Unterhaltung

Brisante Politik in einer öden Show Hollywood zeigt, was es kann

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Neil Patrick Harris führte eher mittelmäßig durch die Show. Sein halbnackter Auftritt in Anspielung auf "Birdman" gehörte aber zu den Höhepunkten.

(Foto: AP)

Edward Snowden kann nicht kommen. Patricia Arquette fordert gleiche Löhne für Frauen. Und die Academy ist zu weiß - politische Themen sind der rote Faden der Oscar-Show. Sie sorgen für Brisanz und Emotionen in einer drögen Veranstaltung.

Jedes Jahr stehen die Oscars vor dem gleichen Problem: Wie kann man junge Leute für die Show begeistern? Meist löst man die Sache, indem man einen neuen, möglichst jungen Moderator nimmt. Oder eine Moderatorin. Nun war also Neil Patrick Harris dran, der Serienstar aus "How I Met Your Mother".

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Die Vorschusslorbeeren waren groß: Er hat bereits drei Emmys für die Moderation der Tony-Awards gewonnen. Doch Hollywood ist nicht der Broadway. Der Witz von Harris zündete nur sehr selten. Er begann mit einer viel zu braven Musical-Nummer, die durch viele Szenen aus alten Hollywood-Klassikern führte. Das hat man inzwischen schon so oft gesehen, dass es einfach nicht mehr überraschend ist. Von Erneuerung war da keine Spur.

Auch sonst sprühte Harris nicht gerade vor Witz, wenn er etwa auf den Akzent britischer Darsteller anspielte. Und sein Zaubertrick ganz am Ende verpuffte einfach. Doch ab und zu überzeugte er doch - mit Mut und treffenden Sprüchen. Etwa als er in Anspielung auf den großen Gewinner "Birdman" halbnackt auf der Bühne stand. Oder als er die Oscars als abhängige Preise ("Dependent Spirit Awards") bezeichnete - im Gegensatz zu den am Vorabend verliehenen Independent Spirit Awards für unabhängige Produktionen.

Weiß und strahlend

Mit zwei weiteren Sprüchen traf er dann auch noch wunde Punkte. Gleich zu Beginn begrüßte er das Publikum als "bestes und weißestes (whitest) … Entschuldigung … strahlendstes (brightest)". Es war eine Anspielung auf die Zusammensetzung der - meist männlichen, weißen und alten - Academy. Und darauf, dass sich unter den Nominierten nur weiße Schauspieler befanden, obwohl es mit David Oyelowo mindestens einen vielgelobten Kandidaten gegeben hätte. Sein Film "Selma" über Martin Luther King war auch bei der besten Regie übergangen worden - Ava DuVernay wäre (wieder einmal) die einzige Frau in dieser Kategorie gewesen.

Doch im Gegensatz zu Harris' Moderation sorgte "Selma" für den emotionalsten Moment des Abends, als John Legend und Common den Song "Glory" aus dem Film präsentierten. Es folgten Standing Ovations. Nicht nur Oprah Winfrey, die "Selma" produzierte, standen Tränen in den Augen. Und auf Twitter wurde in Anspielung auf den schwarzen Chor geunkt, dass da das Gegenteil der Academy auf der Bühne steht.

Edward Snowden kann nicht kommen

Als John Legend und Common danach auch noch den Oscar für das beste Lied erhielten, sprachen sie klare Worte: "'Selma' ist so aktuell, weil der Kampf für Gerechtigkeit so aktuell ist", sagte Legend und erhielt erneut großen Applaus.

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"Citizenfour" ist der beste Dokumentarfilm - den Preis nahmen Regisseurin Laura Poitras und Enthüllungsjournalist Glenn Greenwald entgegen.

(Foto: AP)

Es war bei Weitem nicht das einzige politische Statement an diesem Abend. Nachdem "Citizenfour" den Preis für die beste Dokumentation bekommen hatte, sagte Harris ironisch, dass Edward Snowden, um den es in der Doku geht, leider nicht kommen konnte. Der Whistleblower, der das Ausmaß der Überwachung durch die NSA ans Licht gebracht hatte, sitzt im Moskauer Exil, wird von der US-Regierung gejagt. Snowden dankte allerdings in einer Stellungnahme Poitras für ihren Film.

Patricia Arquette, die den Academy Award als beste Nebendarstellerin für "Boyhood" bekam, erhielt viel Applaus für ihre Dankesrede. "Es ist an der Zeit, dass wir endlich gleiche Löhne bekommen, und gleiche Rechte für Frauen in den USA", rief sie ins Publikum - und nicht nur Meryl Streep stimmte begeistert zu. Tatsächlich ist erwiesen, dass Frauen weniger Rollen in Hollywood-Produktionen erhalten und auch wesentlich weniger Geld als ihre männlichen Kollegen - da kann der Film noch so erfolgreich sein.

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Drei Oscars für Iñárritu - und ein Kommentar zu Einwanderern.

(Foto: AP)

Auch "The Imitation Game" sorgte für ein politisches Statement. Der Film handelt vom britischen Mathematiker Alan Turing. Der Held des Zweiten Weltkriegs wurde wegen seiner Homosexualität verurteilt und einer chemischen Kastration unterzogen - er nahm sich wegen einsetzender Depressionen das Leben. Als nun Graham Moore den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch entgegennahm, sagte er in einer bewegenden Rede, dass er sich mit 16 Jahren umbringen wollte, weil er sich seltsam und anders fühlte. "Und jetzt stehe ich hier", sagte er, "und deswegen widme ich diesen Moment eben diesem Teenager". "Bleib seltsam, bleib anders", schloss er und erhielt stehenden Applaus.

"Dieser Hurensohn"

Ein weiteres Thema brachte schließlich auch der Abräumer des Abends auf: "Birdman"-Regisseur Alejandro G. Iñárritu nahm drei Oscars mit nach Hause. Darunter war auch der Preis für den besten Film. Angekündigt wurde dieser Oscar von Sean Penn, der sich im Ton vergriff, als er in den Umschlag schaute und fragte, wie denn "dieser Hurensohn" eine Green Card bekommen hätte, also eine Arbeitserlaubnis für die USA. Iñárritu konterte in seiner Dankesrede und erinnerte an all die illegalen Einwanderer, die es in den USA gibt. Er sagte, dass er hoffe, dass die neuen Einwanderer denselben Respekt bekämen wie jene, die die USA zu dieser unglaublichen Einwanderer-Nation gemacht hätten. Harris verabschiedete sich daraufhin noch mit "Buenas noches" vom Publikum.

Rassismus in den USA, Überwachung durch den Geheimdienst NSA, die Ungleichbehandlung von Frauen, Homosexualität und die Einwanderungs-Frage: Die Oscars waren selten zuvor so politisch. Wohlgemerkt, weil die ausgezeichneten Filme diese Themen anschneiden. Ist dies ein Beweis, dass Hollywood auf der Höhe der Zeit ist? Das muss sich in den nächsten Jahren zeigen. Immerhin aber waren die größten Gewinner eher kleine, unabhängige Produktionen von Querköpfen. Wahre Autorenfilme also, wie sie Hollywood nur selten zu bieten hat. Mit "Birdman", "Boyhood" und "Grand Budapest Hotel" war dies ein starker, ein bunter und wohl auch ungewöhnlicher Oscar-Jahrgang.

Fest steht aber, dass die Oscar-Filme und ihre politischen Themen weit mehr Brisanz und Aktualität offenbarten, als es die Show selbst tat. Man kann sich darüber mokieren, dass im letzten Jahr Moderatorin Ellen DeGeneres ständig ein gesponsertes Smartphone in der Hand hielt. Aber ihr Twitter-Rekord mit einem Star-Selfie ist heute noch in Erinnerung. Die Moderation von Neil Patrick Harris wird dagegen schnell in Vergessenheit geraten. Das Gegenteil ist Themen wie Rassismus, Massenüberwachung und Geschlechtergleichheit zu wünschen - gerade in Hollywood-Filmen.

Quelle: ntv.de