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Durch das Schmelzen des grönländischen Eisschildes bilden sich Seen.
Durch das Schmelzen des grönländischen Eisschildes bilden sich Seen.(Foto: Timo Lieber/dpa)
Sonntag, 18. März 2018

Grönland verliert Eis schneller: Schmelzwasser lässt Gletscher rutschen

Grönlands Eisschild "verliert heute täglich eine Milliarde Tonnen Eis", so ein Forscher. Schmelzende Seen auf den Gletschern setzen Kettenreaktionen in Gang. Das lässt den Meeresspiegel schneller steigen als bisher bekannt.

Der Eisschild in Grönland könnte schneller ausdünnen als bislang angenommen. Ein internationales Forscherteam um Poul Christoffersen von der englischen Universität Cambridge hat einen Mechanismus entdeckt, der viele Gletscherseen innerhalb kurzer Zeit abfließen lässt. Das Wasser sorgt am Boden des Gletschers dafür, dass der Eisfluss sich drastisch beschleunigt und zunehmend Eis ins Meer gelangt. Das beschleunige den Anstieg des Meeresspiegels, mahnen die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift "Nature Communications".

Satellitenbilder zeigen das Abfließen und Verschwinden eines Sees auf dem grönländischen Eisschild im Sommer 2017.
Satellitenbilder zeigen das Abfließen und Verschwinden eines Sees auf dem grönländischen Eisschild im Sommer 2017.(Foto: European Space Agency/dpa)

"Dieser Eisschild, der 1,7 Millionen Quadratkilometer bedeckt, war vor 25 Jahren relativ stabil, verliert aber heute täglich eine Milliarde Tonnen Eis", wird Christoffersen in einer Mitteilung seiner Universität zitiert. Allein dadurch steige der Meeresspiegel jährlich um einen Millimeter, "eine viel höhere Rate, als noch vor ein paar Jahren vorhergesagt wurde". Der Weltklimarat (IPCC) ging in seinem jüngsten Bericht Anfang 2014 davon aus, dass Schmelzwasserseen keinen Einfluss auf das Fließen eines Gletschers haben.

Wissenschaftler an einer großen Spalte, die sich unter einem See gebildet hat, der abgeflossen ist.
Wissenschaftler an einer großen Spalte, die sich unter einem See gebildet hat, der abgeflossen ist.(Foto: Tun Jan Young/dpa)

Christoffersen und Kollegen zeigen hingegen, wie diese Seen, die sich im Frühjahr und Sommer auf dem Eis bilden, Gletscher in Bewegung bringen. Sie werteten Satellitenaufnahmen einer 9000 Quadratkilometer großen Fläche in Westgrönland bei Kangerlussuaq aus dem Jahr 2010 aus. Dabei erfassten sie 663 Ereignisse, bei denen Gletscherseen verschwanden. Allein vom 6. bis 10. Juni flossen 124 Seen in den Untergrund ab.

Theorie zu Kettenreaktion

Auf Basis der Beobachtungen und der Kenntnisse über die fünf Gletscher in dem Gebiet entwarfen die Forscher ein Modell, das die Ereignisse abbildete. Zugleich entwickelten sie eine Theorie, wie ablaufende Seen eine Kettenreaktion in Gang setzen können. Dies beginnt damit, dass durch eine Gletschermühle - ein größeres Loch im Eis - große Mengen Schmelzwasser zum Grund des Gletschers strömen. Dort verteilt sich das Wasser zwischen dem felsigen Untergrund und dem Eis. Dies verringert die Reibung zwischen Eis und Fels, auf abschüssigem Untergrund gerät der Gletscher in Bewegung.

Da sich der Gletscher nur an manchen Stellen bewegt, an anderen jedoch nicht, kommt es zu starken Spannungen im Eis. Die Folgen sind, so die Forschergruppe, Risse unterhalb der Gletscherseen. Selbst wenn die entstehende Gletscherspalte zunächst nur etwa zehn Meter tief ist, sorgt das einfließende Wasser durch Druck und Wärme dafür, dass sich der Riss in die Tiefe frisst, das Wasser zum Grund gelangt und dort die Reibung verringert. In der Folge entstehen laut Modell weitere Spannungen im Eis, die in eine Entfernung bis zu 80 Kilometer wirken; es bilden sich weitere Spalten und weitere fließen Seen ab – eine Kettenreaktion. "In einem Fall entwässerten 58 von 59 beobachteten Seen in einer einzigen Kettenreaktion", sagt Christoffersen.

Dem Computermodell zufolge können ablaufende Seen die Fließgeschwindigkeit eines Gletschers im Sommer im Vergleich zum Winter vervierfachen. Auffällig ist auch, dass die Forscher auf Satellitenaufnahmen aus dem Jahr 2012 wassergefüllte Gletscherspalten noch in 1800 Metern Höhe und 135 Kilometer entfernt vom Eisrand entdeckt. "Das ist viel weiter landeinwärts, als man bisher für möglich hielt." Bei fortschreitendem Klimawandel erwarten die Wissenschaftler, dass solche Kettenreaktionen noch weiter im Landesinneren auftreten können.

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Quelle: n-tv.de