Leben

One Woman Show Blaue Stunden mit Krabat in Amsterdam

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So einen aufgeräumten Nachttisch gibt's doch nur im Möbelhaus. Oder bei der Bilderagentur.

(Foto: imago/PhotoAlto)

Es hieß, wir hätten jetzt wegen Corona Zeit für die Dinge, die wir schon immer tun wollten: mehr Yoga, mehr Laufen, mehr Lesen, mehr ich. Wenn man normal weiterarbeitet, hat man aber gar nicht viel mehr Zeit als sonst. Der Stapel Bücher auf meinem Nachttisch macht das klar.

Corona-müde? Ich schon. Ich mag nicht mehr. Jaja, das Leben ist kein Ponyhof, schon klar, und wir müssen alle zusammenhalten und das hat sich keiner ausgesucht und überhaupt geht's dir doch dufte, du hast Arbeit, einen Vorgarten, einen Staubsaugerroboter und einen Tennisschläger, Sabine, jetzt reiß' dich mal zusammen. Ja-ha, das tue ich, und dennoch rafft mich der Weltschmerz ab und zu darnieder, denn es geht mir - typisch Mutti - ja gar nicht nur um mich-mich-mich! Auch wenn es manchmal so klingt. Uns tun die Kinder leid, mir auch, aber vor allem tun mir die alten Leute leid, denn wir verschieben hier munter unser Leben auf 2021, und manche, die können vielleicht nichts mehr verschieben. Das Philharmonie-Abo meines Vaters kommt mir in den Sinn, meine Udo Lindenberg-Karte für die Waldbühne (aber Udo wird 100, hat er mir versprochen), Elton John!? Naja, seine beiden Jungs halten ihn fit! Das geplante Billy-Joel-Konzert in New York - wird das alles stattfinden? Dionne Warwick zum Hochzeitstag!! Ehrlich, ist doch keese, so sieht's aus.

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Das Ding mit der Atem-Maske hat sich für mich endlich erledigt, ich habe diverse Schlafmasken gefunden und mein Mann findet's auch gut.

(Foto: privat)

Aber ich wollte eigentlich gar nicht lamentieren, ich wollte aufräumen - und da habe ich geschwind noch die Fenster geputzt, und von der Leiter aus meinen Nachttisch von oben gesehen, krachend voll. Und voller Wunder. Was da an Kerzen, Schlafmasken, Cremes, Zetteln, Schmuck, Kleingeld, Gedöns und Magnesiumtütchen zu finden ist, ist eines Tante Emma-Ladens würdig. Aber vor allem lagern dort Bücher. Das Buch, das ich gerade lese und die anderen 20, die ich anfangen wollte. Oder angefangen habe. Die ich weggetan habe, weil zu anstrengend und für später. Oder zu leicht. Zu gruselig. Oder zu lustig. Ich schlafe ja nicht alleine, und man kann sich nicht vorstellen, wie schreckhaft der Co-Schläfer ist, wenn ich nachts um zwei brülle vor Lachen. Egal, das könnte jetzt zu weit führen, ich habe mich nur - ehrlich gesagt - etwas gewundert, was ich da an Literatur alles finde auf meinem Nachttisch. Ich fang' mal an zu sortieren, und ich versuche auch, das rein küchenpsychologisch einzuordnen.

Als erstes liegt da ein Buch namens "Mami braucht einen Drink" von Gil Sims, einer britischen Autorin. Der Widmung zufolge haben meine Kinder es mir geschenkt. Sie kennen mich doch wirklich zu gut, die lieben Kleinen. Diese Mrs. Sims schrieb vorher wohl mal einen Bestseller der "Why Mummy Drinks" heißt und den ich nicht geschenkt bekam. Ich muss sagen, zum Glück, auch wenn ich gar nicht weiß, was meine Töchter meinten mit dem Titel - ich trinke doch nicht, ich? Pffh … Ganz selten mal, wenn es einen Anlass gibt. Nie allein. Also jetzt zum Beispiel gar nicht, denn welchen "Anlass" gäbe es? Und wann bin ich schon mal allein, wenn alle im Homeoffice hocken? Buäh, ich wäre gern mal wieder allein! Nur ganz kurz! Vielleicht hol' ich mir gleich mal einen Drink-ohne-Anlass.

Ein Liebling von mir liegt auch auf dem Nachttisch (allein dieses Wort, Nacht-Tisch): "Blaue Stunden" von Joan Didion. Wie sie schreibt! So schön, so wahr. "Es gibt diese Zeit an manchen Orten auf unserer wunderschönen Welt, in der die Dämmerung lang und blau ist, sodass man glaubt, der Tag würde nie enden", schreibt sie. Man weiß natürlich, dass diese Phase enden wird, man will es aber nicht wahrhaben, denn man muss dann wieder ein Jahr warten, bis es zu diesem Phänomen "Blaue Stunden" kommen wird. Ein ganzes Jahr muss man warten, siehe oben, 2021. "Manchmal überkommt einen eine Ahnung, ein Frösteln, dass nichts für immer ist", schreibt Joan Didion. Sie kann das wie kaum eine andere, sie kann auch beschreiben, was der Tod eines geliebten Menschen mit einem macht. Schweres Thema, aber eben wunderschön ge- und beschrieben. Ich finde ein abgerissenes Flugticket nach Ibiza als Lesezeichen im Buch - ich weiß, dass ich so ein Buch nicht lesen kann, wenn es draußen grau ist und regnet. Ich denke, ich kann meinem gesunden Menschenverstand einigermaßen trauen. Hach, Ibiza.

Alles möglichst nicht so ernst nehmen, bitte

"Krabat", mein absolutes Lieblings-Jugendbuch, liegt auch auf dem Nachttisch, und ich weiß, dass wenn ich es lese, ich 1000 Bilder im Kopf haben werde. Ich habe mir den Spielfilm nicht angeguckt, auch wenn er super sein soll. Es sind die Bilder, die ich mir nicht nehmen lassen will. Die Zeitschrift "Eltern" schrieb damals: "Es gibt selten ein Jugendbuch, das auch Erwachsene so fesselt. Ottfried Preußler hat eines geschrieben." Und auch, wenn ich die Zeitschrift "Eltern" nie gelesen habe, weil ich Erziehungstipps und wie "Mami- und Papi-Zeit für sich finden nach der Geburt" und "mit dem Wohnmobil und Säugling günstig durch Europa fahren" und "die besten Rezepte ohne Zucker" schon immer blöd fand, haben sie damit vollkommen recht gehabt. So einen Klassiker kann man immer wieder lesen, denn es ist ein einziges Lied auf die Freiheit. Und die ist ein so kostbares Gut, dass es mir die Tränen in die Augen treibt, wenn ich über den Begriff Freiheit im Moment nur nachdenke. Einen Drink?

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Wer die Wahl hat hat auf keinen Fall eine Qual, sondern ganz einfach die Wahl. Toll!

(Foto: privat)

"Winning Ugly" liegt da auch, und immer wieder mal gucke ich rein. Denn nein, ich schummele nicht beim Tennis, aber ich habe auch nichts gegen psychologische Spielführung. Ich bin eher so der "aus dem Bauch heraus Spieler", ich bin John McEnroe für Arme, ich rege mich auf, schmeiße den Schläger und schimpfe. Ich versuche immer wieder, mir bei den Coolen etwas abzugucken, den Gegner mit Blicken oder mit betont langsamem Schlendern auf den Platz zur Weißglut zu bringen. Was soll ich sagen - die anderen haben das Buch auch gelesen. Dabei identifiziere ich mich total mit diesem Brad Gilbert, der das Buch geschrieben hat, denn es heißt, er hätte wie ein Höhlenmensch gespielt, der zufällig einen Schläger gefunden hat. Dieser Gilbert war nie so eine Top-Kanone wie Boris Becker oder André Agassi oder Pete Sampras oder Jim Courier, aber alle haben von ihm gelernt. Deswegen gilt Gilbert auch als einer der wichtigsten und besten Tennistrainer der Welt, denn dank ihm weiß man, wie man Schwächen vortäuscht, die man gar nicht hat und wie man ohne nennenswerte Vorhand aber mit raffinierter Rückhand oder eben einem angetäuschten Hinken den Gegner platt macht. Ich werde dieses Buch leider doch noch auswendig lernen müssen, denn ich will, dass jemand zu mir sagt: "Dein Spiel ist echt hässlich, aber Glückwunsch." Und dann werde ich sagen: "Danke, ich habe auch hart daran gearbeitet." Ich nehme mir vor, nichts mehr zu ernst zu nehmen.

Taktik überdenken, heißt die Devise

Das nächste Buch auf dem Stapel ist von Sven Michaelsen und heißt: "Das drucken Sie aber nicht - die besten Interviews". Ich liebe es, Interviews zu führen, ich glaube, ich weiß meist, was mein Gegenüber nicht abgedruckt sehen will, auch wenn es sich mit mir verplaudert hat. Ich sage dann immer gern, dass ich ja nicht vom Boulevard bin, sondern bei einem seriösen Anbieter arbeite, und weiter geht's. Mal sehen, wann das wieder losgeht mit den Interviews von Angesicht zu Angesicht. Bis dahin beneide ich den Autoren um seine Interviewpartner und die Aussage, dass, laut Peter Sloterdijk, "die Interviews von Sven Michaelsen der Dummheit schaden". Am liebsten mag ich das Interview mit Heide Sommer, die unter anderem behauptet, dass dem von vielen als Heiligen angesehenen Helmut Schmidt seine Selbstherrlichkeit aus den Ohren quoll. Eine Frau, die Respekt verdient! Ich werde meine Interviewtaktik überdenken.

New York in den Dreißiger Jahren: "Die Clique", ein Buch von Mary McCarthy, was als nächstes - noch einmal - gelesen werden will. McCarthy zeigt uns, dass Frauen vor 90 Jahren an vielen Stellen bereits so getickt haben wie Frauen heute. Ist das ein gutes Zeichen? Oder bedeutet es, wenn acht junge Frauen sich nach dem Studium hoffnungsvoll und leidenschaftlich ins Leben stürzen auf der Suche nach sich selbst, nach Abenteuern, Geld und Sex und vor allem auf der Suche nach der großen Liebe, sich eigentlich recht wenig verändert hat? Ich fürchte ganz oft, ja, ohne die Erfolge von Frauenbewegung und Feministinnen schmälern zu wollen. Was mir aber am meisten gefällt - in dem Buch dürfen sich acht Frauen gleichzeitig ins Leben stürzen. ACHT Frauen, also, daran arbeiten wir jetzt mal wieder so After-Corona-Dingsbums-mäßig! Ich vermisse meine Gruppen.

"Letztendlich sind wir dem Universum egal" von David Levithan, "Panikherz" von Benjamin Stuckrad-Barre und ein Buch über "Mode und andere Neurosen" von Katja Eichinger liegen da auch noch. Und? Sie haben alle Recht. In der Mode galten Klassiker schon immer, und das wird so bleiben, Panik kann man gerade schonmal kriegen, auch wenn man sonst mit recht niedrigem Blutdruck durchs Leben geht, und ob wir dem Universum egal sind? Auf jeden Fall! Warum sollte es sonst so harte Prüfungen für uns kleine Menschen bereithalten? Wir sollen lernen, ja, danke, aber ich war schon ohne diesen ganzen Corona-Mist auf einem guten Lern-Weg. Finde ich. Das mit dem "Schnell mal hierhin, schnell mal dahin-Fliegen", das wollte ich auch gerade lassen. Aber warum liegt "38 Hours in Amsterdam" neben meinem Bett? Wo ich in den letzten Monaten doch eh schon so oft in Amsterdam war? "Some tourists think Amsterdam is a city of sin, but in truth it is a city of freedom. And in freedom, most people find sin." Alles richtig, aber ich bin kein Amsterdam-Tourist, ich wohne dort quasi. Na gut, meine Tochter, nicht ich. Aber ich bin KEIN Tourist! Ich denke in letzter Zeit ganz oft über Bahnfahren nach, immerhin.

Und dann sind da noch die beiden Bücher von den echten Menschen, Johann König und Jane Birkin. Ich liebe wahre Geschichten. Ich werde sie nun endlich lesen, denn es sieht so aus, als würde unsere Corona-"Pause" (welche Pause?) noch ein wenig andauern. "Unfollow" von Nena Schenk muss noch ein bisschen warten, denn dass Instagram und Co. mein Leben zerstören werden, glaub' ich nicht.

Aber ich muss jetzt erstmal diesen Artikel posten. Und dann braucht Mami einen Drink.

Quelle: ntv.de