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Kaum Autos, keine eigene Küche Wie sieht die Stadt der Zukunft aus?

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"Zusammenrücken kann neue Qualitäten schaffen", sagen Forscher mit Blick auf künftige Entwicklungen. Hier ganz die Gegenwart: Frankfurt am Main im April 2015.

(Foto: imago/Westend61)

Wohnraum wird immer knapper, Autos verstopfen die Straßen, Freiflächen weichen neuen Gebäuden: Das ist die deutsche Großstadt von heute. Wie sehen die Metropolen in 30 Jahren aus? Wie wohnen und arbeiten wir, wie bewegen wir uns fort? Mit Steffen Braun von der Morgenstadt-Initiative des Fraunhofer-Instituts in Stuttgart spricht n-tv.de über Robo-Taxis, die lieben Nachbarn und den Verzicht auf die eigene Küche.

n-tv.de: Herr Braun, warum wird die Stadt von morgen eine andere sein als die von heute?

Steffen Braun: (lacht) Die einfache Antwort lautet: Die Stadt von morgen war schon immer eine andere als die von heute. Ernsthaft: Denken Sie an die Industrialisierung, an die Elektrifizierung, an die Verbreitung des Automobils. Jetzt sind es Digitalisierung und Nachhaltigkeit, die die Städte massiv verändern werden. Noch ist die Digitalisierung nicht in ihrer Tragweite bilanziert, noch wissen wir nicht bis ins Detail, wie es sich auswirkt, wenn alles vernetzt ist und miteinander kommuniziert. Aber mit diesem technischen Fortschritt müssen sich Städte zwangsläufig verändern, und diese erwartete Entwicklung müssen wir positiv gestalten.

Wie sieht denn die Stadt von morgen aus? Was konkret ist anders als heute?

Das ist schwierig, da Aussagen zu treffen. Was wir uns eigentlich überlegen müssen, ist: Wie wollen wir in der Stadt von morgen leben und arbeiten? Aber ich behaupte mal – denn das sind die Forschungsthemen, die wir mit der Morgenstadt-Initiative von Fraunhofer mit vielen Partnern verfolgen –, dass sich die heutigen Infrastrukturen wie Mobilität, Energie, Wasser et cetera viel stärker dezentral entwickeln werden. Es wird immer mehr Städte geben, die sich weitgehend selbst versorgen. Eine Stadt besteht dann vielleicht am Ende gar nicht mehr aus ausgedehnten Infrastrukturen, sondern aus vielen kleinen, vitalen Zellen, die sich selbstständig organisieren. Die Nachbarschaften spielen dann eine ganz andere Rolle, und Ressourcen wie Mobilität oder Energie werden dann ganz anders genutzt, zum Beispiel gemeinschaftlich.

Was bedeutet das im Einzelnen? Wie zum Beispiel kommen die Menschen in der Stadt der Zukunft von A nach B? Wird es immer mehr Autos geben?

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Prototyp eines selbstfahrenden Autos, wie es der Google-Konzern entwickelt hat. Zunächst sollen rund 100 Testfahrzeuge gebaut werden.

(Foto: picture alliance / dpa / Google)

Es gibt weltweit verschiedenste Studien, die aufzeigen, dass der Mobilitätsbedarf einer Stadt mit einem Bruchteil der heute genutzten Fahrzeuge bewältigt werden kann – wenn diese autonom sind, elektrisch also, und gemeinschaftlich genutzt werden. Also Robo-Taxis, wenn Sie so wollen. Allein der Fakt, dass schon heute große milliardenschwere Unternehmen und Startups an solchen Themen arbeiten, zeigt, wie konkret solche Konzepte sind.

Weniger Autos – welche weiteren Veränderungen zieht das nach sich?

Wenn wir davon ausgehen, dass nur noch ein Fünftel der Fahrzeuge benötigt wird, weil die Fahrzeuge gemeinschaftlich benutzt werden, dann haben wir ein unglaubliches Potenzial an Fläche, auch an Stadtfläche, die wir bisher allein für das Abstellen von Fahrzeugen verbrauchen. Durch technische Entwicklungen können also ganz neue Handlungsräume frei werden, es ergeben sich Chancen mit Gestaltungspotenzial. Wir haben Studien durchgeführt für die Stadt München: Man kommt, wenn man diesem Beispiel folgt, für München zu einem Flächengewinn von zweieinhalb Quadratkilometern. Das ist Wohnraum für fast 40.000 Menschen, wenn die Fläche als Wohnraum genutzt werden kann. Gleichzeitig wäre es möglich, auch einen noch viel höheren Mobilitätsbedarf zu bewältigen.

Ein Zugewinn an Fläche - das bringt mich zum nächsten Punkt: Wie wohnen die Menschen künftig? Müssen wir immer enger zusammenrücken?

Wir gehen davon aus, dass Wohnraum künftig effizienter genutzt wird. Es gibt Trends wie Mikrowohnen oder Mikroappartements, wo Gemeinschaftsräume stärker hervorgehoben werden. Da braucht dann nicht jeder eine eigene Küche, sondern die wird gemeinschaftlich genutzt. Dafür mietet man vielleicht den Zugang zu verschiedenen Dienstleistungen mit, die einem das Leben erleichtern. Ich denke, wir müssen enger zusammenrücken, weil die Großstädte nicht weiter wachsen können. Aber das muss nichts Negatives sein. In einer sozial vielschichtigen Gesellschaft, die enger miteinander zusammenlebt, die sich gegenseitig unterstützt - wie etwa beim Mehrgenerationen-Wohnen - kann enges Zusammenrücken neue Qualitäten schaffen. Mit weitsichtigen Investoren und Quartiersentwicklern arbeiten wir bereits an solchen Themen.

Nach Mobilität und Wohnen: Wie werden wir arbeiten?

Trotz Digitalisierung ist es – anders als vor 20 Jahren vorhergesagt – noch immer nicht so, dass wir alle von zu Hause arbeiten. Die Unternehmensstrukturen könnten aber andere werden: Vielleicht bestehen Firmen nicht mehr aus festen Mitarbeitern, sondern aus einer Summe von vielen Selbständigen, sogenannten Cloud Workern, die sich projektbezogen zusammenschließen. Der einzelne Arbeiter wird räumlich und zeitlich also viel flexibler sein. Und es stellt sich die Frage: Können wir Fabriken, wo die Menschen täglich hin pendeln, wieder in die Städte zurückholen? In einer CO2-neutralen Stadt sind Fabriken frei von Abgasen. Auch Lärm sollten sie nicht mehr erzeugen. Die bisherige Trennung von Wohnen und Arbeiten ließe sich dann also intelligenter lösen. Aber es gibt auch noch Grundsätzliches, das geklärt werden muss: Wie gehen wir damit um, wenn Arbeit immer mehr automatisiert wird? Da müssen erst noch Strategien auf Stadtebene entwickelt werden. Das ist auch Teil der Forschung unseres Fraunhofer-Instituts.

Wie sieht die Energieversorgung in der Stadt von morgen aus?

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Da ist man in der Planung vielleicht schon am Weitesten, denn es gibt ja langfristige Klimaschutzziele, CO2-Einsparziele bis zum Jahr 2050. Die Frage ist dabei, wie die Städte und Stadtwerke damit umgehen. Wie kann die heutige Energie-Infrastruktur von wenigen großen, eher zentral organisierten Kraftwerken auf viele kleine, dezentrale aufgespalten werden? Wie kann das funktionieren mit intelligenten Geschäftsmodellen? Da gibt es für die Städte eine unglaubliche Vielfalt an Möglichkeiten, wenn es uns gelingt, neue Finanzierungs- und Betriebsformen zu etablieren. Ich denke, dass die Stadtquartiere, von denen ich schon sprach, hier entscheidend sein können. Stadtquartiere könnten eine eigene Energie-Infrastruktur nicht nur finanzieren, sondern betreiben. Genossenschaften sind dann ein großes Thema. Der Bürger kauft nicht einfach den Strom aus der Steckdose, sondern investiert selbst in ein Blockheizkraftwerk, zusammen mit seinen Nachbarn. Dann ist er zum Beispiel zu 80 Prozent autark und verdient auf lange Sicht vielleicht sogar daran.

Wie gestalten andere Länder die Stadt der Zukunft?

Das ist je nach Region sehr unterschiedlich, aus meiner Sicht. Es gibt die großen Planwirtschaften, die stark versuchen, von oben herab Stadtentwicklung auch als wirtschaftlichen Motor zu sehen. Das ist das, was China momentan massiv erfolgt. Südkorea hat sehr früh begonnen, schon Anfang 2000, die "ubiquitious cities", die Smart City, als Blaupause für zukünftiges, effizientes Leben zu entwickeln. Inwieweit solche Modellstädte die Gesamtnation beeinflussen, ist sicher noch die große Frage. Spannend ist der Blick auf Städte in den USA, wie Boston, New York, San Francisco, die sehr selbständig - durch eine große politische Freiheit, die sie dort genießen - visionäre Stadtquartiere realisieren, neue Infrastrukturen umsetzen, neue Innovationsreferate in den Stadtverwaltungen einsetzen. Da gibt es eine große Bandbreite an Herangehensweisen, die besser als wir die ökonomische Dimension von Anfang an mitdenken. In Deutschland, denke ich, ist die Herausforderung die, Städten neuen Handlungsraum zuzugestehen. Konzepte wie "Stadtquartiere als Zukunftslabore" haben wir in der Nationalen Plattform Zukunftsstadt bereits diskutiert. Sie erfordern andere Rahmenbedingungen, können aber auch völlig neue Ansätze für die Stadt von morgen liefern.

Um nochmal auf die Gemeinschaftsküche zurückzukommen: Heute ist die nicht jedermanns Sache. Müssen sich also auch die Menschen verändern?

Zentrale Probleme sind - aus meiner Sicht - die sehr hohe Unsicherheit und Technikskepsis, die aktuell in unserer Gesellschaft vorherrschen. Wir reden von Abstrichen, von Regulierung, das Benzin wird teurer, wir dürfen nicht mehr so viel fahren. Vor neuer Technik schrecken wir erst einmal zurück. Es gibt noch keine Patentlösung für die Stadt von morgen. Wie sie aussehen kann und was für Mehrwert sich für den Bürger daraus ergibt, das muss man erproben – das ist die Hauptaufgabe in unserem Morgenstadt-Innovationsnetzwerk mit Städten und Unternehmen. Die größte Gefahr ist, dass wir uns den Themen verschließen, statt sie aktiv anzugehen und zu gestalten. Die Stadt der Zukunft ist nichts, wovor wir Angst haben sollten. Es ist eine gemeinsame Gestaltungsaufgabe, die von allen Akteuren gemeinsam anzugehen ist – von der Politik, den Unternehmen, der Forschung und vor allem von den Bürgern. Wir sollten nicht vergessen, dass wir alle Bürger sind neben unserem Beruf.

Die Fraunhofer-Gesellschaft unterstützt mit ihrer Initiative "Morgenstadt" die Bundesregierung bei der Umsetzung ihres Zukunftsprojekts "Die CO2-neutrale, energieeffiziente und klimaangepasste Stadt". Steffen Braun ist Leiter des Competence Team "Urban Systems Engineering" am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO in Stuttgart. Außerdem ist er Forschungskoordinator der Morgenstadt-Initiative.

Mit Steffen Braun sprach Andrea Schorsch.

Quelle: n-tv.de

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