Leben

Neue Regel bei Familiennamen Italiens Mütter werden gleichberechtigter

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Die gesellschaftlichen Erwartungen an Mütter sind in Italien immer noch ziemlich gestrig.

(Foto: imago images/Westend61)

Von nun an können italienische Kinder auch den Nachnamen der Mutter bekommen. Ein Meilenstein für die Frauen und ein weiterer Schritt im Wandel der italienischen Familien. Jetzt müssten nur noch die Männer mehr anpacken.

Als Ende voriger Woche der italienische Verfassungsgerichtshof verkündete, die automatische Benennung des Neugeborenen nach dem Familiennamen des Vaters sei rechtswidrig, sprachen Medien, Soziologen und viele mehr von einem epochalen Schritt. Und in der Tat stellt dieses Urteil in Italien eine Zeitenwende in der Wahrnehmung der Rolle von Frau und Mann, Mutter und Vater in der Familie dar.

Trotzdem war man auch ein wenig verdutzt. Nicht wegen des Entschlusses, sondern weil sich gleichzeitig auch das Bild der italienischen Mamma vordrängte. Schließlich ist sie im hiesigen Familienbild beinahe eine Heilige. Wenn die Medien über einen Vorfall berichten, in dem es um eine Familie geht, wird nicht von der "Mutter" sondern gleich von Mamma Rosa oder Mamma Maria, als wär's die eigene, berichtet.

"Na ja, das eine ist die Rolle der Mutter in den häuslichen vier Wänden, etwas anderes die Familienabstammung, die bis jetzt auf den Vater gründete", erklärt Monica Santoro, Professorin an der Mailänder Universität für Familiensoziologie und demografischen Wandel im Gespräch mit ntv.de.

Dem hat der Verfassungsgerichtshof jetzt ein Ende gesetzt und die automatische Zuweisung des väterlichen Familiennamens als "diskriminierend und rechtswidrig in Bezug auf die Identität des Kindes" bezeichnet. Genau genommen widersprach dieser Automatismus auch der italienischen Verfassung aus dem Jahr 1947, in der die moralische und rechtliche Gleichberechtigung der Ehepartner verankert ist. Ab jetzt entscheiden also die Eltern gemeinsam, ob das Kind ein oder zwei Nachnamen haben soll und welcher der beiden als erster kommt.

Ein langer Kampf

Es brauchte viel Kraft und Ausdauer, um zu diesem Resultat zu kommen. Der Mailänder Rechtsanwalt Luigi Fazzo erzählte der Tageszeitung "Repubblica", dass er und seine Frau Alessandra Cusan 20 Jahre darum kämpften. Sie hatten einvernehmlich beschlossen, ihren Kindern den Familiennamen der Mutter zu geben. Fazzo fand den Automatismus absurd, seine Frau, eine Volkswirtin, kämpfte im Namen des Feminismus. Mittlerweile sind die drei Söhne der beiden erwachsen. "Wir sind alle Instanzen durchgegangen, haben Italien sogar vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gezerrt. Und dort gewonnen." 2014 verurteilte der EGMR Italien deswegen.

Doch die Politik unternahm weiter nichts. Und so war es wieder einmal der Verfassungsgerichtshof, der eingreifen musste. Zwar hat das Urteil sofortige Wirkung, jetzt wäre aber wieder das Parlament am Zug ein Gesetz dazu zu verabschieden.

Die Politiker verteidigen Werte, denen sie selber oft nicht folgen

"Italien war bei der Anerkennung von Zivilrechten schon immer im Verzug", erklärt Santoro. "Diese Themen beinhalten politisches Konfliktpotenzial". Denn die Gesellschaft zeigt sich meistens fortgeschrittener. Dass die Politiker trotzdem gewählt werden, hat nicht zuletzt damit zu tun, dass ein Großteil der Wähler zunehmend fortgeschrittenen Alters ist und noch ein traditionelles Familienbild pflegt. Dass Politiker wie Silvio Berlusconi öffentlich für ein Familienbild stehen, das ihrem eigenen Privatleben widerspricht, schert die wenigsten. Die Scheidungen und außerehelichen Affären werden ignoriert. Und obwohl die italienische Gesellschaft inzwischen genauso säkularisiert ist wie die meisten westlichen, haben viele noch im Hinterkopf, dass es ja für Sünden weiter den Beichtstuhl und die Absolution gibt. Hier prägt die katholische Kirche noch immer Vorstellungen von richtig und falsch, auch wenn es im Alltag längst anders läuft.

Auch was die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften betrifft, musste erst der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte einschreiten. Erst dann verabschiedete Italien ein Gesetz dazu, das aber diesen Paaren die Adoption von Kindern, die dem Samen eines fremden Spenders entstammen, verbietet. Was im Fall von Trennungen zu tiefen Traumas führen kann.

"Generell hat sich aber auch die italienische Familie in den letzten 20, 30 Jahren stark verändert", hebt Santoro hervor. Einst galt die Hochzeit als der Übergangsmoment zum Erwachsenenleben, als der Moment, "in dem man sich zur Familienbildung und der Fortpflanzung bekannte". Die Hochzeit galt als einer der gesellschaftlichen Höhepunkte einer Familie. Wenn es sich finanziell machen ließ, kauften die Eltern dem neuen Paar eine Wohnung und warteten dann gespannt auf das erste Enkelkind.

Dieses Ritual hat zunehmend an Wert verloren. Heute ziehen fast 40 Prozent der Paare schon vor der Hochzeit zusammen und nicht immer folgt darauf eine Vermählung. Ein weiteres, äußerst wichtiges Indiz über den Wandel der italienischen Familie ist, dass mittlerweile 30 Prozent der neugeborenen Kinder Eltern haben, die nicht verheiratet sind. In den 90er-Jahren waren es gerade einmal sieben Prozent.

Wobei der Wandel der italienischen Familie ein Nord-Südgefälle aufweist, das zum Großteil mit den Arbeitschancen zu tun hat und somit auch mit der Möglichkeit, sich finanziell von der Ursprungsfamilie abzunabeln. Und die gibt es viel mehr in Norditalien. "Wobei ich aber beim doppelten Familiennamen vermute, dass er gleichermaßen in Nord- und Süditalien problemlos angenommen werden wird", meint Santoro. Und apropos Familienname. Anders als in vielen Ländern behält die Frau in Italien nach der Heirat ihren Mädchennamen. Nur, wenn sie selbst diesen ablegen möchte, übernimmt sie den des Ehemanns.

Last bleibt bei den Frauen

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Ein weiterer wichtiger Schritt war 2012 die Einführung einer Pflichtelternzeit von zehn Tagen auch für den Vater, der sich außerdem die darauffolgende freiwillige Elternzeit mit der Mutter teilen kann. Die Maßnahme ist für ein Land wie Italien, in dem 2021 gerade einmal 399.431 Neugeborene registriert wurden, während 709.035 Menschen starben, besonders wichtig. Im Vergleich zu anderen westlichen Ländern ist auch die Frauenarbeitsquote niedrig, im März 2022 lag sie lediglich bei 51,2 Prozent.

2020 haben laut Statistik 20 Prozent der Väter von der Elternzeit Gebrauch gemacht. Die Last bleibt weiter vornehmlich auf den Schultern der Frauen. "Was wir unbedingt brauchen, ist eine kulturelle Erziehung", hebt Santoro abschließen hervor. Die Kommentatoren sind sich einig: Die Mutter in Italien hat etwas von ihrem Heiligenschein eingebüßt, dafür aber etwas mehr Gleichberechtigung langsam dazugewonnen.

Quelle: ntv.de

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