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So viele Corona-Regeln fallen Muss die Maske noch sein?

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Die Maskenpflicht - 81 Prozent der Deutschen befolgen sie laut einer Umfrage immer, 13 Prozent teilweise.

(Foto: picture alliance/dpa)

Sie kam als eine der allerletzten Corona-Regeln - die Pflicht zum Tragen einer sogenannten "Mund-Nase-Abdeckung". Doch nun gehen wir wieder essen, arbeiten, shoppen, trainieren, auf Besuch und ins Kino. Wann geht die Maske? Fragen und Antworten zu einem Stück Stoff, das wie nichts sonst als Symbol für das Jahr 2020 stehen wird.

Ist die Maske so dringend nötig?

Die vielleicht eindrücklichste Antwort auf diese Frage hat in Deutschland der 9. März gegeben. Ein Montag, in Berlin probt die Domkantorei. Corona ist schon das beherrschende Thema an diesem Tag, überall, die Bilder aus Italien erschütternd, aber noch gibt es keine Kontaktbeschränkungen. Die Chorprobe mit etwa 80 Sängerinnen und Sängern in einem Saal mit 120 Quadratmetern läuft normal ab, denn das Entscheidende ahnt niemand: Eine Sängerin steht unter den 80 und stößt mit jedem Ton einen Schwall Coronaviren in die Umgebungsluft. Sie merkt davon nichts, ist völlig symptomfrei, war aber vor Kurzem in Südtirol.

Einige Tage nach der Chorprobe werden Forscher des Robert-Koch-Instituts kommen und mit leeren Stühlen nachstellen und nachmessen, wie die Singenden im Raum verteilt waren. Man will erforschen, wie es passieren konnte, dass diese eine Person mutmaßlich 60 ihrer 80 Mitsänger mit dem Coronavirus angesteckt hat. So viele zumindest berichten dem Chorleiter Tage nach der Probe von Beschwerden. Nicht alle lassen sich testen, aber bei 30 Choristen wird Sars-CoV-2 nachgewiesen. Der Chorleiter ist auch darunter - er stand die ganze Zeit mit mehreren Metern Abstand vor seinem Chor. Einer der Infizierten, Mitte 40, landet mit doppelseitiger Lungenentzündung an der Beatmungsmaschine.

Dieses frühe Super-Spreading-Ereignis in Deutschland weist schon im März auf das hin, was erst im Mai in der breiten Öffentlichkeit bekannt wird: dass es mit zwei Metern Abstand höchstwahrscheinlich leider nicht getan ist. Dass das Virus neben der Tröpfcheninfektion auch noch einen anderen Weg durch die Luft findet, von einem Wirt zum nächsten - durch kleinste Schwebeteilchen, sogenannte "Aerosole".

Aerosole fallen nicht kurz nachdem sie ausgestoßen wurden zu Boden. Sie halten sich lange in der Luft und verbreiten sich, etwa wie Zigarettenqualm, den man in einem geschlossenen Raum auch viele Meter vom Raucher entfernt noch deutlich wahrnimmt. Mit Abstandsregeln allein ist einer Infektion über Aerosole daher nicht beizukommen, aber - womöglich - mit einer Maske.

Viele Masken sind schön bunt. Funktionieren sie auch?

Im Mai erschien als Vorabdruck, also noch nicht von unabhängigen Wissenschaftlern ausgewertet, eine Sammlung von Studien zur Frage, wie effektiv Masken vor einer Infektion schützen können. Die Autoren kommen dabei zu dem Schluss, dass Masken den Ausstoß von Viren merklich reduzieren können. In den Tests wurden Bedeckungen unterschiedlicher Qualität im Hinblick auf unterschiedliche Viren untersucht.

Eine bereits ältere Testreihe aus Zeiten vor der Pandemie ergab beispielsweise weniger Schutzeffekt bei Masern- und Influenza-Viren, jedoch einen sehr hohen Effekt bei Coronaviren, die Sars-CoV-2 ähnlich sind. Selbstgenähte Masken funktionieren weniger gut als professionelle OP-Masken, doch haben sie laut den Wissenschaftlern dennoch einen nachweisbaren Nutzen. Die Autoren betonen, dass beim Atmen, Sprechen oder Husten nur ein sehr kleiner Teil des Ausstoßes bereits in Aerosolform ist. Beinahe alles wird als Tröpfchen ausgestoßen, die sich dann auch in drei- bis fünffach kleinere Aerosole auflösen können. Der Effekt beim Tragen einer Maske sei es, "diesen Prozess zu verhindern".

Aber ist eine Maske - falsch benutzt - nicht sogar riskant?

Die Warnung vor falsch gehandhabten Schutzmasken hört man in Deutschland von mehreren Forschern, prominent wurde sie am Mittwoch vom Bonner Virologen Hendrik Streeck in einem Interview geäußert. "Die Leute knüllen die Masken in die Hosentasche, fassen sie ständig an und schnallen sie sich zwei Wochen lang immer wieder vor den Mund, wahrscheinlich ungewaschen", so Streeck. "Das ist ein wunderbarer Nährboden für Bakterien und Pilze." Allerdings scheint es in der derzeitigen Pandemiesituation kein zentrales Problem zu sein, dass weltweit zu viele Bakterien und Pilze grassieren, sondern ein stark infektiöses Virus.

Für die Effektivität von Masken spricht eine vor wenigen Tagen veröffentlichte Studie zum Infektionsverlauf in Jena. Die Thüringer Stadt hatte schon am 6. April, weit früher als die meisten Bundesländer, mit einer breit angelegten Infokampagne eine Maskenpflicht eingeführt. Ein Forscherteam der Johannes-Gutenberg-Universität hat die Entwicklung der Fallzahlen Jenas mit Landkreisen und Städten verglichen, die bis Anfang April einen ähnlichen Verlauf der Epidemie hatten wie die Uni-Stadt. Im Ergebnis waren die Fallzahlen Jenas deutlich niedriger als der Durchschnitt der Vergleichsgebiete.

Die konkrete Kritik, dass die korrekte Handhabung der Maske aufwendig ist, ist berechtigt. Wer als Infizierter seine Maske nie reinigt und ständig ab- und wieder aufsetzt, riskiert bei ungeschickter Handhabung, das Virus an die Hände zu bekommen und dann per Schmierinfektion weiterzugeben. Doch die bisher zum Infektionsverlauf bei Sars-CoV-2 vorliegenden Studien ergeben, dass Schmierinfektionen eine deutlich geringere Rolle spielen als anfänglich angenommen. Die Weitergabe über Aerosole scheint den Studien zufolge sehr viel häufiger vorzukommen. Das legt den Schluss nahe, dass ein Infizierter ohne Maske über seine Atemluft höchstwahrscheinlich mehr Menschen anstecken würde als ein Infizierter, der seine Maske falsch anfasst, über Schmierinfektion.

Anders als bei Fragen zum speziellen Umgang mit Sars-CoV-2 gibt es zur Nutzung von Masken schon viele Erfahrungen aus anderen Ländern und anderen Epidemien - beispielsweise mit Tuberkulose. Diese Krankheit, die jährlich 1,5 Millionen Menschenleben fordert, wütet vornehmlich in armen Ländern, die eine moderne Eindämmungsstrategie oder gar einen Lockdown niemals finanzieren könnten. Möglich ist jedoch, die Bevölkerung dazu anzuhalten, im Falle eins Ausbruchs Masken zu tragen. Der Weltweite Tuberkulose Report 2018 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) belegt, dass durch Masken die Ausbreitung von Tuberkulose effektiv eingedämmt werden kann.

Auch die Infektionsverläufe in asiatischen Ländern, bei denen das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes wegen der Häufigkeit von Viruserkrankungen sehr viel gängiger ist, sprechen dafür, dass Maskentragen unterm Strich die Verbreitung eines Virus eindämmen kann. Erst vor wenigen Tagen ist auch die WHO umgeschwenkt und empfiehlt nun, in überfüllten öffentlichen Einrichtungen Masken zu tragen. Sie hatte zuvor hauptsächlich mit der Gefahr argumentiert, eine falsch benutzte Maske könne Menschen in falscher Sicherheit wiegen.

Reicht es nicht, wenn Erkrankte eine Maske tragen?

Es würde theoretisch reichen, wenn Erkrankte eine Maske tragen. Das besondere Problem bei Covid-19 ist jedoch, dass viele Erkrankte erst nach fünf oder mehr Tagen bemerken, dass sie erkrankt sind. Zuvor würden sie sich gesund fühlen, entsprechend keine Maske tragen, wären aber bereits stark ansteckend. In dem Wissenschaftsjournal "Science" hat die Universität Oxford dargestellt, wie das Coronavirus seinen Weg von einem Menschen zum nächsten findet. Fünf Tage nach der Infektion ist die Gefahr, jemand anderen anzustecken, demnach am größten.

Die Wissenschaftler sehen die höchste Ansteckungsrate dann bei Präsymptomatischen, also Menschen, die infiziert sind, aber noch nichts merken, sich also auch nicht in Acht nehmen. Etwas weniger ansteckend sind Infizierte mit Symptomen, denn sie halten sich bereits zurück. Deutlich weniger Virus wird laut der Forscher über die Umwelt - beispielsweise Schmierinfektion - übertragen und der geringste Teil von denjenigen, die trotz Infektion gar keine Symptome entwickeln werden.  

Wenn demnach die größte Gefahr der Ansteckung von Menschen ausgeht, die noch nicht wissen, dass sie ansteckend sind, dann spricht das sehr dafür, dass alle - Erkrankte wie (vermeintlich) Gesunde - vorbeugend eine Maske tragen. Nur so lässt sich dieses Risiko spürbar eindämmen.

*Datenschutz

Eine weiterer Vorteil, den die Experten bei der allgemeinen Maskenpflicht ausmachen: Sie verhindert ein Stigma. Würden nur Erkrankte ihr Gesicht bedecken, wären sie als solche erkennbar und müssten vermutlich ähnliche Ausgrenzung bis hin zu Angriffen befürchten, wie zu Beginn der Pandemie viele Asiaten in Deutschland beklagten. In der Folge würden womöglich manche Erkrankte die Maske nicht tragen, um Anfeindungen zu entgehen. Sie würden damit zu einem hohen Infektionsrisiko für andere.

Wenn alle eine Maske tragen, verliert sie eine stigmatisierende Bedeutung oder kehrt sie sogar ins Gegenteil. Denn der Träger benutzt die Maske nicht zu seinem eigenen Nutzen, sondern für andere - ein entscheidender Punkt. Das Tragen einer Maske, auch wenn sie vorgeschrieben ist, bedeutet also gleichzeitig ein Zeichen von Solidarität, Sorge für den Nächsten und Zusammenhalt im Kampf gegen die Pandemie.

Muss man diese Einschränkung der Grundrechte hinnehmen?

Noch ja. Vor deutschen Gerichten hat es bereits mehrere Klagen gegen das verordnete Maskentragen gegeben. Alle wurden jedoch bislang abgelehnt. Das Oberverwaltungsgericht (OVG) in Greifswald lehnte einen Eilantrag ab, bei dem der Antragsteller die Maskenpflicht als erheblichen Eingriff in die Menschenwürde und Entfaltungsfreiheit ansah. Das OVG argumentierte mit dem Infektionsschutzgesetz und dem Effekt, dass die Maske das Ansteckungsrisiko verringere. Die Maskenpflicht verstoße nicht gegen die Menschenwürde.

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Solche Entscheidungen sind aber Abwägungssache. Wenn ein Bundesland dauerhaft bei der Zahl der Neuinfektionen auf null bleibt, wird es zunehmend schwierig, diese Einschränkung des Grundrechts auf freie Entfaltung der Persönlichkeit noch aufrechtzuerhalten. Womöglich muss dann aus der Pflicht eine Empfehlung werden.

Laut einer Umfrage von Ende Mai ist mehr als die Hälfte der Deutschen dafür, die Maskenpflicht beizubehalten oder noch auszuweiten. 49 Prozent sind mit der derzeitigen Regelung einverstanden, 13 Prozent fänden es gut, wenn in weiteren Bereichen Mund-Nasen-Schutz getragen werden müsste. Gemäß der Befragung tragen 81 Prozent der Deutschen ihre Masken immer, wenn es vorgeschrieben ist, 13 Prozent tun das teilweise. Nur 2 Prozent verweigern sich der Maskenpflicht. Zahlen, die ebenfalls dafür sprechen, dass die Maskenpflicht in Deutschland dazu beiträgt, das Virus einzudämmen. Weil fast alle mitmachen.

Quelle: ntv.de