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Ein Elektrobus an einer Ladestation in Oberhausen: Stammt die Energie von Sonne und Wind, kann das zur Senkung von CO2-Emissionen weit vor den Toren der Stadt beitragen.
Ein Elektrobus an einer Ladestation in Oberhausen: Stammt die Energie von Sonne und Wind, kann das zur Senkung von CO2-Emissionen weit vor den Toren der Stadt beitragen.(Foto: imago/Werner Otto)
Mittwoch, 08. November 2017

Städte sind nicht machtlos: Lokaler Klimaschutz wirkt global

Die Treibhausgas-Emissionen von Berlin, Mexiko-Stadt, Delhi und New York sind recht verschieden. Doch für alle vier Städte gilt: Ihr CO2-Ausstoß wird von Wohnen und Transport bestimmt, und zwar weit über die Stadtgrenzen hinaus. Das birgt Chancen.

"Oft heißt es, dass Bürgermeister wenig gegen den Klimawandel tun können, weil ihr Einfluss auf das Stadtgebiet begrenzt ist, aber tatsächlich kann ihr Handeln weitreichende Wirkung haben", sagt Klimaforscher Peter-Paul Pichler vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Pichler ist Leitautor einen neuen Studie, die zeigt: Nicht nur in den Städten selbst, sondern auch darüber hinaus verursachen die Bereiche Wohnen und Transport die meisten Emissionen. Und in diesen Bereichen, so argumentieren die Wissenschaftler, sei der Handlungsspielraum der Städte vergleichsweise groß. Der lokalen Politik biete sich damit die Chance, mehr gegen den Klimawandel zu tun.

Die Produktion von Zement und Stahl für Gebäude zum Beispiel, heißt es vom PIK, verbrauche eine große Menge an Energie – typischerweise aus fossilen Brennstoffen. Wenn eine Stadt stattdessen den Einsatz von weniger CO2-intensiven Baustoffen wie etwa Holz fördere, könne der indirekte Ausstoß von Treibhausgasen drastisch reduziert werden. Selbst Dinge, die Städte bereits heute tun, könnten weit entfernte Emissionen beeinflussen: Die Erhöhung der Dämmstandards für Gebäude zum Beispiel verringere die lokalen Emissionen durch die Senkung des Heizenergiebedarfs. Und sie könne auch den Bedarf an elektrischer Kühlung im Sommer reduzieren, was die Stromerzeugung und damit den Ausstoß von Treibhausgasen in Kraftwerken außerhalb der Stadtgrenzen reduzieren könne.

Elektrobusse mit Energie aus Sonne und Wind

Auch für den Verkehrssektor zeigen die Wissenschaftler Möglichkeiten auf, den lokalen Ausstoß von Treibhausgasen zu senken – etwa durch den Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs. Der reduziere zudem die Anzahl der Autos, die außerhalb der Stadtgrenzen mit großem Energieaufwand gebaut werden müssen. "Eine Win-Win-Situation", urteilt das PIK. Und es könne noch mehr getan werden: Die Städte könnten etwa entscheiden, aus welchen Quellen sie den Strom beziehen, um beispielsweise ihre U-Bahnen oder Elektrobusse zu betreiben. Entscheiden sie sich für Energie aus Sonne oder Wind, so könnten Stadtverwaltungen damit zur Schließung von weit entfernten Kohlekraftwerken beitragen.

Die Wissenschaftler unterscheiden zwischen lokalen Emissionen (in den Städten selbst) und vorgelagerten oder indirekten Emissionen (die etwa bei der angesprochenen Herstellung von Zement und Stahl außerhalb der Stadt entstehen). In der Studie berechneten die Forscher für vier Städte aus Industrie- und Entwicklungsländern den ersten international vergleichbaren Treibhausgas-Fußabdruck. Es ging um Berlin, New York, Mexico City und Delhi.

"Die Macht der Städte wird unterschätzt"

Die Grafik zeigt, wo die vier Städte weit über ihre Grenzen hinaus für Treibhausgas-Emissionen sorgen.
Die Grafik zeigt, wo die vier Städte weit über ihre Grenzen hinaus für Treibhausgas-Emissionen sorgen.(Foto: PIK)

Das Ergebnis: Zwar sind die Treibhausgas-Fußabdrücke der vier Städte unterschiedlich groß, sie schwanken zwischen 1,9 (Delhi) und 10,6 (New York) Tonnen CO2-Äquivalent pro Kopf und Jahr. Doch das Verhältnis zwischen lokalen und vorgelagerten Emissionen ist in allen Städten etwa gleich und auch die relative Bedeutung von Wohnen und Verkehr für die Emissionen ist sehr ähnlich. Die globale Reichweite der vorgelagerten Emissionen ist unterschiedlich, aber groß.

Im Falle Berlins etwa entstehen der Studie zufolge mehr als die Hälfte der vorgelagerten Emissionen außerhalb Deutschlands, vor allem in Russland und China sowie in der EU. Aber auch rund 20 Prozent der deutlich geringeren Emissionen von Mexiko-Stadt fallen außerhalb des Landes an, vor allem in den USA und China.

Die Berechnungsmethodik, die die Wissenschaftler für die vergleichbaren Treibhausgas-Fußabdrücke entwickelten, sei nun prinzipiell für jeden Ort anwendbar und ermögliche eine effektivere Zusammenarbeit zwischen Städten, um ihren Treibhausgas-Fußabdruck zu verringern, so das PIK.

"Weltweit müssen Städte ermutigt und befähigt werden, ihr gesamtes Emissionsspektrum – lokale und vorgelagerte Emissionen – zu beobachten. Erst dadurch können die notwendigen und ambitionierten Pläne vieler Städte zur Einhaltung der 2-Grad-Grenze verwirklicht werden", sagt Helga Weisz, Ko-Autorin der Studie und Ko-Leiterin des PIK-Forschungsbereichs Transdisziplinäre Konzepte und Methoden. Die Macht der Städte, den Klimawandel anzugehen, werde unterschätzt.

Die Forscher veröffentlichten ihre Studie in den Scientific Reports bei Nature.

Quelle: n-tv.de

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