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Vakzine schützen trotzdem Impfdurchbrüche nicht überbewerten

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Auch vollständig geimpft bleibt ein Restrisiko für die Ansteckung und Erkrankung.

(Foto: dpa)

Zwei Wochen nach der vollständigen Impfung fühlen sich die meisten Menschen sicher geschützt gegen das Coronavirus. Doch mehr als 7000 Personen in Deutschland infizierten sich dennoch. Sie erlitten einen sogenannten Impfdurchbruch. Müssen sich Geimpfte jetzt Sorgen machen?

Seit Februar 2021 sind in Deutschland laut dem aktuellen RKI-Bericht 7.229 Impfdurchbrüche registriert worden. Menschen sind also trotz einer vollständigen Corona-Impfung an Covid-19 erkrankt. Das Robert Koch-Institut zählt dabei nur die Fälle, bei denen es deutliche Symptome und ein bestätigtes Labor-Ergebnis der Infektion gibt. 5.766 dieser dokumentierten Fälle traten nach einer abgeschlossenen Impfserie mit Comirnaty (Biontech/Pfizer), 214 mit Spikevax (Moderna), 331 mit Vaxzevria (AstraZeneca) und 601 mit COVID19 Vaccine Janssen (Johnson & Johnson) auf.

Anfang Juli lag die Zahl erst bei etwas über 4000, deshalb machen sich immer mehr Menschen Sorgen, dass auch sie trotz der Impfung erkranken könnten. Allerdings sagt die absolut steigende Zahl nur bedingt etwas aus, denn inzwischen sind mehr als 42 Millionen Menschen in Deutschland doppelt geimpft. Und damit kommen immer mehr Menschen in die Gruppe, der ein Impfdurchbruch passieren kann. Bei den Unter-16-Jährigen liegt die Impfquote dem aktuellen RKI-Bericht zufolge bei 1,2 Prozent, der Anteil der Impfdurchbrüche beträgt bei dieser Altersgruppe 0,02 Prozent. Bei den 18- bis 59-Jährigen beträgt die Impfquote bereits 40,7 Prozent und der Impfdurchbruchanteil 0,6 Prozent. Die höchste Impfquote wird bei den Menschen über 60 Jahre mit 70,3 Prozent erreicht. Hier liegt auch der Anteil der Impfdurchbrüche mit 1,6 Prozent am höchsten.

"Mit der Zahl der Impfungen steigt auch die Zahl der Durchbruchsinfektionen", erklärt Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie (DGfI). "Diese ist zwar reduziert, aber je nachdem, wie die Impfung bei mir gewirkt hat, und je nachdem, welche Viruslast mein Gegenüber in sich trägt, kann es schon dazu kommen, dass ich mich als Geimpfter anstecke."

Keine 100 Prozent Sicherheit

Außerdem gehören Impfdurchbrüche bei jeder Immunisierung zur Normalität, denn kein Impfstoff erreicht eine hundertprozentige Wirksamkeit. Der Impfstoff von Biontech/Pfizer besitzt zum Beispiel eine Wirksamkeit von 95 Prozent gegenüber dem Wildtyp von Sars-CoV-2. Das bedeutet aber nicht, dass sich 5 von 100 geimpften Menschen infizieren, sondern dass die Wahrscheinlichkeit, sich mit dem Virus anzustecken, bei den Geimpften 95 Prozent geringer ist als bei den Probanden in der Studien-Kontrollgruppe.

Von Anfang an wurde auch vermutet, dass die Impfwirkung mit der Zeit etwas nachlassen könnte. Das ist inzwischen belegt. Daten des israelischen Gesundheitsministeriums zufolge hat der Schutz vor Infektionen unter Geimpften seit Beginn der Impfaktion in Israel beispielsweise um 42 Prozent abgenommen. Gegen den schweren Krankheitsverlauf lag der Schutz aber noch immer bei 88 Prozent. Trotzdem plant das Land nun Drittimpfungen für Ältere.

Inzwischen ist gut belegt, in welchen Gruppen es unabhängig vom Alter besonders häufig zu Impfdurchbrüchen kommt. Dabei wird deutlich, dass es vor allem Menschen trifft, deren Immunsystem nicht oder nur eingeschränkt arbeiten kann. Dazu gehören Krebspatienten, deren Immunsystem beispielsweise durch Chemotherapien gehemmt ist. Auch verschiedene Autoimmunerkrankungen zeichnen sich durch eine Schwächung oder Fehlleitung der körpereigenen Abwehr aus. Bei ihnen wurde schon in frühen Studien nachgewiesen, dass sie keine oder deutlich weniger Antikörper entwickeln. Bei Nachimpfungen mit jeweils anderen Impfstoffen konnte das auch nur zum Teil ausgeglichen werden. Auch bei Transplantationspatienten wirkt das normale Impfschema nicht vollständig.

Wie man es ja auch an den Zahlen sieht, betreffen viele Impfdurchbrüche ältere Menschen. Das liegt daran, dass ihr Immunsystem zunehmend schwächer wird und auch weniger gut auf Immunisierungen durch Impfung reagiert. In einer Studie wurde beispielsweise gezeigt, dass nach einer vollständigen Impfung mit Biontech/Pfizer jüngere Probanden deutlich höhere Antikörperlevel im Blut hatten als ältere. Dies erklärt auch die Corona-Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen, in denen ein sehr hoher Prozentsatz der Menschen vollständig geimpft ist. Um den Impfschutz dieser Gruppe zu erhöhen, werden inzwischen sogenannte Booster-Impfungen vorbereitet. Laut einer aktuellen Biontech/Pfizer-Studie erhöht eine dritte Dosis ihres Impfstoffes die Anzahl von Corona-Antikörpern im Blut der Probanden um das 5- bis 8-fache.

Erheblich geringere Sterblichkeit

Einen unmittelbaren Zusammenhang stellen Forscher auch zwischen dem Auftreten von Mutationen und Impfdurchbrüchen her. Die RKI-Zahlen belegen, dass inzwischen die allermeisten Impfdurchbrüche in Verbindung mit der Delta-Variante stehen. Bei den jeweiligen Mutationen verändern sich kleinste Viruseigenschaften und machen es dem Immunsystem damit schwerer, die Erreger zu erkennen und zu bekämpfen, so wie es das anhand des Impfstoffs "gelernt" hat. Die Impfstoffhersteller sind deshalb inzwischen dabei, ihre Vakzine an die Mutationen anzupassen.

Studien bescheinigen aber auch den bisher zugelassenen Impfstoffen hohe Wirksamkeit nicht nur gegen den Sars-CoV-2-Wildtyp, sondern auch gegen die Mutationen. Moderna schützt gegen die Delta-Variante fast genauso gut wie gegen die ursprüngliche Variante, Biontech/Pfizer erreicht 88 Prozent, Astrazeneca 67 Prozent. Von Johnson & Johnson liegen keine genauen Daten vor, Experten bezweifeln, dass der Impfstoff ausreichend wirksam gegen die Delta-Variante ist und bringen eine Zweitimpfung mit einem mRNA-Impfstoff als Booster ins Spiel.

Ein Impfdurchbruch ist auch nicht zwangsläufig eine Katastrophe. Das Paul-Ehrlich-Institut betont in seinen Einschätzungen, dass vollständig geimpfte Menschen in jedem Fall mit einem weniger schweren Verlauf der Krankheit rechnen können. Selbst wer also vollständig geimpft an Covid-19 erkrankt, wird in den meisten Fällen nicht auf der Intensivstation und oft nicht einmal im Krankenhaus behandelt werden müssen. Das zeigen auch die aktuellen RKI-Zahlen. Unter den Impfdurchbrechern im Alter von unter 18 Jahren musste niemand ins Krankenhaus, bei den 18- bis 59-Jährigen lag die Hospitalisierungsrate bei zwei Prozent (94 Fälle) und im Alter 60 Jahre und älter bei 27 Prozent (663). Gleiches zeigen auch Studien aus Israel, wo selbst Vorerkrankte Geimpfte deutlich leichter an Covid-19 erkrankten und auch seltener beatmet werden mussten. Die Sterblichkeitsrate war bei den vollständig geimpften Impfdurchbrechern um etwa 50 Prozent niedriger.

Künftig könnte man Impfdurchbrüchen noch schneller auf die Spur kommen, wenn man bei den Tests mit erfassen würde, ob der oder die Getestete bereits vollständig geimpft ist. Außerdem wären für die Vermeidung vor allem bei Risikopersonen die Überprüfung der Antikörpermenge im Blut eine Möglichkeit. Noch ist allerdings nicht klar, wie hoch der Antikörperspiegel sein muss, um eine Ansteckung oder eine Erkrankung zu vermeiden.

Quelle: ntv.de

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