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Männer müssen sich entscheiden: "Übergewicht stört die Libido"

Im vergangenen Jahr waren sechs von zehn Männern zu dick, bei den ab 55-Jährigen sogar sieben von zehn übergewichtig. Warum zu viel Fett im Körper zum Potenzkiller für Männer werden kann, welche Rolle der Bauchumfang dabei spielt und wie Mann aus dieser misslichen Situation wieder herausfindet erklärt Prof. Dr. Ulrich Wetterauer, Ärztlicher Direktor der Abteilung Urologie vom Universitätsklinikum Freiburg.

(Foto: picture alliance / dpa)

n-tv.de: Was lässt den Mann von heute dick werden?

Ulrich Wetterauer: Vor allem das fehlende Bewusstsein, seiner Gesundheit und seinem Körper gegenüber, ist ausschlaggebend für das steigende Übergewicht bei Männern. Frauen hinterfragen und ändern ihre Lebensweise wesentlich häufiger als Männer. Auch mit steigendem Gewicht im Alter halten die meisten Männer an ihrem Lebensstil fest, der allzu oft zu wenig Bewegung, zu viel Nahrung, Alkohol und Nikotin bedeutet. Sind Frauen bereit am Abend einen Salat zu essen, um ihr Körpergewicht konstant zu halten und ihre Gesundheit zu fördern, schwören Männer auf Schnitzel, Bratwurst oder Eisbein. Kaum ein Mann weiß, dass der tägliche Kalorienbedarf eines Rentners dem eines Grundschülers entspricht und deshalb mit zunehmendem Alter weniger gegessen werden sollte.

Wann genau ist ein Mann zu dick?

Als grobe Orientierung kann der sogenannte Body-Mass-Index (BMI) behilflich sein. Allerdings kann dieser für Männer mit viel Muskelmasse falsche Aussagen liefern. Heute ist vor allem der Bauchumfang entscheidend, um festzustellen, welchen gesundheitlichen Risiken ein Mann ausgesetzt ist. Ein Bauchumfang auf, Höhe des Bauchnabels gemessen, bis zu 94 Zentimetern ist im grünen Bereich, dabei ist nicht wichtig, wie groß der Mann ist. Ein Bauchumfang von 94 bis 102 Zentimetern bedeutet bereits den gelben Bereich, also erhöhte Gesundheitsrisiken. Ein Bauchumfang ab 102 Zentimetern aufwärts liegt im roten Bereich, bedeutet also Übergewicht im krankhaften Bereich. Alle Männer, deren Bauchumfang größer als 102 Zentimeter ist, sollten zum Arzt gehen, um sich durchchecken zu lassen, auch wenn sie noch keine gesundheitlichen Probleme verspüren.

Es gibt ja das Sprichwort, ein Mann ohne Bauch ist ein Krüppel. Ist das überholt?

Allerdings! In vergangenen Zeiten war der dicke Bauch beim Mann ein Zeichen von Wohlstand, Reichtum und Leistung. Heute hat der Wohlstandsbauch ausgedient. Zum aktiven Leben im Alter gehört auch ein durchtrainierter Körper. Die Lebenserwartung in Deutschland ist in den letzten Jahren gestiegen. Auch Männer sollen bis ins hohe Alter fit, vital und beweglich bleiben. Um die Lebensqualität aufrecht zu erhalten und die Lebenserwartung vollständig auszuschöpfen, müssen sich jedoch Männer ab 40 Jahren entscheiden: Will ich jeden Abend ein Schnitzel essen oder meine Vitalität und auch Potenz erhalten?

(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Warum kann Übergewicht zu Impotenz führen?

Das ist ein komplexes Feld. Zum einen kann Impotenz ein Hinweis für eine ernsthafte Erkrankung, wie Bluthochdruck oder Zuckerkrankheit sein, zum anderen kann Übergewicht die Impotenz auslösen. Das liegt daran, dass das Fettgewebe im Körper hoch aktiv ist. Es ist schon lange bekannt, dass Fettgewebe das für Männer wichtige Hormon Testosteron durch ein Enzym in das weibliche Hormon Östrogen umwandelt. Der dicke Mann hat also in der Regel einen niedrigeren Testosteronspiegel als der dünne Mann. Ein niedriger Testosteronspiegel ist kombiniert mit zahlreichen gesundheitlichen Störungen, wie zum Beispiel Diabetes oder Herzinfarkte, beschleunigt den Abbau von Muskelmasse und reduziert die Libido.

Welche gesundheitlichen Einschränkungen kann denn Übergewicht noch mit sich bringen?

Männer mit Übergewicht haben ein wesentlich größeres Risiko als normalgewichtige Männer an Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen oder Diabetes mellitus zu erkranken. Daraus können Herzleiden und Arterienverengungen entstehen, die zu einem frühen Herztod führen. Durch die Belastung der Gelenke sind orthopädische Krankheitsbilder häufiger und schränken wiederum die Beweglichkeit und sportliche Bemühungen ein.

Was empfehlen Sie dem 40-jährigen Mann von heute?

Zuerst einmal sich so zu ernähren, dass der Bauchumfang im grünen oder wenigstens gelben Bereich liegt. Zur bewussten und ausgewogenen Ernährung muss Sport und Bewegung kommen, um die Muskelkraft zu erhalten oder aufzubauen. Pro Jahrzehnt nimmt der gesunde Mann ab 40 Jahre durch den langsam abnehmenden Testosterongehalt drei Kilogramm Muskelmasse ab. Diese wird allerdings in Fettgewebe umgebaut. Männer die regelmäßig Sport treiben, können ihren Testosteronspiegel um 20 bis 30 Prozent erhöhen. So kann auch der Muskelabbau aufgehalten beziehungsweise verlangsamt werden. Meine Erfahrung ist, dass der Kraftsport dabei eine entscheidende Rolle spielt. Dieser sollte so früh wie möglich in den normalen Tagesablauf eingebunden werden. Zusätzlich empfehle ich regelmäßig die medizinischen Vorsorge- und Krebsfrühsorgeuntersuchungen wahrzunehmen.

Bis zu welchem Alter ist es für einen Mann möglich, durch die Umstellung des Lebensstils die Gesundheitsrisiken zu minimieren?

Dafür ist es nie zu spät! Die Risiken, die man durch das Übergewicht mit sich trägt, können parallel zur Gewichtsreduktion gesenkt werden. Das dauert allerdings einige Zeit, aber es lohnt sich.

Professor Ulrich Wetterauer ist Arzt für Andrologie und Facharzt für Urologie in Freiburg.
Professor Ulrich Wetterauer ist Arzt für Andrologie und Facharzt für Urologie in Freiburg.

Wenn sich ein Mann nun entscheidet, ab morgen gesund zu leben und abzunehmen, was sollte er als erstes tun?

Der erste Schritt sollte der Besuch beim Hausarzt sein, denn sowohl die Umstellung der Ernährung als auch die Bewegung bedeuten Belastungen für Herz-Kreislauf, für die Gelenke und für die Psyche. Es ist sinnvoll, zuerst eine ärztliche Untersuchung durchführen zu lassen, bei der festgestellt werden kann, in welcher Weise man belastbar ist. Danach kann man mit einem Physiotherapeuten oder einem ausgebildeten Fitnesstrainer ein individuelles Training erarbeiten. Wer möchte, kann zudem mit einem Ernährungsberater ein persönlich zugeschnittenen Ernährungsplan entwerfen. Wichtig ist jedoch zu erkennen, dass ein gesundes Leben nicht gleichzusetzen ist mit einem spaßfreien Leben. Viele Krankenkassen helfen und bieten hierzu Spezialprogramme an.

Das hört sich nach reichlich Selbstdisziplin an, um zum Ziel zu kommen.

Wichtig ist für Männer, die sich entschieden haben, gesünder zu leben, mit anderen zusammen zu kommen. Das macht erstens mehr Spaß und gibt zweitens die Unterstützung durch "Leidensgenossen", die über schwache Momente helfen kann. Auch Ehefrauen und Partnerinnen können Unterstützung bei der Durchsetzung geben. Eine Gruppe von Gleichgesinnten und fachgerechte Beratung sind für ein langfristiges Gelingen und Gesunden mit Spaß und Humor sinnvoll.

Mit Ulrich Wetterauer sprach Jana Zeh

Quelle: n-tv.de

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