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"Didymoon" soll weichen Nasa will Asteroid wegschießen

"Dart" heißt die Sonde, und der Name ist Programm. Im Jahr 2022 soll sie auf einen Asteroiden geschossen werden. Die hochenergetische Kollision hat ein konkretes Ziel: Sie soll dabei helfen, eine Katastrophe globalen Ausmaßes zu verhindern.

Der Asteroid "Didymoon" hat vermutlich eine atemberaubende Karriere vor sich. Zumindest haben die europäische Weltraumorganisation Esa und das US-amerikanische Gegenstück Nasa große Pläne mit ihm: Sie wollen "Didymoon" aus seiner Bahn bringen. Der Test gehört zu einer Reihe von Projekten, die ein gemeinsames Ziel verfolgen: die Abwehr von Asteroiden, die mit der Erde auf Kollisionskurs sind.

Asteroiden, Kometen und Meteoroiden

Millionen von Asteroiden und Kometen rasen durch das Sonnensystem. Unterschieden werden sie vor allem anhand ihrer Zusammensetzung; ganz klar definiert ist der Unterschied allerdings nicht. ASTEROIDEN sind die kleineren Geschwister der Planeten, sie bestehen aus Gestein und Metallen. Weil sie klein und leicht sind, bleibt ihre Bahn um die Sonne nicht unbedingt konstant, sondern kann sich durch die Gravitationskräfte anderer Körper verändern. KOMETEN sind Überbleibsel der Entstehung des Sonnensystems und bestehen aus Gestein sowie flüchtigen Stoffen wie Wasser und Gasen. Die "schmutzigen Schneebälle" entwickeln darum in Sonnennähe typischweise einen oft Millionen Kilometer langen Schweif. Für sehr kleine Objekte mit weniger als einigen Dutzend Metern Durchmesser wurde die Bezeichnung METEOROIDEN eingeführt. Verglühen sie beim Eintritt in die Erdatmosphäre nicht komplett, sondern erreichen noch den Boden, werden sie METEORITEN genannt. Jeden Tag gelangen etliche Tonnen kosmischen Materials auf die Erde, allerdings zum größten Teil als Staub.

Wie groß die Bedrohung ist, beschreibt die Esa in Zahlen: Mehr als 600.000 Asteroiden sind in unserem Sonnensystem bekannt, gut 12.000 davon gelten als erdnahe Objekte, auch Neos ("Near Earth Objects") genannt. Ihre Umlaufbahnen kommen der Erde relativ nah. Auf der Risiko-Liste der Nasa stehen 494 solcher Neos. Der Pariser Esa-Experte Ian Carnelli schätzt rund 30 bis 40 Asteroiden als "gefährlich" für die Erde ein.

Mit diesem Thema befasst sich ab Montag auch eine fünftägige Konferenz der internationalen Akademie für Astronautik am Esa-Standort Esrin in Frascati bei Rom. Esa und Nasa wollen mit einer Sondenattacke auf "Didymoon" wichtige Daten darüber sammeln, wie Asteroiden auf Einschläge reagieren. Die Esa schickt dazu mit der 200 Millionen Euro teuren Asteroid Impact Mission (AIM) im Oktober 2020 per Sojus-Rakete aus Kourou eine Sonde auf den Weg zu den Didymos-Zwillings-Asteroiden. Der größere Zwilling durchmisst 800 Meter, umkreist wird er von einem Asteroiden mit 170 Metern Durchmesser - dem "Didymoon".

Umlaufbahn und Rotation sollen sich verändern

"Der Flug dauert rund eineinhalb Jahre, die Sonde muss im Oktober 2022 vor Ort sein", sagt AIM-Projektmanager Carnelli. Dann sind die Asteroiden mit elf Millionen Kilometern laut Esa "vergleichsweise nahe" an der Erde. Die Sonde beobachtet, sendet Satelliten aus, sammelt Daten und schickt ein Landemodul auf "Didymoon" - erstmals wieder, seitdem die Landeeinheit "Philae" von der Raumsonde Rosetta 2014 auf einem Kometen gelandet ist.

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Dieses Wärmebild zeigt einen Krater, wie er durch den Einschlag der DART-Sonde auf dem Asteroiden Dydimoon entstehen könnte.

(Foto: ESA Science Office)

Ebenfalls Ende 2022 soll eine Sonde der Nasa bei den Himmelskörpern ankommen und mit sechs Kilometern pro Sekunde direkt auf "Didymoon" aufprallen. "Der Einschlag wird den Asteroiden um etwa einen halben Millimeter pro Sekunde verlangsamen", sagt Carnelli. So könnten sich Umlaufbahn und Rotation von "Didymoon" verändern. Die Esa-Sonde beobachtet die Asteroiden weiterhin vom All aus. Die Vorher-Nachher-Vergleiche sollen wichtige Erkenntnisse über die Reaktionen eines Asteroiden auf einen solchen Einschlag bringen. Auf die theoretischen Berechnungen soll somit praktisches Wissen folgen, das nach Einschätzung Carnellis künftig zur Abwehr von Asteroiden genutzt werden kann.

"Asteroiden sind gerade ein ganz heißes Thema", sagt Nasa-Wissenschaftler Jim Green. Vor allem das Frühwarnsystem will die Nasa verbessern. Dafür stellte die Behörde im Sommer 2013 das Programm "Great Challenge" (Große Herausforderung) vor, mit dem künftig alle potenziell für die Menschheit gefährlichen Asteroiden rechtzeitig entdeckt werden sollen. Während in den 90er Jahren nur rund vier Millionen Dollar (das entspricht 3,7 Millionen Euro) pro Jahr für die Asteroiden-Überwachung ausgegeben wurden, hat die Nasa diesen Posten inzwischen auf mehr als 40 Millionen Dollar erhöht. Künftig plant sie dafür noch mehr Geld ein. Im Rahmen von "Great Challenge" reaktivierte die Nasa das eigentlich schon eingemottete Weltraumteleskop "Wise". Unter dem Namen "Neowise" sucht es seit mehr als einem Jahr nach Himmelskörpern, die der Erde gefährlich werden könnten.

Nächster Plan: einfangen und wegziehen

Stolz verkündete die Behörde vor kurzem, 2014 fast doppelt so viele Neos entdeckt zu haben wie noch 2012 vor Beginn des Programms "Great Challenge"; 1472 waren es. Darunter seien keine, die einen Durchmesser von mehr als einem Kilometer hätten und der Erde in den kommenden 100 Jahren gefährlich werden könnten.

Neben dem Frühwarnsystem hat die Nasa noch spektakulärere Pläne: Im Rahmen der rund eine Milliarde Dollar teuren "Osiris Rex"-Mission soll im Herbst 2016 ein Raumschiff starten und 2018 auf den Asteroiden "Bennu" treffen. 2023 soll das Raumschiff zur Erde zurückkehren - mit mindestens 60 Gramm Asteroiden-Proben an Bord. "Bennu" könnte im Jahr 2182 der Erde gefährlich werden, auch wenn die Chance eines Zusammenstoßes nur bei 1 zu 1800 liegt. Damit ist er nach Nasa-Angaben aber trotzdem der derzeit für die Erde gefährlichste bekannte Asteroid.

"Bennu" ist auch einer der Kandidaten für den Plan, der sich hinter der Abkürzung "ARM" für Asteroid Redirect Mission versteckt. Mit diesem Projekt will die Nasa einen Asteroiden einfangen und in eine Umlaufbahn des Mondes ziehen. Dann sollen Astronauten darauf landen - allerdings wohl erst Mitte der 2020er Jahre. "Diese Mission bedeutet eine noch nie dagewesene technische Leistung, die zu neuen wissenschaftlichen Entdeckungen und technischen Möglichkeiten führen und dabei helfen wird, unseren Heimatplaneten zu beschützen." Da ist sich Nasa-Chef Charles Bolden sicher.

Quelle: n-tv.de, Christina Horsten und Gerd Roth, dpa

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