Kino

Intimität statt Porno-Sex "Carol" zeichnet die lesbische Liebe

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Bei Therese (Rooney Mara, l.) und Carol (Cate Blanchett) ist es Liebe auf den ersten Blick.

(Foto: picture alliance / dpa)

Eine Frau lieben - für eine Frau der 1950er-Jahre keine einfache Angelegenheit. Bei Carol und Therese springt der Funke in der Spielwarenabteilung über. Der Roman "Salz und sein Preis" erzählt, wie sie für ihre Beziehung kämpfen. Jetzt gibt es dazu einen Film.

1948, New York. Patricia Highsmith verkauft Puppen in einem Kaufhaus, als plötzlich eine blonde Dame ihren Blick fesselt. Sie trägt Pelzmantel, kauft ein. Highsmith lässt die Gedanken schweifen und die Fremde wird zu Carol, Objekt der Begierde ihrer Romanfigur Therese, deren Geschichte "Salz und sein Preis" sie vier Jahre später unter Pseudonym veröffentlichen wird. Viele Romane von Highsmith sind bereits vor langer Zeit verfilmt worden, "Zwei Fremde im Zug" zum Beispiel oder "Der talentierte Mr. Ripley". An "Salz und sein Preis" hat sich bisher niemand herangetraut - wohl auch, weil das Buch von einer lesbischen Liebe erzählt. Bis jetzt.

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Ein Trend-Thema will man es nicht nennen, es fühlt sich falsch an. Doch als in diesem Frühjahr mal wieder die Crème de la Crème der Filmindustrie an der Croisette aufläuft und alle nur über "Carol", so heißt die Adaption, reden, kommt man um den Gedanken nicht herum.

Im vergangenen Jahr war der französische Film "Blau ist eine warme Farbe" gleich zwei Mal mit der Goldenen Palme von Cannes ausgezeichnet worden. Nie zuvor hatte eine Geschichte mit lesbischen Hauptfiguren solch hochkarätige Preise erhalten. Zwölf Monate später ist eine solche scheinbar ganz selbstverständlich von vornherein ein Favorit. Und tatsächlich, Rooney Mara wird für ihre Therese als beste Darstellerin geehrt. Nun startet der lang erwartete, vorab gefeierte Streifen in den Kinos.

"Bring mich ins Bett"

Man möchte "Carol" feiern. Weil es wichtig ist, zu verstehen, dass vor nicht allzu langer Zeit eine Mutter ihr Kind verlieren konnte, weil ihr Herz der falschen Person gehörte. Weil die Sichtbarkeit von Liebe abseits tradierter Hetero-Konzepte in der Populärkultur einen erheblichen Beitrag leisten kann für breite gesellschaftliche Akzeptanz. Nur der Funke will nicht überspringen. Dabei hat es einem Regisseur Todd Haynes doch eigentlich so leicht gemacht.

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Carol bleibt immer etwas unterkühlt - da könnte das Problem des Film liegen.

(Foto: picture alliance / dpa)

"Carol" ist hoch ästhetisch, brillant besetzt mit zwei Hauptdarstellerinnen, die dafür bekannt sind, ihre Rollen ans Äußerste zu treiben und darüber hinaus. Im Gegensatz zu "Blau ist eine warme Farbe", bei dessen Inszenierung Regisseur Abdellatif Kechiche mit beinahe pornografischen Sexszenen für Kontroversen sorgte, seine Hauptdarstellerin Léa Seydoux mit Schamgefühlen zurückließ, hält sich "Carol" bedeckt. Ja, es gibt Nippel zu sehen, doch wenn Therese sagt "Bring mich ins Bett", verzichtet Haynes auf Klischees und Voyeurismus zugunsten eines Moments echter Intimität.

Leider gibt es bei "Carol" nicht viele dieser stillen Momente der Nähe. Oder es soll sie geben, nur will die Chemie der Darstellerinnen eben nicht so richtig überspringen auf den Zuschauer. Mal ehrlich, da müsste schon die echte Cate Blanchett bei der Spielzeugfrau an der Theke herumlungern, um sie ernsthaft aus der Ruhe zu bringen. Diese völlig irrationalen "Liebe auf den ersten Blick"-Momente mag man einer romantischen Komödie nach Schema "X" durchgehen lassen, nicht aber einem vermeintlich anspruchsvollen Drama.

Feine Dame, junges Ding

Carol ist Typ feine Dame, kühl und distanziert. Mysteriös soll Blanchett in ihrer Rolle wirken, aufregend auch. Jetzt kann man mit gutem Willen sagen, dass im zeitlichen Kontext eine geschenkte Kamera und ein Road Trip wohl ziemlich aufregend für so einen - bleiben wir historisch - Backfisch wie Therese gewesen sein mag. Für so ein junges Ding galt aber auch damals wie heute die Regel: Steig' nicht zu Fremden ins Auto - und schon gar nicht zu einer madamigen Tante, deren irrer Blick einem an frostigen Tagen schon mal die Adern vereisen könnte.

Es ist nicht Blanchetts oder Maras Fehler, dass es sich nicht so recht mit ihren Charakteren mitfiebern lässt. Der Stoff wirkt staubig: vermottet zurückgelassen in einer Zeit, in der er ganz unbedingt politisch war, und ausgestattet mit pathetischen Phrasen, die von Gefühl erzählen, ohne es zu vermitteln. Das ist zäh und ziemlich langweilig. "Carol" ist bereits fünffach für einen "Golden Globe" nominiert und wird als heißer Oscar-Kandidat gehandelt. Man kann sich das schon anschauen. Unter denen einreihen, die eifrig nickend die Handflächen aneinanderpatschen, muss man sich aber wirklich nicht.

"Carol" startet am 17. Dezember in den deutschen Kinos

Quelle: n-tv.de

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