Wissen

Röter als Mars? Flüsse aus Neon? Forscher erwarten "Wunderland" auf Pluto

montage-after-560w.jpeg

Computergrafik von Pluto und seinem Mond Charon - wie nah kommt sie der Wirklichkeit?

(Foto: Nasa)

Die Spannung steigt. Immer näher kommt die Sonde "New Horizons" dem wohl mysteriösesten Himmelskörper im Sonnensystem: Pluto. Im Vorfeld überschlagen sich die Spekulationen. Experten rechnen mit einer bizarren Welt in den Tiefen des Alls.

Einer der größten Momente in der Erforschung des Sonnensystems rückt näher: Mitte Juli wird die US-Sonde "New Horizons" dem dann 4,8 Milliarden Kilometer von der Erde entfernten Zwergplaneten Pluto am nächsten kommen und erstmals scharfe Fotos vom Rand des Sonnensystems zur Erde senden. Forscher werden dadurch einen einmaligen klaren Blick auf diese weit entfernte, kalte Welt erhalten.

Bereits der Anflug ist spannend: Schon jetzt schießt "New Horizons" regelmäßig Fotos von Pluto und seinem Mond Charon. Wie im Zeitraffer wird das Bild der fernen Eiswelt schärfer, immer mehr grobe Details lassen sich erkennen. Doch bis die ersten Aufnahmen von der Pluto-Oberfläche auf der Erde eintreffen, dürften noch weitere Monate vergehen. Bis dahin überschlagen sich Forscher bereits mit Spekulationen über das, was auf den Fotos zu sehen sein wird, wie die US-Zeitung "The Christian Monitor" berichtete.

Erwartet wird eine bizarre Welt: Pluto ist womöglich noch röter als der Mars. Auf seiner Oberfläche könnte es Flüsse und Seen aus flüssigem Neon - ein Edelgas - geben. Spekuliert wird auch über einen möglichen Ozean unter der Oberfläche. Aber das wären nicht schon alle Skurrilitäten: Pluto ist nämlich womöglich auch der einzige "binäre Planet" im Sonnensystem.

Pluto als chaotisches "Miniatur-Planetensystem"

Um den Zwergplaneten mit seinen fünf bekannten Monden ranken sich so viele Fragen und Erwartungen, dass er schon als "Wunderland der Wissenschaft" bezeichnet wird - etwa vom bekannten Planetenforscher Alan Stern, gleichzeitig leitender Forscher beim "New Horizons"-Projekt.

Vergleich Erde_Mond_Pluto_Mond.jpg

Der Größenunterschied zwischen Pluto und Charon (unten rechts) ist weit geringer als zwischen Erde und Mond (links und oben rechts).

(Foto: Wikipedia)

Was Pluto so besonders macht: Der Zwergplanet und seine insgesamt fünf größeren und kleineren Monde - der kleinste hat einen Durchmesser von gerade mal 20 Kilometern - sind gemeinsam eine Art "Miniatur-Planetensystem". "Die Architektur dieses Systems ist faszinierend", schwärmt Forscher William McKinnon, ebenfalls im "New Horizons"-Team. Neueste Beobachtung der US-Weltraumbehörde Nasa zeigen, dass die vier kleineren Monde völlig chaotisch um Pluto herumwirbeln. Ganz im Gegensatz zu den gleichförmigen Bahnen anderer Monde im Sonnensystem.

Das hat seine Ursache in einer weiteren Einzigartigkeit Plutos: Er ist eigentlich kein einzelner Planet, sondern ein "binärer". Bei Pluto und seinem größten Mond Charon - der etwa die Hälfte des Durchmessers und ein Zehntel der Masse von Pluto hat - liegt der Schwerpunkt genau zwischen beiden Himmelskörpern. Üblicherweise befindet sich der Schwerpunkt eines Planeten-Mond-Systems aber im Inneren des größeren Planeten, wie etwa bei der Erde und ihrem Mond. Das Doppel-Planetensystem "Pluto-Charon" jedoch erzeugt ein ständig wechselndes Gravitationsfeld - das die vier anderen Monde kräftig durcheinanderwirbelt.

Oberfläche in sattem Rot?

Auch farblich könnte Pluto beeindrucken: Forscher rechnen mit einer karminroten Oberfläche, mit der Pluto wohl dem Mars den Rang als "Roten Planeten" ablaufen könnte. Wie die Forscher darauf kommen: Laborexperimente auf der Erde haben ergeben, dass die auf Pluto vorkommenden chemischen Verbindungen unter den dort vorherrschenden Bedingungen - etwa Temperaturen knapp über dem absoluten Nullpunkt und schwachem Sonnenlicht - einen satten Rotton ergeben. Zu den untersuchten Stoffen gehören Stickstoff-Verbindungen, Methane und andere organische Stoffe sowie Kohlenmonoxid, die sich auf Pluto alle zu komplexen Molekülen verbunden haben könnten.

Doch damit nicht genug: Andere Forscher haben zudem die Annahme ins Spiel gebracht, dass es auf dem Pluto flüssigen Stickstoff oder sogar flüssiges Neon geben könnte - zumindest zu bestimmten Pluto-Jahreszeiten. Auf der Erde kommt das Edelgas vergleichsweise selten vor, in der Industrie wird es für die bekannten Neon-Lichtröhren verwendet. Auf dem Pluto jedoch könnte es als farblose Flüssigkeit über die Oberfläche fließen oder als unterirdischer Ozean vorhanden sein.

Ein bisschen Geduld müssen die Forscher allerdings noch aufbringen, bis klar ist, welche der Voraussagen über Pluto am Ende zutreffen. Zwar kommt die Sonde "New Horizons" nach mehr als neun Jahren Flugdauer dem Eiszwerg am 14. Juli 2015 am nächsten - bis alle Daten auf der Erde eingetroffen sind, werden aber noch ein paar Monate vergehen. Die Übertragungsrate ist aufgrund der großen Entfernung zur Erde sehr gering. Auch bleibt der Sonde nicht viel Zeit, Pluto zu erforschen: Nachdem sie ihn passiert hat, wird sie ihre Reise fortsetzen und tiefer in den Kuipergürtel vordringen - die Heimat des Pluto und weiterer geschätzter 70.000 ähnlicher Objekte. Aber auch von dort erhoffen sich die Forscher dann viele atemberaubende Erkenntnisse.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema