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"Tatort - Wie alle anderen auch" Ein ständiger Kampf ums Überleben

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Die Kommissare Ballauf und Schenk ermitteln im Obdachlosenmilieu.

(Foto: WDR/Martin Valentin Menke)

Es ist nicht das erste Mal, dass der "Tatort" sich dem Thema Obdachlosigkeit widmet. Im Gegensatz zu manch sozialromantischer Schnurre der Vergangenheit gelingt dem Kölner Team diesmal jedoch eine überaus stimmige Annäherung ans Thema - das ist hart, aber nicht hoffnungslos.

Der Sonntagskrimi und das Pennermilieu - nicht immer war das eine ausgesprochene Liebesbeziehung. Man denke an "Côte d'Azur" aus dem Jahr 2015, als Klara Blum (Eva Mattes) in Konstanz unter Obdachlosen ermittelte. Die hatten es sich in der titelgebenden Blockhütte ganz kommod gemacht und dämmerten im rotweinseligen Halbkoma dem Weihnachtsfest entgegen. In Dresden verhob man sich im Jahr darauf, folgte den Pennern Hansi, Platte und Eumel, inklusive Showdown auf der Bühne eines Theaters, das die "Bettleroper" - was sonst? - mit Obdachlosen aufführte.

Auch in Köln widmete man sich bereits diesem Themenkreis. Anno 2009 etwa, als Kommissar Ballauf (Klaus J. Behrendt) in "Platt gemacht" gleich selbst zum Penner wurde und sich prompt Läuse einfing. Eine überzogene Sozialschnurre mit Udo Kier als Clochard namens Beethoven, einem orgelspielenden Schöngeist, der Molière und Mark Twain zitiert. In der Schlusszene schauten sogar noch De Höhner und Peter Millowitsch rein und brachten die Penner - ist doch alles halb so wild - endgültig zum Schunkeln.

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Ella (Ricarda Seifried) flieht vor ihrem prügelnden Ehemann und landet erneut in den Händen eines Schlägers.

(Foto: WDR/Martin Valentin Menke)

In "Wie alle anderen auch" setzen nun Regisseurin Nina Wolfrum (u.a. "Nord bei Nordwest - Ein Killer und ein Halber", "Tatort - Niemals ohne mich") und Autor Jürgen Werner (Fernsehpreis für "Tatort - Hydra") einen anderen Fokus. "Obdachlosigkeit trifft zunehmend die Mittelschicht. Also auch Menschen, die tagsüber einem Beruf nachgehen und die abends draußen oder in ihrem Auto ihren Schlafplatz aufschlagen." so Nina Wolfrum über ihren thematischen Ansatz. "Vor diesem Hintergrund wollte ich Frauen erzählen, die uns nicht fremd, sondern im Gegenteil beängstigend nah kommen, weil sie 'wie alle anderen auch' im Leben mal für etwas anderes angetreten sind, Pläne hatten, wie jede von uns, aber dann an irgendeinem Punkt die Orientierung verloren haben und den Boden unter den Füßen."

Frauen haben es auf der Straße besonders schwer

Dabei sind es gleich mehrere Protagonistinnen, die diesen Weg auf die Straße aus unterschiedlichen Perspektiven erzählen. Da ist die junge Ella (Ricarda Seifried), die vor ihrem prügelnden Ehemann flieht und erneut in den Händen eines Schlägers landet. Da sind die Sozialhelferin Regine (Hildegardt Schrödter), die eine Mieterhöhung aus der Bahn wirft, und Altenpflegerin Katja (Jana Julia Roth), die tagsüber Menschen hilft und nachts in ihrem Auto schlafen muss.

Drei Schicksale, eine Gemeinsamkeit: Frauen haben es auf der Straße besonders schwer. "Obdachlosigkeit hat nichts mit Sozialromantik zu tun. Es geht ums nackte Überleben, jede und jeder kämpft für sich, und je schlechter es der Gesellschaft als Ganzes geht, desto härter werden die Kämpfe zwischen denjenigen, die gar nichts haben", kommentiert Jürgen Werner. "Gerade für Frauen bedeutet Obdachlosigkeit einen ständigen Kampf ums Überleben und der ständigen Suche nach ein wenig Sicherheit und Geborgenheit. Bestohlen, geschlagen, ausgenutzt, vergewaltigt zu werden, ist Teil des Alltags."

Dass der "Tatort" damit erneut einem gesellschaftspolitischem Sujet folgt, mag Oldschool-Krimifans womöglich weniger gefallen. Die Art und Weise jedoch, wie Werner und Wolfrum das Thema umsetzen, ist durchaus beeindruckend. Schonungslos sind vor allem die klaustrophobischen Szenen zwischen Ella und Axel (Niklas Kohrt), auch die nächtliche Unruhe an Katjas Schlafplatz macht die Verzweiflung spürbar. An keiner Stelle verfängt sich "Wie alle anderen auch" dabei in den Sozialkitsch-Fußangeln eingangs erwähnter Fälle, auch Ballauf und Schenk gelingt die Balance aus Empathie und Professionalität, ohne in Gutmenschentum zu verfallen. Besonders stark ist die Schlussszene, in der Regisseurin Nina Wolfrum von der Fiktion in die Realität überblendet und den betroffenen Menschen ein Gesicht gibt, von der Härte ihres Daseins gezeichnet, dennoch mit Hoffnung auf ein besseres Leben.

Quelle: ntv.de

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