Frage & Antwort

Frage & Antwort Können Tiere vor Erdbeben warnen?

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Das merkwürdige Verhalten von Elefanten vor dem zerstörerischen Tsunami 2004 soll einigen Menschen das Leben gerettet haben. Wie konnten sie die Naturkatastrophe "erahnen"?

(Foto: imago/Indiapicture)

Hunde bellen und werden unruhig, Elefanten brüllen und selbst Ameisen sollen sich auffällig verhalten, wenn ein Erdbeben bevorsteht. Es gibt viele solcher Berichte. Haben Tiere mit Blick auf Erdbeben wirklich einen siebten Sinn?

Hunderttausende Kröten kriechen aus der Erde und hüpfen durch die Stadt, rund 100 Wiesel flitzen ins Dorfzentrum, 300 Mäuse liegen plötzlich regungslos am Boden, Libellen bilden einen 100 Meter breiten Schwarm, aus allen 100 Stöcken einer Imkerei flüchten die Bienen, und Schlangen ballen sich in Massen am Teichrand zusammen. Kurze Zeit später – mal sind es wenige Wochen, mal wenige Tage, Stunden oder gar Minuten – bebt die Erde. Menschen, die das merkwürdige Verhalten der Tiere zu deuten wussten und es als Warnsignal verstanden, konnten sich vielleicht noch in Sicherheit bringen.

Unzählige solcher Berichte kursieren im Internet. Während Forscher betonen, dass der genaue Zeitpunkt eines Erdbebens von sehr vielen Faktoren abhängt und nach gegenwärtigem Wissensstand wohl niemals exakt vorhersagbar ist, scheinen Tiere – ganz gleich, ob wild lebend oder domestiziert – Erdbeben oftmals rechtzeitig zu spüren. Doch was ist dran an den Geschichten? Können Tiere tatsächlich vor Erdbeben warnen? Wieso sollten sie dazu in der Lage sein?

Diese Frage trieb Wissenschaftler am GeoForschungsZentrum, kurz GFZ, in Potsdam um. Das auffällige Verhalten von Tieren vor Erdbeben "könnte auch andere Ursachen haben", fand Heiko Woith und ging der Sache mit seinem Team auf den Grund. Rund 200 wissenschaftliche Publikationen zu dem Thema nahmen die Forscher unter die Lupe. In 40 davon fanden sie stichhaltige Daten für eine statistische Auswertung. "Wir brauchten mindestens die Information über das Tierverhalten sowie über die Zeit, in der es sich veränderte, und außerdem die Entfernung der Tiere zu dem Beben", erklärt Woith im Gespräch mit n-tv.de.

Letztlich flossen in die Studie mehr als 700 Beobachtungen auffälligen Tierverhaltens ein, die bei 160 Erdbeben gemacht wurden und mehr als 130 Tierarten betrafen - darunter Schafe und Ziegen ebenso wie Schlangen und Fische. Die Berichte stammten aus zwei Dutzend Ländern, die meisten aus Neuseeland, Japan, Taiwan und Italien. Woith und sein Team liefern nun die erste umfangreiche statistische Analyse zum Zusammenhang zwischen seismischer Aktivität und dem Verhalten von Tieren.

Mehr Vorbeben, mehr Tierberichte

"In einem ersten Schritt haben wir festgestellt, dass mindestens 90 Prozent des auffälligen Tierverhaltens innerhalb von 100 Kilometern um das zukünftige Beben angesiedelt war. Also ganz dicht dran", sagt Woith. In einem zweiten Schritt fanden die Forscher heraus, dass das merkwürdige Verhalten der Tiere meist in den zwei Monaten vor dem Beben zu beobachten war. "So ergab sich aus den Tierdaten ein Raum-Zeit-Fenster von 100 Kilometern um das Erdbeben und 60 Tagen davor", fasst Woith das Zwischenergebnis zusammen.

Und dann wurde es spannend, denn jetzt kamen Vorbeben ins Spiel: Die Wissenschaftler untersuchten für alle starken Erdbeben (Magnitude 6 und größer) im Zeitraum von 2000 bis 2012, ob binnen 60 Tagen und in einem Umkreis von 100 Kilometern Vorbeben aufgetreten waren. Die Ergebnisse hielten sie in einem Diagramm fest, das sie mit dem Raum-Zeit-Diagramm aus den Tierdaten verglichen. "Da sahen wir, dass sich die beiden Kurven deckten", sagt Woith. "Je näher man an das Beben heranrückt, desto mehr Vorbeben gibt es und desto häufiger sind Berichte über das Tierverhalten. Bei beidem gibt es ein deutliches Maximum am letzten Tag vor dem Beben und besonders in den letzten Minuten davor. Wir haben also zwei unabhängige Datensätze, die die gleiche Verteilung liefern."

Daraus zogen die GFZ-Forscher einen naheliegenden Schluss: "Möglicherweise rührt vieles von dem anormalen Tierverhalten daher, dass die Tiere die Vorbeben gespürt haben", sagt Woith. Das würde auch erklären, warum es durchaus Erdbeben gab, vor denen die Tiere ruhig blieben. Nicht jedes Beben nämlich kündigt sich an. "Es gibt etliche Erdbeben, die wörtlich spontan auftreten", so der Forscher.

Es geht auch ohne siebten Sinn

Um Vorbeben zu spüren, brauchen die Tiere allerdings keinen siebten Sinn, eine so besondere Fähigkeit ist das nicht. Den Seismografen, den Geräten also, die Bodenerschütterungen aufzeichnen, entgehen sie keinesfalls. Aber auch für viele Menschen sind Vorbeben wahrnehmbar.

Doch was ist dann von den Berichten über brüllende Elefanten zu halten, die die Bewohner der indischen Andamanen und Nikobaren im Dezember 2004 vor dem zerstörerischen Tsunami gerettet haben sollen? Das seltsame Gebaren der Tiere, so ist vielfach und auch von Seiten mancher Forscher zu lesen, habe die Menschen rechtzeitig vor der Riesenwelle in die Flucht getrieben. "Bei Tsunamis ist die Erklärung recht einfach", sagt Woith. "Da hat das Beben ja bereits stattgefunden und genau darauf haben die Tiere wahrscheinlich reagiert. Bis der Tsunami herangerollt kommt, dauert ja dann eine Weile."

Und so, wie Menschen unterschiedlich empfindlich Beben spüren, gibt es offenbar auch in der Tierwelt neben den Sensibleren einige Dickhäuter. "Im Rahmen unserer Studie haben wir auch Berichte über zufällig mit GPS ausgestattete Elefanten gefunden, die sich bei diesem Tsunami überhaupt nicht auffällig verhielten. Die sind gelassen weiter ihres Weges gegangen", gibt Woith zu bedenken.

Wenn man sich die Berichte im Internet über das Verhalten von Tieren bei Beben anschaue, könne man den Eindruck gewinnen, das Problem der Erdbebenvorhersage sei gelöst, sagt der Wissenschaftler. "Doch das ist ganz stark irreführend." Die neue Studie, die im Fachjournal "Bulletin of the Seismological Society of America" erscheint, zeigt das einmal mehr.

Tiere können, so das Fazit des Geoforschers, mitunter durchaus Bodenerschütterungen spüren und darauf reagieren – ebenso wie Menschen. Doch dass sie tatsächlich als Erdbebenwarner genutzt werden könnten, da sieht Woith keine großen Erfolgsaussichten. "Eine treffsichere Vorhersage zu Ort, Stärke und Zeitpunkt eines Bebens scheint nach allem, was wir wissen, nicht möglich zu sein. Und auch die zuverlässige Frühwarnung anhand von Vorbeben oder auch Gasaustritten aus dem Untergrund ist mit vielen Unsicherheiten behaftet und bislang selbst mit den modernsten Sensoren nicht gelungen. Tiere liefern da keine zusätzlichen Informationen."

Quelle: n-tv.de