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Bloß keine Experimente Wie viel Kunst verträgt der "Tatort"?

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Murot (Ulrich Tukur) macht im aktuellen Fall Ferien - oder versucht es zumindest.

(Foto: HR/Bettina Müller)

Kommissar Murot scheidet die Geister: Während Kritiker und Fans die Fälle mit dem exzentrischen Ermittler als "ganz große Kunst" feiern, sind viele einfach nur genervt und wollen "einen ganz normalen 'Tatort'" mit sonntäglichem Mord und Totschlag. Aber geht vielleicht auch beides zusammen?

Auch wenn das mit der Religion hierzulande kein sonderlich großes Ding mehr ist, sind Sonntage und ganz besonders Sonntagabende vielen Deutschen immer noch heilig. Vielleicht stecken manchem die Anstrengungen der abgelaufenen Woche noch in Beinen und Kopf, ganz sicher aber geht am Montagmorgen der Alltag wieder von vorne los. So oder so versammeln sich jeden Sonntag Millionen von Menschen, um ihre Woche mit einem gewohnten Ritual ausklingen zu lassen: dem "Tatort". Die Lieblingsserie der Deutschen ist dabei mehr als nur ein Krimi, sie kann maßgeblich dazu beitragen, wie die Woche für die Menschen beginnt - und ist deshalb ein ganz schön sensibles Thema.

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Gibt's diesmal doppelt: Kommissar Murot.

(Foto: HR/Bettina Müller)

Fast jede Woche erreichen uns Briefe von Lesern, die entweder mit unserer "Tatort"-Kritik oder dem Film selbst unzufrieden sind - ganz besonders dann, wenn sich ein Fall vom bekannten Erzählraster löst, das die Serie seit 50 Jahren so enorm erfolgreich macht, und stattdessen mit neuen Ideen experimentiert. Die Murot-"Tatorte" mit Charakterschauspieler Ulrich Tukur sind dabei wohl die augenfälligsten Beispiele dafür, wie stark ein Film polarisieren kann: Der Wiesbadener Kommissar ermittelte schon in einem tarantinoesken Splatterstreifen, verteidigte in einer Hommage an B-Movies aus den 70ern eine Polizeiwache gegen zombiehafte Verbrecher oder erlebte ein und denselben Tag immer wieder - "Und täglich grüßt das Murmeltier" lässt, äh, grüßen.

"Einfach einen ganz normalen Tatort"

Während sich die Kritiker bei der Besprechung der Filme vor Lob fast ausnahmslos überschlagen und auch viele Fernsehzuschauer von "ganz großer Kunst" schwärmen, sind die Reaktionen auf der anderen Seite beinahe noch heftiger: "Heute schäme ich mich dafür, seit vielen Jahren ein 'Tatort'-Fan zu sein", machte eine Zuschauerin nach der Murmeltier-Adaption ihrer Enttäuschung Luft. Eine andere schrieb auf Twitter: "Ich möchte einfach mal wieder einen ganz normalen 'Tatort' - ein einfacher Toter, einen Kommissar, 85 Minuten Suche nach dem Mörder, der dann in den letzten fünf Minuten gefasst wird."

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Die Frau spricht damit vielen Menschen aus dem Herzen, die sich von einem "Tatort" etwas ganz Klares erwarten und bisweilen persönlich beleidigt sind, wenn es dann doch anders kommt. Eher mäßige Einschaltquoten und mehrere Shitstorms - nicht nur bei den Murot-Fällen - haben nach ein paar ziemlich experimentellen Saisons Mitte des vergangenen Jahrzehnts dann auch zu einem Umdenken bei den Öffentlich-Rechtlichen geführt. "Tatort" soll "Tatort" bleiben, Kunst scheint mittlerweile nur noch erlaubt, wenn sie so subtil eingebaut ist, dass man sie nicht sehen muss, wenn man einfach nur einen entspannten Sonntagabend haben möchte.

Dass das tatsächlich ziemlich gut funktionieren kann, wenn sich die Macher die entsprechende Mühe geben, zeigt der neueste Fall vom Wochenende: "Die Ferien des Monsieur Murot" ist von Titel und Stil her eine Hommage an Jacques Tatis Klassiker "Die Ferien des Monsieur Hulot" und orientiert sich inhaltlich an Kästners doppeltem Lottchen. Wer aber keine Lust hat, auf Popzitate und andere cineastische Feinheiten zu achten, kann sich auch ganz einfach über einen handwerklich erstklassig gemachten und immer spannenden Krimi freuen. Ob das aber auch tatsächlich alle so sehen wie der Kritiker, werden mit Sicherheit die Leserbriefe der kommenden Tage zeigen.

Quelle: ntv.de