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Fälle, Verdopplung, Reproduktion Warum die Corona-Kennzahl ständig wechselt

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Während der Coronavirus-Pandemie dominieren Zahlen die Nachrichtenlage.

(Foto: imago images/onw-images)

Es ist nicht einfach, mit der Entwicklung der Coronavirus-Pandemie in Deutschland Schritt zu halten. Fast jede Woche ist es eine andere Kennzahl, welche von Experten und Politikern in den Fokus gerückt wird. Aber dahinter steckt ein bestimmter Grund.

Fallzahlen, Verdopplungszeit, Reproduktionszahl: Fast wöchentlich ändert sich die Kennzahl, welche den Zustand der Coronavirus-Verbreitung in Deutschland beschreiben soll. Was verwirrend anmutet, hat jedoch seine Gründe. Jede Zahl ist in jeweils einer anderen Phase der Pandemie am aussagekräftigsten. Hier eine Übersicht:

Ende Februar/Anfang März: Fallzahl
Zu Beginn der Coronavirus-Infektionswelle Ende Februar sind in Deutschland nur einige Dutzend Menschen mit einer Covid-19-Erkrankung gemeldet. Doch bereits Anfang März warnt Lothar Wieler, Präsident des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI): "Die Fallzahlen werden weiter nach oben gehen." Täglich schaut die Nation ab diesem Zeitpunkt wie gebannt auf die Entwicklung jener Kenngröße. Und Wieler wird recht behalten. Wenige Tage nach seiner Warnung sind es nicht mehr hunderte, sondern bereits mehr als 1000 Covid-19-Fälle in Deutschland. Und es werden täglich mehr.

Die Infektionswelle ist von Beginn an in einer Phase des exponentiellen Wachstums und droht, auf absehbare Zeit das Gesundheitssystem zu überfordern. Ein Hashtag breitet sich im März fast so schnell aus wie der Erreger: #FlattentheCurve. Das Gesundheitsministerium twittert eine animierte Grafik: Die gefährliche, steile und hohe Kurve wird zu einer flachen, dafür aber längeren Kurve. Die erste überlastet das Gesundheitssystem, die zweite nicht. Nach einer Weile sprechen viele Bürger auch im privaten Umfeld davon, dass man die "Kurve flach halten" müsse.

März/April: Verdopplungzeit
Mitte März befindet sich das exponentielle Wachstum in seiner Hochphase: Jeden Tag wächst die Zahl der Infizierten rapide, die Zuwachsrate liegt zwischen 20 und 30 Prozent. Zehntausende sind bereits erkrankt. Um einen Überblick über die rasante Entwicklung behalten zu können, rückt eine neue Zahl in den Mittelpunkt, die sogar von Bundeskanzlerin Angela Merkel offiziell als Richtmaß für den Kampf gegen die Pandemie ausgegeben wird: die Verdopplungszeit. Sie beschreibt, nach wie vielen Tagen sich die Zahl der Infizierten auf das Zweifache erhöht.

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In dieser Phase wird in gewaltigen Schritten gedacht - Ende März kann die Verdopplungszeit von fünf Tagen aus den damals etwa 50.000 Infizierten innerhalb von Wochen eine Million machen. Und nach einigen weiteren Schritten wäre noch vor dem Sommer ein Großteil der Nation infiziert. Daher betont Merkel, die Verdopplungszeit müsse von fünf Tagen "in Richtung von zehn Tagen gehen, damit unser Gesundheitssystem nicht überfordert wird". Unterdessen leitet die Politik Maßnahmen ein: Es kommt erst zum Shutdown, dann zum Lockdown in Deutschland - strenge Maßnahmen wie ein Kontaktverbot sollen ein Ausufern der Pandemie verhindern.

Mitte April: Reproduktionszahl
Dann tritt die Corona-Welle in eine neue Phase ein. Denn die ab Mitte März erlassenen Maßnahmen zeigen Wirkung: Die Zahl der täglichen Neuinfektionen geht spürbar zurück. Bereits am 5. April liegt die Verdopplungszeit bei den von Kanzlerin Merkel beschworenen zehn Tagen - und steigt weiter an, was in diesem Fall gut ist. Denn je höher die Verdopplungszeit, desto langsamer breitet sich das Virus aus. Allerdings verliert die Kennzahl Verdopplungszeit damit auch an Aussagekraft, denn sie liefert keine gute Einschätzung mehr über die weitere Entwicklung.

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Auch Merkel verändert daher den Fokus und rückt die Reproduktionszahl in den Mittelpunkt. Diese Kennziffer beschreibt, wie viele weitere Menschen ein mit dem Coronavirus Infizierter im Schnitt ansteckt. Liegt die Reproduktionszahl bei über 1, erhöht sich die Zahl der täglichen Neuinfektionen. Liegt sie drunter, sinkt sie. Der Punkt ist erreicht, an dem die Kurve steigen, flach bleiben oder sogar sinken könnte. Doch es ist ein schmaler Grat und Merkel warnt, dass bereits ein leichter Anstieg der Reproduktionszahl gravierende Folgen hätte - schon bei 1,1 "sind wir im Oktober wieder an der Leistungsfähigkeit unseres Gesundheitssystems". Bei 1,2 würde die Belastungsgrenze sogar schon im Juli erreicht, so Merkel, bei 1,3 bereits im Juni.

Mitte April: Zahl der akut Infizierten
Die "erste Welle" des Coronavirus-Ausbruchs habe Deutschland gut bewältigt, verkündet Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am 17. April. Die Zahl der Neuinfektionen sinkt kontinuierlich, die Reproduktionszahl bleibt unter 1. Wenige Tage vor Spahns Erfolgsmeldung hat die Zahl der Genesenen erstmals die Zahl der Neuinfektionen überstiegen. Damit rückt eine neue Kennzahl in den Fokus: die Zahl der akut Infizierten. Von fast 70.000 Ende der ersten Aprilwoche sinkt sie auf nur noch rund 40.000 gegen Ende des Monats. Und die Hoffnung keimt auf: Könnte die Zahl der akut Infizierten vielleicht auf null sinken? Damit wäre die Coronavirus-Pandemie in Deutschland fürs Erste beendet.

Ende April: Neuinfektionen
Trotz aller Sorgen vor einer "zweiten Welle", vor der etwa Deutschlands mit Sicherheit meistzitierter Virologe Christian Drosten im NDR-Podcast warnt, verliert die aktuelle Infektionswelle in Deutschland Ende April immer weiter an Wucht. Die immer noch wichtige Reproduktionszahl bleibt weiter unter 1, aber auch eine andere Kennzahl, die bereits seit Anfang der Pandemie aufgelistet wird, rückt langsam wieder in den Vordergrund: die Zahl der Neuinfektionen. Auf "wenige Hundert pro Tag", müsse diese sinken, sagt RKI-Vizepräsident Lars Schaade, dann könne über eine weitgehende Lockerung der Maßnahmen nachgedacht werden. Anfang der letzten Aprilwoche unterschreitet die Zahl der Neuinfektionen erneut die Marke von 1000 pro Tag. Auch die Zahl der Toten unterschreitet die 100er-Marke. Tendenz fallend.

Beide Kennziffern dürften zunächst wieder das Maß aller Dinge sein, um den weiteren Verlauf der Pandemie zu bewerten. Fallen sie auf null? Oder steigen sie erneut rapide an? In letzterem Fall dürfte die obige Abfolge der Kennziffern möglicherweise wieder von vorne beginnen.

Quelle: ntv.de