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"Tatort" mit Schürk und Hölzer Saarbrücken, an einem Montag …

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Die Kommissare Schürk und Hölzer ermitteln dieses Mal an einem Montag.

(Foto: SR/Manuela Meyer)

… so lautete im Dezember 1970 der Titel des zweiten "Tatort" überhaupt, als Kommissar Liersdahl war Heinz Dieter Eppler zu sehen. Selber Ort, selber Wochentag, gut 50 Jahre später: Schürk und Hölzer haben den Kollegen von einst mit zwei Fällen bereits eingeholt - und besitzen unübersehbar Dauerbrenner-Potenzial.

Das Presse-Echo zwei Tage nach Ausstrahlung ist durchwachsen. "'Saarbrücken, an einem Montag' war spannend. Spannend deshalb, weil mitgedacht werden konnte. Spannend auch, weil die Story in Anlehnung an einen authentischen Fall komponiert war und somit realistisch wirkte. (…) Das unterschied die 'Tatort'-Folge wohltuend von der ARD-Krimi-Konfektion am Freitagabend", urteilen die "Westfälischen Nachrichten" am 15. Dezember 1970. Die "Augsburger Allgemeine" ist anders davor. "Die ARD sollte es nicht wundern, in Zukunft ihren jüngsten Sonntagabend-Kitzel nicht unter dem Stichwort 'Spannung', sondern unter 'Frustration' angeboten zu sehen."

Mit "Taxi nach Leipzig" war die neue ARD-Krimireihe zwei Wochen zuvor gestartet, mit dem zweiten Fall geht es von Hamburg nach Saarbrücken. Ein Krimi-Kapitel, das kurz ausfällt. Ein weiteres Mal nur ermittelt Heinz Dieter Eppler als Kommissar Liersdahl, am 30. September 1973 in "Das fehlende Gewicht", einer überaus gelungenen Episode unter der Regie von Rolf von Sydow.

Saarbrücken bleibt auf der "Tatort"-Landkarte ein Fixpunkt, auch wenn die Geschichte sich zunächst wechselhaft entwickelt. Kommissar Schäfermann (Manfred Heidmann), der schon an der Seite von Liersdahl aufgetaucht war, löst zwischen 1977 und 1984 vier Fälle. Mit Max Palu (Jochen Senf) trägt sich einer der Charakterköpfe schlechthin in die "Tatort"-Geschichtsbücher ein. 18 Mal ist er zwischen 1988 und 2005 im Einsatz. In der Folge versuchen sich zwei weitere Kriminale an der Fortsetzung dieser Erfolgsstory.

Maximilian Brückner kommt als eigenwilliger Kommissar Kappler zwischen 2006 und 2012 in sieben Fällen zum Einsatz. Noch ein Stück verschrobener geht im Anschluss Devid Striesow als Kriminalhauptkommissar Stellbrink zu Werke. Acht Fälle lang feilen verschiedene Drehbuch-Autoren am Typus des Krimi-Kauzes, was mal mehr, meistens weniger gut gelingt, bevor der Motorrad-Fan Anfang 2019 mit "Der Pakt" seinen Helm nimmt und abtritt.

Fiction statt Facts - das ist die Devise

Im Frühjahr 2020 nun gingen mit den Kommissaren Schürk (Daniel Sträßer) Hölzer (Vladimir Burlakov) die nächsten Profis an den Start, schlugen mit "Das fleißige Lieschen" ein neues Kapitel in Sachen Saarbrücken und "Tatort" auf. Und was ntv.de-Autor Julian Vetten den beiden bereits zum Einstieg attestiert - "Ein (fast) rundum gelungener Neustart für die Saarbrücker, die unrühmllichen Stellbrink-Zeiten sind offenbar ein für allemal vorbei" - manifestiert sich nun überaus eindrucksvoll im zweiten Fall "Der Herr des Waldes".

Das Timing könnte kaum besser sein, denn nach den zahlreichen (mehrheitlich gelungenen) Gesellschaftskrimis mit erhöhtem Reality-Anteil der letzten Wochen und Monate, setzt das von Autor Hendrik Hölzemann ersonnene Ermittler-Duo dramaturgisch gesehen einen völlig anderen Schwerpunkt. Dabei fußte der Auftaktfall um den greisen Nazi-Unternehmer noch auf historischem Fundament, spätestens mit dem einfallsreich verknoteten Multi-Plot um den von Kai Wiesinger mit unübersehbarem Spaß dargestellten Psycho-Pauker verlässt Saarbrücken jedoch die Realo-Ebene. Auch das Binnenverhältnis von Schürk und Hölzer, im versuchten Totschlag von Schürks despotischem Vater schicksalhaft aneinander gekettet, ist zwar dramaturgisch gut gesättigt, könnte aber eher den Writer Rooms der Hollywood Hills entstammen, statt einer Ideenschmiede irgendwo in Deutschland.

Aber genau das ist die Qualität, die bestens in den bundesweiten "Tatort"-Themen-Mix passt: Fiction statt Facts, das ist hier die Devise, und selbige mit Lust am dicken Pinsel optisch, zudem in Sachen Suspense, sehr sehenswert umgesetzt. Die stimmungsvollen Aufnahmen des Waldes, darin das unheimliche Phantom mit Pfeil und Bogen, der Soundtrack, der überrissene Typus des Trainer-Vaters, die szenischen Details, etwa das an "Absolute Giganten" gemahnende Tischkicker-Spiel, on top die sparsam gesetzten Pointen ("Klar komme ich mit, ein Steak essen"), das hat internationale Crime-Klasse. Ein wenig noch am schauspielerischen Druck arbeiten, dem Acting etwas das chronisch Hochtourige nehmen - und Palu steht in Sachen Dauerbrennerei massive Konkurrenz ins Haus.

Quelle: ntv.de

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