Wissen

Die DNA des Sonnensystems Dem Ursprung von Planeten auf der Spur

360 Millionen Kilometer von der Erde entfernt hat die europäische Raumfahrt am Freitag Neuland betreten. Um 20.58 Uhr (MESZ) näherte sich erstmals in der Geschichte der Europäischen Weltraumbehörde ESA ein Satellit einem Asteroiden, dem bisher nahezu unbekannten Himmelskörper Steins. Mit einer Geschwindigkeit von rund 31.000 Stundenkilometern steuerten die Flugexperten im Raumflugkontrollzentrum der ESA (ESOC) in Darmstadt den Kometenjäger "Rosetta" bis auf 800 Kilometer an Steins heran.

Der Satellit machte spektakuläre Aufnahmen und sammelte für die Wissenschaft wichtige Informationen über diesen seltenen Typus kleiner Himmelskörper. "Steins sieht aus wie ein Diamant im Himmel", sagte Uwe Keller vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung nach einem Blick auf erste Bilder in Darmstadt.

Erkenntnisgewinn erhofft

Der 1969 entdeckte Himmelskörper ist nach den ersten Erkenntnissen 5,9 Kilometer lang und vier Kilometer hoch. "Der effektive Durchmesser beträgt 5,0 Kilometer. Damit ist er fast zehn Prozent größer als wir glaubten", betonte Keller. Steins ist bespickt mit Kratern, der größte hat einen Durchmesser von zwei Kilometern. "Man müsste eigentlich annehmen, dass der Aufschlag, der die Krater verursachte, Steins zerstört haben müsste", sagte Keller. Weitere Erkenntnisse sollen nach der Auswertung der Daten in den kommenden Wochen vorliegen. So wollen Wissenschaftler mehr über die Bahnbewegung von Steins, seine Rotation und seine Dichte erfahren. Auch die Beschaffenheit der Oberfläche und die chemische und mineralogische Zusammensetzung der Böden sowie ihr Alter soll analysiert werden.

Von den Daten versprechen sich die Wissenschaftler Erkenntnisse über die Anfänge unseres Sonnensystems. "Dies führt zu einem besseren Verständnis der Ursprünge und Entwicklung der Erde und ihrer Nachbarplaneten", berichtete die ESA. Asteroiden bestünden aus Materialien aus dem Sonnensystem zu verschiedenen Zeitpunkten der Evolution. "Wenn wir wissen wollen, wie sich die Erde und unser Sonnensystem geformt haben, müssen wie Himmelskörper wie Asteroiden beobachten", sagte Rosetta-Projektwissenschaftlerin Rita Schulz.

"Rosetta" reist weiter

In der Frühgeschichte des Sonnensystems habe es nur die Sonne und Staub gegeben. Diese Staubpartikel hätten sich vereint und erste Prototypen von Planeten in einer Größe von etwa zwei Kilometern geformt. "Daraus entstanden Planeten-Embryos und schließlich Planeten wie wir sie heute kennen", sagte Schulz. Im Asteroiden-Hauptgürtel zwischen den Umlaufbahnen von Mars und Jupiter - in dessen Inneren Steins kreist - sei dieser Prozess mit der Entstehung von Jupiter gestoppt worden. Der große Planet habe die Asteroiden in eine Umlaufbahn um die Sonne gezwungen. "Deshalb beinhalten Asteroiden in dieser Region Informationen aus der Zeit, als die Planeten sich bildeten. Sie sind ein bisschen wie die DNA des Sonnensystems", sagte die Expertin. Asteroiden sind Gesteinsbrocken unterschiedlicher Zusammensetzung. Ihre Größe kann von einigen Metern bis zu 1000 Kilometern reichen.

Doch Asteroiden sind nicht nur Träger historischer Informationen, immer wieder wurden die steinigen Himmelskörper auch zur Gefahr für das Leben auf der Erde. Auch das Aussterben der Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren soll durch den Einschlag eines Asteroiden verursacht sein. "Die Energie, die beim Aufprall eines Asteroiden auf der Erde freigesetzt wird, kann deutlich höher sein als die Explosion einer Atombombe", sagte Gaele Winters, ESA-Direktor für Betrieb und Infrastruktur, und erinnerte an einen Einschlag 1908 in Sibirien, bei dem 2000 Quadratkilometer Land zerstört und mehrere Millionen Bäume vernichtet wurden.

Unterdessen hat der Kometenjäger "Rosetta" seine insgesamt fast sieben Milliarden Kilometer lange Reise durchs All fortgesetzt. Er soll sein Ziel, den Kometen 67/P Tschurjumow-Gerasimenko, nach zehn Jahren Flugzeit im Mai 2014 erreichen. Im November 2014 wird er erstmals in der Geschichte der Weltraumforschung eine Landesonde auf der Oberfläche eines Kometen absetzen und den Kometen dann ein gutes Jahr lang auf seinem Weg Richtung Sonne begleiten.

Quelle: n-tv.de, Harald Schmidt, dpa

Mehr zum Thema