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Weiter sehr wenige freie Betten März-Öffnungen für Intensivstationen zu früh

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Es liegen zwar deutlich weniger Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen, aber die Zahl der freien Betten hat sich nicht erhöht.

(Foto: picture alliance/dpa/Universitätsklinikum Tübingen)

Die Zahl der Covid-19-Patienten auf Intensivstationen ist zwar stark gesunken, aber es gibt so wenige freie Betten wie zum Höhepunkt der zweiten Welle. Und weil die ansteckendere Mutante B.1.1.7 vermutlich auch zu mehr schweren Erkrankungen führt, warnen Experten vor zu frühen Lockerungen.

Auf den ersten Blick sieht die Entwicklung bei den Corona-Intensivfällen sehr positiv aus. Seit einem Höchststand von nahezu 5800 Anfang Januar ist die Belegung von Intensivbetten durch Covid-19-Patienten auf rund 2800 Fälle stetig gesunken.

Auch die beatmeten Corona-Kranken haben sich in der Zeit auf 1570 mehr als halbiert. Doch der Rückgang hat sich abgeschwächt und ist seit ungefähr dem 25. Februar in eine Seitwärtsbewegung übergegangen.

Intensivbetten so knapp wie Anfang Januar

Intensivmediziner Christian Karagiannidis, der das DIVI-Intensivregister leitet, weist darauf hin, dass auch rund 2800 Covid-19-Intensivpatienten sehr viel sind. Dabei handele es sich immer noch um einen historischen Höchststand, vergleichbar mit der Grippewelle 2018. Und was aktuell oft übersehen wird: Die Anzahl der freien Intensivbetten hat sich seit Anfang Januar fast nicht verändert, sondern bewegt sich seitdem stabil bei rund 2700. Aktuell sind 2633 betreibbare Betten für erwachsene Patienten (High-Care) frei.

"Das liegt einfach daran, dass der Druck auf die Intensivbetten enorm hoch ist", sagt Karagiannidis. "Sobald ein Bett frei wird, wird es wieder verwendet, beispielsweise für einen postoperativen Patienten, weil wir auch ein paar Operationen aufgeschoben haben." Das bedeutet, dass die Reserven nicht größer als zum Höhepunkt der zweiten Welle sind. "Der Druck im Kessel ist immer noch hoch, obwohl wir 3000 Patienten abgebaut haben", sagt Karagiannidis dazu.

Mutante B.1.1.7 bereitet Sorgen

Daraus folgt: Die deutschen Intensivstationen könnten durch eine dritte Welle sehr rasch an ihre Grenzen kommen, obwohl die Zahlen der Covid-19-Patienten und -Todesfälle so deutlich zurückgegangen sind. Und die Bedrohung einer dritten Welle ist sehr real. Dass die Zahlen nicht weiter sinken, "ist kein gutes Zeichen", sagt Karagiannidis. Er befürchtet, dass ein Grund dafür die Verbreitung der Virus-Mutante B.1.1.7 in Deutschland ist.

Die Variante ist vermutlich nicht nur wesentlich ansteckender als der Virus-Wildtyp, sondern verursacht offenbar auch deutlich mehr schwere Verläufe. Einer dänischen Studie des staatlichen Gesundheitsdienstes Statens Serum Institut (SSI) zufolge haben mit B.1.1.7 infizierte Patienten sogar ein um 64 Prozent höheres Risiko. "Deshalb müssen wir noch engmaschiger im Auge behalten, was in den nächsten Wochen passiert", mahnt der Intensivmediziner.

Medizinische Möglichkeiten weitgehend ausgeschöpft

Viel mehr Möglichkeiten, Covid-19-Intensivpatienten zu heilen oder am Leben zu halten, haben Ärzte nicht mehr. Eine Forschungsarbeit unter Leitung von Karagiannidis hat ergeben, dass es den Medizinern gelungen ist, die Krankenhausaufenthalte von Covid-19-Infizierten in der zweiten Welle auf 9 Prozent zu drücken, im vergangenen Frühjahr lag der Anteil noch bei 21 Prozent. Von den hospitalisierten Patienten wurden in der ersten Welle 30 Prozent intensiv behandelt, in der zweiten nur noch 19 Prozent. Damit ging der Anteil der Intensivpatienten unter allen positiv Getesteten von 6 auf 1,6 Prozent zurück.

Dies liegt zum einen daran, dass die Ärzte dazugelernt haben und unter anderem seltener eine Beatmung verschreiben. Außerdem habe der Einsatz von Kortison große Erfolge bei der Behandlung der durch Sars-CoV-2 ausgelösten Entzündungen erzielt, sagt der Facharzt für Pneumologie. Die Sterblichkeit bei Beatmungsfällen bleibe aber hoch. Er schätze, dass man sie vielleicht noch um 5 Prozent in den kommenden Wochen und Monaten senken könne.

Impfung der über 80-Jährigen hilft wenig

Reinhard Busse von der Technischen Universität (TU) Berlin hat ermittelt, dass von insgesamt 40.247 Covid-19-Opfern im vergangenen Jahr 30.307 im Krankenhaus gestorben sind. Davon wurden aber nur etwa 12.500 intensiv behandelt. Karagiannidis sieht darin eine positive Entwicklung und nicht etwa eine Art Triage. Der Patientenwille werde respektiert, je nach Alter und Vorerkrankungen sei es nicht mehr sinnvoll, "noch mehr Medizin zu machen".

Die fortgeschrittenen Impfungen bei den Älteren entlasten die Intensivstationen nur wenig. Denn bereits in der ersten Welle sei nur ein Viertel der Patienten dort über 80 Jahre alt gewesen, sagt Karagiannidis. "Der Zeitpunkt, wo wir davon wegkommen werden, auf die Intensivzahlen zu gucken, liegt noch deutlich zu weit in der Zukunft."

Wettlauf zwischen Virus und Impfungen

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Auch wenn R bei 1 bleiben sollte, sind zu viele Öffnungen im März kritisch.

(Foto: Andreas Schuppert/RWTH)

Um die Intensivstationen nicht zu überlasten, ist für Andreas Schuppert von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen (RWTH) entscheidend, nicht zu früh zu lockern. Im Prinzip ist es ein Wettlauf zwischen Virus und Impfkampagne. Dafür hat er für verschiedene Szenarien Simulationen für die Entwicklung der Intensivbettenbelegung in Abhängigkeit der Virus-Reproduktionszahl (R) und der Impfstrategie entwickelt. Schuppert hat einmal die Entwicklung simuliert, bei der nach Öffnungen R=1 bleibt. Im anderen Szenario steigt er durch die Lockerungen auf 1,2.

Öffnete man bereits im Laufe des März zu viel, nähme die Belastung der Intensivstationen schon Ende des Monats zu und wüchse dann selbst in einem optimistischen Impfszenario bis Juni auf rund 5000 Corona-Patienten an, bevor die Zahlen wieder zurückgingen.

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Steigt der R-Wert auf 1,2, Öffnungen vor Mitte April dem Modell zufolge zu einer stark steigenden Belastung der Intensivstationen.

(Foto: Andreas Schuppert/RWTH)

Welche Folgen die bisherigen Lockerungen haben, kann Schuppert nicht bestimmen. Ebenso sei es nicht möglich vorauszusagen, wie sich einzelne Maßnahmen auswirken, sagt er. Die unterschiedlichen Entwicklungen der Fallzahlen bei den Altersgruppen sei im Modell berücksichtigt, allerdings habe er keine genauen Daten für die Mutante B.1.1.7, was ihm Sorgen bereite.

Größere Lockerungen frühestens ab 1. April ratsam

Könnte die Reproduktionszahl durch behutsamere Öffnungen bei 1 gehalten werden, ginge bei umfassenderen Lockerungen ab dem 1. April die Belegung der Intensivstationen durch Covid-19-Patienten sowohl bei einem schnelleren als auch langsameren Impftempo weiter stetig zurück. Wartet man bis zum 15. April, entspannt sich die Lage noch zügiger.

Klettert R aufgrund der Öffnungen auf 1,2, stiege dem Modell nach bei Öffnungen ab dem 1. April selbst bei bis zu 8 Millionen Impfdosen pro Woche die Belegung der Intensivstationen mit Covid-19-Patienten bis Ende Juni auf etwa 6500 an und ginge dann kontinuierlich zurück.

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Käme die Impfgeschwindigkeit nicht über 3,85 Millionen Dosen pro Woche hinaus, müssten bei einer weiter stark steigenden Tendenz Mitte Juni bereits 8000 Corona-Patienten intensiv versorgt werden.

Bei umfassenden Lockerungen erst ab dem 15. April, würde das Gesundheitssystem auch bei R=1,2 sowohl bei einem schnellen als auch langsamen Impftempo nicht überlastet. Auch in der pessimistischen Simulation müssten durchweg weniger als 2500 Covid-19-Fälle auf Intensivstationen untergebracht werden.

Quelle: ntv.de

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