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Aktien - die Aussichten für 2021 Darauf sollten Anleger unbedingt achten

Auch eine Glaskugel hilft nicht: Aktienkurse entwickeln sich zufällig, sagen Wissenschaftler. Vorhersagen über künftige Kurse lassen sich daher nicht treffen. Foto: Frank Rumpenhorst

Auch eine Glaskugel hilft nicht. Oder doch?

(Foto: dpa-tmn)

So einen Absturz wie im März haben die Aktienanleger von heute noch nie erlebt. Die anschließende Rally bricht ebenfalls alle Rekorde. ntv.de hat mit den Finanzmarkt-Experten Michal Wittek, Marco Herrmann und Reinhard Pfingsten die Aussichten für das kommende Jahr diskutiert.

n-tv.de: Hand aufs Herz: Haben Sie schon einmal so ein Tempo erst beim Corona-Crash und dann bei der anschließenden Hausse erlebt. Diese Heftigkeit bricht doch alle Rekorde?

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Michael Wittek ist Portfoliomanager bei Albrecht, Kitta & Co. Vermögensverwaltung und ist für die Anlagestrategie der Vermögensverwaltung verantwortlich.

Michal Wittek: Das stimmt. Sowohl der Einbruch als auch die Erholung sind in ihrer Schnelligkeit unübertroffen!

Marco Herrmann: Ganz klar: Der Abverkauf im März hat schon stark an die schlimmste Phase in der Finanzkrise erinnert. Die rasante Erholung ist aber wirklich außergewöhnlich.

Reinhard Pfingsten: Besorgniserregend war vor allem, dass es bei verschiedenen Anlagevehikeln, wie einigen ETFs, vorübergehend keinen hinreichend liquiden Markt mehr gab. Außerdem kam es in der Vergangenheit in solchen Erholungsphasen unmittelbar nach einem Crash immer mal wieder zu technischen Korrekturen. Das gab es dieses Mal überhaupt nicht und dürfte erklären, warum viele Anleger den Wiedereinstieg verpasst haben.

Rekordverdächtig sind auch die Hilfsmaßnahmen der Notenbanken und der Regierungen. Noch nie wurde so viel Geld in die Finanzmärkte und in die Realwirtschaften reingepumpt. An Liquidität dürfte es auch 2021 nicht mangeln.

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Reinhard Pfingsten arbeitet bei der Bethmann Bank als Chief Investment Officer und ist Mitglied im Management Team des globalen Investment Centers der ABN Amro Gruppe.

Pfingsten: Genau, Liquidität ist nicht das Problem. Wir haben ja schon nach der Finanzkrise in den Jahren ab 2008 gesehen, dass die von den Zentralbanken bereitgestellte Liquidität zu großen Teilen in die Finanzmärkte fließt. So ist es dieses Mal auch. Neu ist, dass wir jetzt auch eine breite fiskalpolitische Unterstützung haben. Das dürfte ein wesentlicher Faktor für die konjunkturelle Erholung sein.

Herrmann: Ja, das stimmt. Von beiden Seiten ist 2021 mit weiterer Unterstützung zu rechnen, auch wenn es natürlich nicht mehr diesen Wumms haben kann wie in diesem Jahr.

Neben dem vielen Geld, das angelegt werden will, spricht auch die weltweit erwartete Konjunktur-Erholung für Aktien. Wird 2021 ein gutes Aktienjahr?

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Marco Herrmann ist seit 1992 für renommierte Banken und Fondsgesellschaften tätig. Seit 2010 verantwortet er als Geschäftsführer die Anlagestrategie der FIDUKA.

(Foto: Thomas Niedermueller / niedermueller.de)

Herrmann: Ja, wir bleiben für Aktien mit Blick auf 2021 und darüber hinaus optimistisch gestimmt. Rückenwind kommt von weiteren staatlichen Konjunkturprogrammen, üppiger Liquiditätsversorgung durch die Notenbanken und vor allem von anhaltend niedrigen Zinsen. Gerade letztere dürften mittelfristig zu einer Bewertungsausweitung führen. Es sind aber erneute Rückschläge an den Aktienmärkten durchaus immer wieder möglich. Sie bieten dann aber Gelegenheit, zu niedrigeren Kursen zusätzlich Positionen aufzustocken.

Wittek: Das sehe ich ähnlich. Durch die massiven Eingriffe der Staaten und die damit einhergehende Geldmengenflut sind Sachwerte wie die Aktie gefragter denn je.

Pfingsten: Grundsätzlich sind auch wir optimistisch und sehen noch Potenzial nach oben. Allerdings sollten die Anleger auch nicht zu viel erwarten. Die Aktienmärkte haben einen Großteil der konjunkturellen Erholung bereits vorweggenommen. Grenzen der Fiskalpolitik, ungewisse Entwicklung von Corona - die Börsianer sollten sich durchaus darauf einstellen, dass es wieder etwas volatiler werden könnte an den Aktienmärkten.

Ein wesentlicher Grund für die Aktienrally ist - wie eben schon von Herrn Herrmann erwähnt - das niedrige beziehungsweise negative Zinsniveau. Ist das von den Notenbanken auf Dauer einzementiert?

Pfingsten: Für die nächsten Jahre wahrscheinlich schon.

Herrmann: Ja genau. Wir gehen mindestens in den kommenden zwei bis drei Jahren von keiner Zinserhöhung aus. Nach der Finanzmarktkrise hat die amerikanische Notenbank Fed sechs Jahre mit Erhöhungen gewartet.

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Wittek: Sicherlich werden wir auf Dauer nicht mehr an alte Zinsniveaus herankommen. Sollten die Notenbanker allerdings die Geldversorgung straffen, werden die Aktienmärkte verschnupft reagieren.

Corona spielt an den weltweiten Börsen kaum noch eine Rolle - und wenn, dann eine positive - Stichwort: Impfstoffe. Ist das zu naiv gedacht?

Wittek: Die Börse preist ein, dass wir Mitte 2021 langsam wieder ein annähernd normales Leben führen werden. Das heißt natürlich nicht, dass die Börse zur Einbahnstraße wird. Irgendwann ist auch dieses Szenario ausreichend in den Kursen enthalten.

Pfingsten: Man muss auch hier immer die Risiken mit im Blick haben. Es ist noch lange nicht ausgemacht, dass die komplexe Logistik rund um die Impfstoffverteilung reibungslos funktioniert. Zudem muss die Impfung ja global stattfinden. Da kann auch noch einiges schiefgehen.

Kommen wir auf die Aktienmärkte ganz konkret zu sprechen. In den USA ist der Dow Jones erstmals über die Marke von 30.000 Punkte gestiegen. Dort treiben vor allem Technologiewerte die Rally an. Ist das gesund?

Wittek: Der Tech-Sektor war der große Corona-Gewinner. Hingegen macht uns Sorgen, dass gerade das IPO-Geschehen in New York an den Neuen Markt erinnert. Es ist nicht gesund, wenn ein Unternehmen an die Börse kommt und eine Bewertung aufweist, die nur durch einen Marktanteil von annähernd 100 Prozent zu rechtfertigen ist.

Pfingsten: Wenn man allein nach klassischen Bewertungsmaßstäben urteilt, erscheinen Technologietitel schon sehr teuer zu sein. Zugutehalten kann man diesen Unternehmen, dass sie natürlich besonders von der Pandemie profitieren. Wir sitzen alle im Home-Office, arbeiten digital und bestellen online etc. Zuletzt haben wir jedoch Technologietitel reduziert und dafür Finanz- und Industriewerte zugekauft.

Herrmann: Bei einzelnen Aktien haben die Bewertungen bereits schwindelerregende Höhen erreicht. Bei einem langfristigen Anlagehorizont findet man aber immer noch akzeptabel bewertete Aktien aus dem Sektor, zum Beispiel bei den Halbleitern.

Deutsche Aktien sind wieder einmal schlechter gelaufen als US-Titel. Was ist der Grund? Gibt es hier zu wenig New und zu viel Old Economy?

Herrmann: In Europa gibt es leider nur eine Handvoll an weltweiten Technologie-Champions. Wie beim Fußball steckt das Problem in der Nachwuchsförderung. Im Ausland - vor allem in den USA - gibt es für Startups wesentlich bessere Finanzierungsmöglichkeiten als bei uns in Europa. Wir haben nun noch einmal die Chance, bei grünen Technologien die Nase vorn zu haben. Im Autosektor haben die Manager diese Chance leider bereits nicht genutzt.

Wittek: Das sehe ich ähnlich. Deutschland hat durch das Fehlen digitalen Know-hows anderen Ländern das Spielfeld überlassen. China und die USA sind mit ihren großen Internetfirmen enteilt.

Sehr gut entwickelt haben sich auch japanische Aktien. Haben die Anleger in Deutschland zu sehr deutsche und zu wenig ausländische Titel im Blick?

Pfingsten: Das ist in der Tat ein Problem. Anleger sollten immer international diversifizieren. Aktuell stehen wir alle unter dem Eindruck steigender Fallzahlen und neuer Lockdowns in Europa und übersehen völlig, dass diese zweite Corona-Welle in Asien gar nicht stattfindet. Stattdessen hat in China und anderen asiatischen Ländern längst die konjunkturelle Erholung voll eingesetzt, was sich auch an der guten Performance der dortigen Aktienmärkte zeigt. Wir investieren in einer Art Hantel: Übergewichten in den USA und den Entwicklungsländern steht ein Untergewicht in Europa gegenüber.

Herrmann: Japanische Aktien sind weiterhin sehr attraktiv bewertet. Deutsche Anleger sind dort aber in der Regel nicht engagiert. Vermutlich, weil man so wenig über japanische Unternehmen jenseits von Softbank und Toyota liest.

Mit den rasant gestiegenen Kursen sind auch die Bewertungen gestiegen. Gibt es überhaupt noch Bereiche, die nicht gehypt worden sind?

Wittek: Sicherlich sind viele Aktien am Zenit ihrer Bewertung vorerst angelangt. Aber wir sehen in Sektoren wie Autos oder Öl noch niedrige Bewertungen.

Herrmann: Und durch die erwarteten Gewinnsteigerungen im Jahr 2021 werden sich die derzeit hohen Aktienbewertungen wieder auf ein moderateres Niveau zurückbewegen. Der DAX wird dann nur noch mit dem 15-fachen Jahresgewinn bewertet. Der langfristige Durchschnitt liegt bei 14. Für den europäischen STOXX 600 fällt diese Kennzahl auf 17. Gerade noch akzeptabel bewertet sind US-Aktien, deren 2021er Kurs/Gewinn-Verhältnis (KGV) mit 21 weiter auf einem hohen Niveau verharrt. Aufgrund der hohen Gewichtung des schneller wachsenden Technologiesektors und den allgemein besseren Gewinnmargen ist eine höhere Bewertungsprämie aber gerechtfertigt.

Zuletzt sind die Zykliker angesprungen - gewissermaßen aus Vorfreude auf eine kräftige Konjunktur-Erholung. Was halten Sie 2021 für aussichtsreicher: Tech- und Healthcare-Aktien, also die Gewinner aus diesem Jahr, oder konjunktursensible Aktien?

Pfingsten: Vorausgesetzt die Impfungen kommen gut voran und die Pandemie kann eingedämmt werden, spricht natürlich vieles für zyklische Aktien. Hier gibt es Nachholbedarf. Und die Abkehr von Lockdowns sollte eine größere wirtschaftliche Dynamik freisetzen, von der diese Aktien dann natürlich besonders profitieren. Man kann hier durchaus ein Auge auf Europa haben. Europa hängt in der konjunkturellen Erholung deutlich hinterher, profitiert aber gleichzeitig von der guten Lage in Asien und von der anziehenden Weltwirtschaft.

Wittek: Zunächst muss man herausstellen, dass die Börse ihr Eigenleben führt. Niemand kennt die Zukunft, sodass wir uns nie komplett auf ein Szenario festlegen. Auch hier ist Diversifikation alles. Aber um die Frage zu beantworten: Wir sehen mehr Chancen in den Zyklikern wie Industrieaktien.

Herrmann: Unter den Zyklikern sehen wir im Bereich von Automatisierung und Robotik gute Chancen, denn um unsere Versorgungssicherheit zu verbessern, werden wir höhere Investitionen in Produktionsanlagen in Europa und den USA erleben. Ein bedeutendes Thema bleibt natürlich der Klimawandel, der zu mehr Investitionen in grüne Technologien führen wird. Ein Großteil der verabschiedeten staatlichen Konjunkturprogramme zielt auf einen besseren Umweltschutz ab.

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Quelle: ntv.de