Wissen

Kühe stoned im Stall Bei Nutzhanf-Futter geht THC auf Milch über

317385353.jpg

Bei den an den Experimenten des Bundesinstituts für Risikobewertung teilnehmenden Kühen (nicht im Bild) hatte das Hanf-Futter eine sichtbar benebelnde Wirkung.

(Foto: picture alliance/dpa)

Wenn Kühe größere Mengen Nutzhanf fressen, sind sie nicht nur sichtbar benebelt - die berauschenden Stoffe der Pflanze finden sich auch in der Milch. In Versuchen vom Bundesinstitut für Risikobewertung gemessene Werte lagen teils über den als unbedenklich geltenden. Kann man also high werden, wenn man diese Milch trinkt?

Bei der Fütterung von Nutzhanf an Kühe können unter bestimmten Umständen berauschende Substanzen auf die Milch übergehen. Das zeigen Experimente, in denen die Tiere - anders als in der landwirtschaftlichen Praxis - größere Mengen dieser Pflanzen gefressen haben.

In den Versuchen lagen die in der Milch gemessenen Werte teils über denen, die als unbedenklich für den menschlichen Verzehr gelten, berichten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BFR) in Berlin im Fachmagazin "Nature Food". Dass Verbraucher in Deutschland vom Milchtrinken high werden, ist trotz dieser Ergebnisse nicht zu erwarten. Nach Angaben des Deutschen Bauernverbandes (DBV) seien momentan nur Futtermittel aus der Saat der Pflanze zugelassen, die keine berauschenden Inhaltsstoffe enthält.

Bei den an den Experimenten teilnehmenden Kühen hatte das Hanf-Futter indes eine sichtbar benebelnde Wirkung: Sie schienen müde, gähnten häufig und schwankten zum Teil. Zudem fraßen sie weniger und gaben weniger Milch.

Geringer THC-Gehalt

Nutzhanf, auch Industriehanf genannt, enthält anders als der als Rauschmittel oder für medizinische Zwecke angebaute Hanf einen geringeren Gehalt des psychoaktiven Tetrahydrocannabinols (THC). Landwirte in der EU dürfen Industriehanf anbauen, wenn er einen festgelegten THC-Wert nicht übersteigt. Moment sind 0,2 Prozent erlaubt. Die berauschende Wirkung geht vor allem auf das sogenannte delta9-THC zurück. Daneben sind zahlreiche weitere Substanzen aus der Gruppe der Cannabinoide im Hanf zu finden.

Unter Fachleuten wird diskutiert, ob sich nicht nur die Saat, sondern auch andere Pflanzenbestandteile oder auch die Gesamtpflanze als Futtermittel eignen. Die Forschenden um Bettina Wagner prüften nun mit ihrer Studie, inwieweit dies mit gesundheitlichen Risiken für den Verbraucher einhergehen könnte. Bislang gebe es nur wenige Untersuchungen etwa zu der Frage, ob die berauschenden Inhaltsstoffe auf die Milch übergehen.

Die Forschenden ersetzten in ihren Experimenten zunächst einen Teil des Futters von Kühen der Rasse Holstein-Friesian mit Hanfsilage, also mit durch Gärung konserviertem Hanffutter. Die Hanfsilage in dieser Gewöhnungsphase wurde aus der gesamten Hanfpflanze gewonnen und hatte nur einen geringen Anteil an Cannabinoiden.

In der darauffolgenden Phase gaben sie dem Milchvieh Silage aus Blättern, Blüten und Samen der Hanfpflanze, die höhere Cannabinoid-Anteile besaß. Zwei Gruppen erhielten dabei unterschiedliche Mengen dieses Futtermittels - 0,84 Kilogramm beziehungsweise 1,68 Kilogramm pro Kuh und Tag. Die Tiere nahmen deshalb unterschiedliche Mengen an Cannabinoiden auf. Die Forscher analysierten Blutplasma, Fäkalien und Milch der Tiere auf Cannabinoide, maßen Herzrate und Atmung und beobachteten ihr Verhalten.

Wirkung auf Tiere deutlich sichtbar

Die Ergebnisse: Die zunächst verabreichte Hanfsilage mit geringem Cannabinoid-Anteil beeinträchtigte die Kühe und ihre Gesundheit nicht. Bei höheren Cannabinoid-Gehalten waren die Wirkungen auf die Tiere allerdings deutlich sicht- und messbar: Sie gähnten vermehrt, ihr Speichelfluss und die Bildung von Nasensekreten nahm zu, die Augen röteten sich. Einige Tiere aus der Hochdosis-Gruppe gingen unsicher, taumelten zum Teil oder verharrten ungewöhnlich lange in ungewöhnlicher Haltung. Herz- und Atemrate sanken erheblich, ebenso nahmen vom zweiten Tag an Futteraufnahme und Milchproduktion deutlich ab. Innerhalb von zwei Tagen nach dem Absetzen des Cannabis-Futters verschwanden alle Auffälligkeiten wieder.

Beim Menschen liege der niedrigste delta9-THC-Wert, der eine Beeinträchtigung nach sich ziehen könne, bei 0,036 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht, schreiben die Wissenschaftler. Die Kühe hätten im Schnitt mit dem Futter bis zu 86 Mal mehr THC aufgenommen, was die gesundheitlichen Effekte vermutlich erkläre.

Cannabinoide in der Milch messbar

Wie weitere Untersuchungen zeigten, fanden sich delta9-THC und einige andere Cannabinoide auch in der Milch. Am Ende der Fütterungsphase lagen die gemessenen Werte deutlich über den im Blutplasma gemessenen, was auf eine Anreicherung hinweisen könne. Einige Cannabinoide waren auch noch nach der 8-tägigen Entwöhnungsphase in der Milch messbar. Was heißt das nun für einen möglichen Verzehr solcher Milch? Um das herauszufinden, errechneten die Forscher mit Hilfe einer Software, wie viel THC ein Mensch - basierend auf den gemessenen Werte - über Milch- und Milchprodukten aufnehmen würde.

Tatsächlich überstieg der ermittelte Wert bei Tieren, die die höchsten Hanfmengen gefressen hatten, den delta9-THC-Referenzwert, der für Menschen als unbedenklich gilt, um das bis zu 120-Fache. Selbst Milch, die in der Gewöhnungsphase des Experimentes gewonnen wurde, wäre für Kleinkinder mit einem überdurchschnittlichen Verzehr von Milch und Milchprodukten nicht unbedenklich - der delta9-THC-Wert überstieg den Grenzwert um das 1,5-Fache.

"Unsere Studie zeigt, dass die Verfütterung von Industriehanf-Silage an Milchkühe, selbst in kleinen Mengen, mit gesundheitlichen Folgen verbunden ist", bilanzieren die Forschenden. Diese schienen von der Cannabinoidkonzentration der Silage abhängig zu sein, die unter anderem von der Sorte, den Pflanzenteilen, aus denen die Silage gewonnen werde sowie dem Erntezeitpunkt beeinflusst werde. "Aufgrund der vielfältigen Parameter, die die Cannabinoidkonzentration von Hanf und daraus gewonnenen Futtermitteln beeinflussen, kann die Unbedenklichkeit von Hanf ohne vorherige Cannabinoid-Analyse nicht verlässlich beurteilt werden."

Hoher bürokratischer Aufwand beim Hanf-Anbau

Nutzhanf wird nach Angaben des Bauernverbandes derzeit in Deutschland auf knapp 7000 Hektar angebaut, mit zunehmender Tendenz. "Daneben stehen rund 5 Millionen Hektar Grünland, die das Grundfutter für Wiederkäuer bilden", so der Bauernverband. Der Anbau sei mit einem hohem Aufwand verbunden, vor allem bürokratischem. "Anbau und Blüte müssen bei der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung gemeldet werden, und außerdem erfolgen Kontrollen vor Ort wegen des zugelassenen THC-Gehaltes." Auch die Ernte sei aufwendig, weil es momentan kaum Geräte gäbe, die mit der widerspenstigen Faser umgehen könnten. Insgesamt ist es aus Sicht des DBV eher unwahrscheinlich, dass es vermehrt zur Fütterung von Nutzhanf an Wiederkäuer kommen wird.

Industriell genutzt werden in erster Linie die Fasern der Pflanze, um etwa Textilien oder Dämmstoffe daraus zu gewinnen. Die THC-freien Samen werden als Lebensmittel verwendet oder zur Gewinnung von Hanföl herangezogen, das ebenfalls als Nahrungsmittel sowie in der Kosmetikindustrie eingesetzt wird.

Quelle: ntv.de, Anja Garms, dpa

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen