schwerer als andere, zu sagen: "Das kann ich nicht." Der Deutsche funktioniert, er hat alles im Griff. Wenn "unten" was nicht stimmt, gehen in Amerika über 60 Prozent zum Arzt. In Europa um die 40. In Deutschland um die 20 Prozent. In Amerika gibt es Sexologen, das ist ganz normal. Hier muss man dann zum Urologen – ups! Keiner weiß, dass es uns gibt.

Man darf hierzulande nicht scheitern.

Du scheiterst nicht, du bist krank. Du hast ein Symptom, das man in einem Diagnosehandbuch nachlesen kann. Alles ist gleich eine Krankheit. Und genau das stimmt nicht! Wenn eine Frau mir sagt, "Ich kann nicht kommen", sage ich dann "Sie haben eine Orgasmusstörung." Oder "Das habe ich schon oft gehört, aber zum Glück kann man das ein Leben lang noch lernen. Das bringe ich Ihnen bei." Bei Störung hören die Leute nicht: "Das habe ich nicht gelernt." Sondern: "Ich bin nicht normal."

Haben Ihre Patienten denn vorwiegend Befindlichkeiten oder liegt manchmal tatsächlich eine Störung vor? Gibt es Patienten, die sich zu spät Hilfe holen?

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Guten Sex kann man lernen. (Foto: Rogner & Bernhard)

Ein Leben lang kann man umlernen, es geht nur um Synapsen im Gehirn, da ist es nie zu spät. Es gibt aber angelernte Dinge, gerade im Missbrauchbereich, die sind wirklich schwer umzulernen. Da hat das Gehirn unter großen Schmerz und Druck gelernt. Aber auch da – und ich habe hier schwere, schwere Fälle gehabt – merkt man: Entwicklung in eine gute Richtung ist möglich.

Und alles andere: Ich rede nicht von Störung, aber es gibt Dinge, die verboten sind. Pädophilie, Voyeurismus, Exhibitionismus. Da habe ich nur wenige Fälle gehabt, die aber schon bei Gericht bekannt waren. Da habe ich Kollegen, die darauf spezialisiert sind. Auch das kann geändert werden. Doch von alleine kommt da kaum jemand.

Gibt es eigentlich überhaupt noch neue Erkenntnisse in der Sexualforschung?

Für mich jetzt nicht so richtig, das ist ein bisschen länger her. (lacht) Aber für die Allgemeinheit könnte man sagen, dass da jetzt gerade ganz viel kommt. Zum Beispiel in Bezug auf das weibliche Geschlecht, vaginale Orgasmen. Oder Männer-Stehvermögen. Da gibt es ein paar Sachen, die waren vor tausenden Jahren bekannt, aber dazwischen waren sie nicht mehr da.

Weil die Gesellschaft sie verdrängt hat?

Genauso ist es. Kirche und Gesellschaft. Da kommt jetzt gerade Wissen wieder.

In Ihrer Doku-Reihe fällt auf, dass Sie sich immer sehr mit den Paaren mitfreuen, wenn es dann besser klappt.

Oh ja, das kann sein! Bei dem einen Fernseh-Paar bin ich jetzt sogar zur Hochzeit eingeladen.

Ist es schwer, nach Abschluss der Therapie auch wieder loszulassen?

Nein, ich kann Menschen absolut gehen lassen. Dann treffe ich sie vielleicht zwei Jahre später wieder und dann ist alles wieder da. Wahrscheinlich liegt das an meiner Kindheit. In der zweiten Klasse war ich schon auf drei verschiedenen Schulen, weil mein Vater Kriminalkommissar war und wir seinem Job gefolgt sind. Ich wusste nie, wann ich meine Freunde wiedersehen würde. Meine älteste Freundin kenne ich seit 48 Jahren. Sie wohnt ganz oben in Dänemark. Wir sehen uns ein, zweimal im Jahr und es ist jedes Mal, als ob sie gestern da war.

Auch bei Klienten ist es wichtig, sie gehen lassen zu können. Ich muss Mitgefühl, Empathie haben. Aber ich leide nicht mit. Ich kenne einige Therapeuten, die Schwierigkeiten haben, Dinge auszuhalten, gerade bei Missbrauch. Da habe ich nur einen Satz: Wenn ich es nicht aushalten kann, dann habe ich den falschen Beruf und bin keine große Hilfe. Ich kann es doof finden. Traurig. Ich kann wütend werden. Aber ich habe es nicht selbst erlebt. Das muss ich abends sagen können: Wow, das war ja eine Geschichte. Aber das war nicht ich.

Jetzt sind zwei Bücher fertig, zwei Fernsehsendungen gemacht, mit einer mehr als positiven Resonanz.

Ja, das war toll.

Es kommt aber nicht überall gleich gut an. Wenn man den Rezensionen glaubt, hatte die Leser beispielsweise in Großbritannien große Schwierigkeiten mit Ihren Büchern. Können wir Deutsche uns freuen, dass wir entspannter sind?

Ich habe ja schon gesagt, dass es hier nicht so entspannt ist, wenn es darum geht zuzugeben, dass man etwas nicht kann. Aber im Vergleich zu den Briten sind die Deutschen beim Thema Sex WEIT vorne! (lacht)

Super!

Aber ohne Ende. Ich war geschockt. Das war unglaublich, was da teilweise geschrieben wurde. Eine Rezension war allerdings sehr positiv. Da schrieb die Journalistin im letzten Satz: "Get over it!" Die war aber auch Norwegerin. Auf der Insel ist die Scham in jedem Fall höher. Die wollen sich wirklich noch belügen.

Das war Teil 1 des Interviews mit Ann-Marlene Henning. In Teil 2 wird die Sexologin verraten, wie viele Informationen Kinder und Jugendliche zum Thema Sex brauchen und wie gutes Patchwork gelingen kann.

Mit Ann-Marlene Henning sprach Samira Lazarovic

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Quelle: n-tv.de

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