Kino

"Bombshell" über Fox-News-Fall Hässliche Wahrheiten aus der Pre-MeToo-Ära

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Megyn Kelly (Charlize Theron), Gretchen Carlson (Nicole Kidman) und Kayla Pospisil (Margot Robbie, v.l.) im Aufzug ihres Arbeitgebers Fox News.

(Foto: Wild Bunch Germany)

Ein Jahr vor dem Weinstein-Skandal entledigt sich der US-Sender Fox News seines CEOs. Roger Ailes hatte über Jahre junge Mitarbeiterinnen sexuell belästigt und seine Macht missbraucht. "Bombshell" wirft mit Starbesetzung einen chronologischen Blick auf die Ereignisse.

Als 2017 der Hollywood-Produzent Harvey Weinstein in die Schlagzeilen gerät, weil ihm viele Frauen - darunter bekannte Schauspielerinnen - sexuelle Nötigung und sogar Vergewaltigung vorwerfen, ist Roger Ailes seinen Job bereits los.

Er war Fernseh- und Musicalproduzent sowie Medienberater der republikanischen Präsidenten Nixon, Reagan und Bush, ehe er 1996 für Medienmogul Robert Murdoch den konservativen Sender Fox News konzipierte und fortan leitete. 2016 dann kommt der Skandal um ihn ins Rollen, als Moderatorin Gretchen Carlson öffentlich macht, von Ailes jahrelang sexuell belästigt worden zu sein. Sie wird entlassen und reicht Klage ein, weitere Mitarbeiterinnen - darunter Moderationskollegin Megyn Kelly - schließen sich nach erstem Zögern an. Die Angelegenheit zieht immer weitere Kreise, bis Ailes für die Murdochs und ihr Unternehmen nicht länger tragbar ist. Der damals bereits 76-Jährige wird entlassen - angeblich mit einer Abfindung in Höhe von 40 Millionen Dollar.

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Roger Ailes rückt Kayla Pospisil auf die Pelle.

(Foto: Wild Bunch Germany)

Die Geschichte, die "Bombshell - Das Ende des Schweigens" erzählt, ist jedem US-Amerikaner wohlbekannt, für manchen deutschen Zuschauer aber womöglich Neuland. Schon dieser Fall hätte eigentlich die aus den Vorwürfen gegen Weinstein resultierende #MeToo-Bewegung lostreten müssen.

Perfekte Maskerade

Gretchen Carlson wird gespielt von Nicole Kidman, während Charlize Theron in der Rolle von Megyn Kelly schlüpft und in beinahe keiner Einstellung wiederzuerkennen ist. Es gibt ein Zeitraffer-Video, das ihre Verwandlung durch Make-up-Artist Kazu Hiro dokumentiert. Da wird geklebt, gepinselt, gepudert und gemalt, was die Tiegel hergeben. Optisch, aber auch in ihrem Spiel überzeugen beide Frauen, so wie auch Margot Robbie als naiver Sender-Emporkömmling Kayla Pospisil. Sie hat der von John Lithgow in perfektem Maße unsympathisch dargestellte Roger Ailes aktuell ins Auge gefasst. Die Szenen zwischen den beiden in der Abgeschiedenheit von Ailes Büro haben etwas höchst Unangenehmes, was hoffentlich nicht nur der weibliche Zuschauer so empfindet. Ailes lauert und giert, Pospisil begreift nur langsam, wie ihr geschieht.

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Das Plakat zum Film - Kinostart in Deutschland ist am 13. Februar.

(Foto: Wild Bunch Germany)

Ailes, Liebhaber langer Beine, verbietet seinen weiblichen Angestellten das Tragen von Hosen, lässt Glastische in den Studios installieren für einen unverbauten Blick und er kreiert mit seinem persönlichen Frauengeschmack das Erscheinungsbild von Fox News. Ein Erscheinungsbild, das es mit sich bringt, dass ältere Moderatorinnen wie Carlson aus dem Hauptprogramm verbannt und durch "Frischfleisch" ersetzt werden.

Unterkühlte Charaktere

Regisseur Jay Roach, der um die Jahrhundertwende mit Komödien wie "Austin Powers" und "Meine Braut, ihr Vater und ich" Erfolge feierte, gewährt in "Bombshell" einen Blick durchs Schlüsselloch von Ailes' Büro. So gibt er die Sicht auf etwas frei, das man lieber nicht gesehen hätte, aber sehen muss, um zu verstehen, wie alte, weiße, reiche Männer ihre Macht auskosten und was das mit ihren Opfern macht. Vermittelt werden die Ereignisse in schnellen Dialogen über verschiedene Erzählstränge, die dynamisch geschnitten zusammenlaufen.

"Bombshell" ist ein sehr US-amerikanischer Film, der nicht ohne ein gewisses Maß an Pathos auskommt, dabei aber dennoch den Finger auf die Wunde eines Systems legt, das viele Jahrzehnte zu gut funktioniert hat. Vielleicht liegt es an der optischen Künstlichkeit von US-Fernsehmoderatorinnen, dass die weiblichen Hauptfiguren immer etwas zu unterkühlt wirken, um beim Zuschauer echte Emotionen hervorzurufen. Trotzdem ist "Bombshell" ein wirklich sehenswerter Film, in dessen - zweifelhaften - Genuss Roger Ailes selbst allerdings nicht mehr kommt. Aufgrund seiner Bluterkrankheit starb er nach einem Sturz im Mai 2017 - nicht mal ein Jahr nach dem ruhmlosen Ende seiner Karriere.

"Bombshell" startet am 13. Februar 2020 in deutschen Kinos.

Quelle: ntv.de