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Frauen nehmen Risiko in Kauf Brasilien bekämpft Kaiserschnitt-Epidemie

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Ein Kaiserschnitt in einer Klinik.

(Foto: imago stock&people)

Immer mehr Schwangere bringen ihre Kinder per Kaiserschnitt zur Welt. In kaum einem anderen Land sind es so viele wie in Brasilien: Inzwischen ist dort jede zweite Entbindung eine OP. Grund ist ausgerechnet das schlechte Gesundheitssystem.

Heftige Wehen, laute Schreie - viele Schwangere kriegen beim bloßen Gedanken an den Kreißsaal weiche Knie. In Brasilien ist die Angst der Frauen vor einer normalen Geburt so groß, dass sie sich immer öfter für einen Kaiserschnitt entscheiden. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird dort mehr als jedes zweite Kind von einem Chirurg auf die Welt geholt. Die Zahl medizinisch nicht notwendiger Kaiserschnitte steige aber weltweit, warnte die Organisation bereits im April. Auch in Deutschland sind rund ein Drittel der Geburten Kaiserschnitte. Zum Vergleich: Die Organisation empfiehlt 10 bis 15 Prozent.

Politik und Medien sprechen in Brasilien mittlerweile von einer "Kaiserschnitt-Epidemie". Der Eingriff ist für Mutter und Baby mit hohen Risiken verbunden. Trotzdem fürchten viele Frauen eine natürliche Geburt - und das nicht ohne Grund. "Die natürliche Entbindung ist in Brasilien besonders schmerzhaft und riskant", sagt Ärztin Carmen Simone Diniz. Schuld sei das Gesundheitssystem. 

Kaiserschnitt als Erlösung

So könnten die Frauen nicht selbst bestimmen, in welcher Position sie gebären wollen. Und für gewöhnlich werde das wehenfördernde Hormon Oxytocin verabreicht, das die Schmerzen noch verstärke. Da wirke der Kaiserschnitt wie eine "Erlösung", so Diniz. Im Gesundheitssystem fehle es außerdem an Pflegepersonal und Geburtshelfern, wie Suzanne Serruya von der WHO in Brasilien kritisiert. Die Schwangeren seien oft nicht ausreichend über die Eingriffe informiert und hätten Vorurteile gegen eine normale Entbindung.

Eine große Rolle spielt aber auch das Geld. Im Gegensatz zur normalen Geburt lassen sich die ein- bis zweistündigen Eingriffe genau planen. Der Kaiserschnitt sei für Ärzte und Kliniken lukrativer, sagt Etelvino Trindade, Präsident des brasilianischen Verbandes für Gynäkologie und Geburtshilfe. Mit festgelegten OP-Terminen lasse sich die Belegung der Krankenhäuser besser organisieren. "Das kann man nur mit einem Kaiserschnitt", so Trindade. Gut für die Kliniken , schlecht für den Staat. Denn die entstehenden Kosten kommen  das öffentliche Gesundheitswesen teuer zu stehen.

Staat will mehr Kontrollen

Fakt ist, dass der Kaiserschnitt vor allem ein gesundheitliches Risiko für Mutter und Kind birgt. Dem brasilianischen Gesundheitsministerium zufolge erhöht sich die Gefahr von Atemwegserkrankungen bei Babys um bis zu 120 Prozent. Das Sterberisiko für die Mutter steige gar um das Dreifache. "Aufgrund all der Risiken, die jede Operation mit sich bringt, sollte sie stets die Ausnahme bleiben", so WHO-Expertin Serruya. "Kaiserschnitte können Leben retten. Doch es ist wissenschaftlich unumstritten, dass die Geburt normal verlaufen sollte."

Neue Vorschriften sollen die Kaiserschnitt-Welle in Brasilien jetzt eindämmen. In einem Pilotprojekt mit mehr als zwei Dutzend Krankenhäusern werde die Geburtshilfe verbessert, sagt der brasilianische Gesundheitsminister Arthur Chioro. Das Klinikpersonal werde besser geschult, die Betreuung auf den Stationen kontrolliert. Auch die werdenden Mütter würden besser über normale Geburten informiert werden. Ab Juli müssen die Krankenkassen ihre Versicherten außerdem regelmäßig über den prozentualen Anteil von Kaiserschnitten informieren. So soll den werdenden Müttern die Angst vor einer normalen Geburt genommen werden.

Quelle: ntv.de, Ana María Pomi, dpa