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"Wir sind heute zweimal gelandet" "Philae" prallt ab - Status unklar

Alles in Ordnung auf Komet "Tschuri"? Nicht ganz, denn nach dem Aufsetzen von "Philae" müssen die Wissenschaftler bei der Esa bange Stunden überstehen. Die Landeharpunen des Mini-Labors streiken, das Gerät prallt von der Oberfläche des Himmelskörpers ab und dreht sich. Nun rätseln die Forscher über den Status von "Philae".

"Wir sind am richtigen Ort gelandet. Es ist auch der richtige Komet." Die Anwesenden bei der Europäischen Weltraumorganisation lachen über den Witz - genauso wie Esa-Generaldirektor Jean-Jacques Dordain, der so die Pressekonferenz in Paris eröffnet. Und dort resümierte: "Es ist ein großer Erfolg und ein großer Tag."

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Etwa eine halbe Stunde nach seiner ersten Landung auf dem Kometen "Tschuri" erreichten "Philaes" Signale die Erde.

(Foto: DLR (CC-BY 3.0))

Der spannendste Teil der mittlerweile 20 Jahre währenden "Rosetta"-Mission inklusive Planung hatte am Mittwochmorgen um 9.35 Uhr begonnen: Landegerät "Philae" löste sich von Raumsonde "Rosetta". In etwa sieben Stunden sank der Lander gut 22 Kilometer auf den Kometen "Tschuri" hinab. Dann setzte er auf - und kommunizierte: "Philae spricht zu uns", sagte Projektleiter Stephan Ulamec vom Lander Control Center des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Köln.

"Wir sammeln bereits Daten der Messinstrumente, die funktionieren", berichtete Dordain. Nun brauchten die Wissenschaftler Zeit, diese Daten zu analysieren. Die präsentierten sich am Abend vor der Presse zwar ebenfalls gut gelaunt, aber nicht so euphorisch wie ihr Chef. "Die Anker sind nicht abgeschossen worden, und wir wissen im Moment nicht genau, was passiert", gab Ulamec zu. Mit Harpunen sollte sich "Philae" eigentlich an der Oberfläche festkrallen.

Doch der Boden stellte sich den ersten Daten zufolge eher als weich heraus. An vielen Stellen ist der Komet mit Gesteinsbrocken übersät, es gibt aber auch hoch aufragende Felswände und steile Abgründe. Entsprechend wichtig ist nun der Landeplatz: Steht "Philae" auf einem sonnigen Hang oder hinter einem schattenspendenden Brocken? "Das ist wichtig für die spätere wissenschaftliche Phase, in der die Batterien des Landers über die Sonnenenergie aufgeladen werden", erklärte Ulamec.

Statt im ersten Versuch eine feste Position einzunehmen, legen die empfangenen Daten den Wissenschaftlern zufolge nahe, dass "Philae" von der Oberfläche abprallte, sich drehte und dann anders als geplant wieder aufsetzte. Die Steuerung war bereits abgeschaltet. "Wir sind also heute vielleicht sogar zweimal gelandet", sagte Ulamec grinsend. Man müsse nun herausfinden, was genau geschehen sei.

"Daran wird man sich erinnern"

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So sieht Freude aus: Esa-Generaldirektor Jean-Jaques Dordain

(Foto: REUTERS)

Dass die Beteiligten der Mission sich so freuen, hat einen herausragenden Grund: Es ist das erste Mal in der Geschichte der Raumfahrt, dass ein Landegerät einen Kometen erreicht. Inzwischen hat "Philae" auch ein erstes Foto gesendet. Auf dem Bild ist auch der Fuß des Landegeräts zu sehen - ein Pixel darauf sind drei Meter. Weitere Fotos sollen bald veröffentlicht werden.

Manche Experten vergleichen die Mission mit der Mondlandung von 1969. Zehn Jahre, acht Monate und zehn Tage nach dem Raketenstart war das Landegerät mehr als eine halbe Milliarde Kilometer von der Erde entfernt auf "67P/Tschurjumow-Gerassimenko" aufgesetzt. "Der Tag heute ist historisch", sagte Dordain. "Wir sind die ersten, denen das gelungen ist. Daran wird man sich erinnern." Das Ziel solcher Missionen sei, die Erde besser zu verstehen. "Wir hoffen auf Antworten zum Ursprung des Lebens auf der Erde", meinte der Darmstädter Esa-Direktor für bemannte Raumfahrt und Missionsbetrieb, Thomas Reiter.

Kometen sind die wahrscheinlich ältesten, weitgehend unveränderten Reste der riesigen Staubscheibe, aus der vor 4,6 Milliarden Jahren unser Sonnensystem entstand. Möglicherweise findet "Philae" organische Moleküle wie Aminosäuren auf "Tschuri".

300 Millionen Euro aus Deutschland

Glückwünsche gab es auch von Bundesforschungsministerin Johanna Wanka und von Brigitte Zypries, der Koordinatorin der Bundesregierung für Luft- und Raumfahrt. Deutschland hat sich mit etwa 300 Millionen Euro an der Mission beteiligt - knapp ein Drittel der Gesamtkosten von einer Milliarde Euro, wie aus einer Mitteilung von Zypries hervorgeht. Das Labor war huckepack mit der Sonde "Rosetta" durch das All gereist und dann ausgesetzt worden.

Der Komet ähnelt in seiner Form einer Quietscheente. Untersuchungen während der Mission ergaben, dass "Tschuri" stinkt - zum Beispiel wegen Schwefelwasserstoffs nach faulen Eiern. Mit einem Volumen von etwa 25 Kubikkilometern zählt er zu den eher kleineren Kometen. "Rosetta" und "Philae" haben zusammen etwa 20 Instrumente an Bord, um "Tschuri" nun unter die Lupe zu nehmen.

Heikle Momente in der Nacht

In der Nacht zum Mittwoch hatte es beim Klarmachen zum Landemanöver heikle Momente gegeben. Es war nicht sicher, ob auf "Philae" eine Düse funktioniert, mit der der Lander aufgrund der sehr geringen Schwerkraft auf "Tschuri" gedrückt werden sollte.

"Rosetta" legte in den vergangenen zehn Jahren rund 6,5 Milliarden Kilometer im All zurück. Die Sonde war mit "Philae" an Bord am 2. März 2004 mit einer Ariane-5-Rakete von der Weltraumstation Kourou in Französisch-Guayana gestartet. Die Mission soll bis Ende 2015 dauern. "Philae" könnte seine Arbeit aber wesentlich früher einstellen. Der Hauptjob soll in wenigen Tagen erledigt sein. Da "Tschuri" Richtung Sonne unterwegs ist, dürfte "Philae" die ganze Sache ohnehin bald zu heiß werden - es droht der Hitzetod.

Quelle: ntv.de, rpe/dpa

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