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Vorteil: sehr schnelle Wirkung Partydroge Ketamin hilft gegen Depressionen

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Weltweit leiden nach Angaben der WHO mehr als 300 Millionen Menschen an Depressionen. Nun wird auch Ketamin zur Behandlung eingesetzt - bisher in den USA, vielleicht bald auch in der EU.

(Foto: imago/photothek)

Eigentlich ist Ketamin als illegale Partydroge bekannt, auch als Narkosemittel wird die halluzinogen wirkende Substanz eingesetzt. Nun wird Ketamin in den USA erstmals zur Behandlung von Depressionen zugelassen, für die EU ist es bereits beantragt. Wie wirkt der Stoff im Gehirn?

Der schon lange als Narkosemittel und illegale Partydroge eingesetzte Arzneistoff Ketamin gilt als Hoffnungsträger bei der Behandlung schwerer Depressionen. Anfang März hat die US-Arzneimittelbehörde FDA erstmals eine Ketamin-ähnliche Substanz des Pharmakonzerns Johnson & Johnson gegen schwer zu behandelnde Depressionen zugelassen. Das Nasenspray darf bei Patienten eingesetzt werden, die zuvor erfolglos mit mindestens zwei herkömmlichen Antidepressiva behandelt wurden. Auch für die EU sei der Antrag bereits gestellt, bis zu einer Zulassung könne es aber noch dauern, sagt der Psychiater Malek Bajbouj von der Charité Berlin.

An Mäusen haben Forscher nun erkundet, wie Ketamin im Gehirn wirkt. Sie sorge für die verstärkte Bildung bestimmter Vorwölbungen auf Nervenzellen, Dornenfortsätze genannt, berichtet das Team im Fachmagazin "Science". Diese beeinflussen die Signalübertragung zwischen Nervenzellen. Studien zuvor hatten bereits eine Abnahme der Komplexität und Dichte der Fortsätze, auch dendritische Dornen genannt, bei Depressiven gezeigt.

Ketamin als "Special-K" verbreitet als Partydroge

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Vom Zoll beschlagnahmte Säcke mit Ketamin: Das Narkosemittel tauchte vor ein paar Jahren auch in der Drogen- und Partyszene auf.

(Foto: picture alliance / dpa)

Patienten müssen nach der Verabreichung für einige Stunden im Blick behalten werden, weil die Substanz halluzinogen wirkt - nicht umsonst wird Ketamin unter dem Namen "Special-K" weit verbreitet als Partydroge genutzt. Menschen erleben im Ketamin-Rausch oft Halluzinationen oder dissoziative Zustände, bei denen sich Körper und Geist zu trennen und wieder neu zusammenzusetzen scheinen.

Der große Vorteil der Substanz bei der Behandlung von Depressionen sei die mögliche schnelle Wirkung, erklärt Bajbouj. Mehr als 150 Patienten wurden an der Charité im Rahmen von Studien und Heilversuchen bereits damit therapiert. Bei etwa einem Drittel habe sich binnen Stunden bis Tagen ein Effekt gezeigt - bei herkömmlichen Antidepressiva vergehen meist mehrere Wochen. Bei Betroffenen mit einer langen, schweren Depression schlage Ketamin allerdings häufig nicht an, vor allem wenn diese zusätzlich Abhängigkeiten oder Angststörungen hätten. Für Patienten, die schon viele erfolglose Behandlungszyklen mit herkömmlichen Antidepressiva hinter sich haben, ist demnach wohl auch Ketamin in vielen Fällen kein Heilmittel.

Vielversprechend sei der Arzneistoff aber dafür, akute Depressionen rasch abklingen zu lassen - auch damit einhergehende Suizidgedanken könnten bei einem Teil der Patienten schnell gebannt werden, sagt Bajbouj. Der Effekt hält allerdings nicht selten nur für einige Tage an. Ketamingaben würden daher üblicherweise wiederholt. In welcher Frequenz und über welchen Zeitraum dies sinnvollerweise geschehe, müsse noch erforscht werden.

Ziel: Rückfälle verhindern

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Patienten müssen nach der Verabreichung für einige Stunden im Blick behalten werden, weil die Substanz halluzinogen wirkt.

(Foto: imago/Eckhard Stengel)

Das langfristige Ziel sei, Rückfälle zu verhindern, so der Mediziner. Die in "Science" präsentierte Studie liefere wichtige Grundlagen für Ansätze dafür. Demnach sind intakte Dornenfortsätze entscheidend für einen anhaltenden antidepressiven Effekt. Dieses Wissen sei wichtig für die Entwicklung innovativer Strategien für Patienten mit behandlungsresistenten Depressionen, betont auch Anna Beyeler von der Universität in Bordeaux (Frankreich) in einem begleitenden "Science"-Beitrag.

Die Forscher um Conor Liston und Rachel Moda-Sava vom Weill Cornell Medical College der Cornell University in New York hatten für ihre Studie Mäuse verwendet, die für Depressionen typische Symptome zeigen. Die Tiere wurden dafür unter andauernden Stress gesetzt oder bekamen über Wochen das Stresshormon Corticosteron verabreicht. Die depressiven Aspekte ihres Verhaltens gehen der Analyse zufolge auf das Verschwinden dendritischer Dornen im sogenannten präfrontalen Cortex an der Stirnseite des Gehirns zurück.

Depressions-Symptome bei Tieren schwanden

Bekamen die Tiere Ketamin verabreicht, spross zumindest ein Teil der Fortsätze wieder und die Depressions-Symptome schwanden. Wahrscheinlich werde mit den Dornen die ursprüngliche Kommunikation zwischen den Nervenzellen weitgehend wiederhergestellt, vermuten die Forscher. Allerdings blieben nur 45 Prozent der Fortsätze mindestens vier Tage erhalten, der Rest ging rasch wieder verloren.

Das könne die beobachtete plötzliche Rückkehr depressiver Symptome eine Woche nach einer Behandlung mit Ketamin erklären, so die Forscher. Sie sehen es deshalb als vielversprechenden Weg gegen Depressionen an, den Verfall der Fortsätze mit speziellen Therapien langfristig zu unterbinden. "Wir müssen einen Ansatz dafür finden, die erzielten Veränderungen im Gehirn stabil zu erhalten", betont auch Bajbouj, der nicht an der US-Studie beteiligt war.

Riesiger Markt

An neuen Mitteln gegen Depressionen wird seit Jahrzehnten intensiv geforscht, vielversprechende neue Wege tun sich aber nur selten auf. Der Markt ist riesig, gerade in den USA, wo sehr viele Menschen - auch schon Kinder und Jugendliche - Medikamente gegen die psychische Erkrankung nehmen. Umso euphorischer fallen die Reaktionen auf Ketamin als möglichen neuen Wirkstoff aus. "Auch in Deutschland ist es eine sehr nachgefragte Option, sich im Rahmen von Studien oder individuellen Heilversuchen mit Ketamin behandeln zu lassen", sagt Bajbouj. Bei einem Heilversuch werden Patienten mit noch nicht zugelassenen Medikamenten behandelt.

In den USA bieten bereits unzählige Kliniken und Privatpraxen ihren Patienten schon länger den leichten Rausch als Therapie an - bisher Off-Label, also ohne offizielle Genehmigung der Arzneimittelbehörde. In New York gebe es inzwischen massenhaft spezielle Ketamin-Praxen, sagt Bajbouj. "Das ist sehr kritisch zu sehen." Zum einen sei fraglich, ob die gewinnorientierten Anbieter immer seriös kontrollierten, ob das Verabreichen von Ketamin bei ihren Kunden tatsächlich sinnvoll sei. Hinzu komme der potenziell psychedelische Effekt der Substanz. Die direkten positiven Gefühle könnten den Wunsch nach Wiederholung groß werden lassen.

Gefahr körperlicher Abhängigkeit?

Ob auch die Gefahr einer körperlichen Abhängigkeit besteht, müsse erst noch geklärt werden. "Das wird ein Hauptaugenmerk der Zulassungsbehörden sein", ist Bajbouj überzeugt. Bei den 15- bis 20-Jährigen in Berlin gehöre Ketamin derzeit zu den Top-5 der Partydrogen. Mitunter ende der Missbrauch allerdings mit der Aufnahme in der Notaufnahme - unter anderem wegen beängstigender Horrortrips, K-Hole genannt.

"Unsere große Sorge war, dass das auch bei der therapeutischen Anwendung ein Problem sein könnte", erklärt der Psychiater. Bei den mehr als 150 Patienten in Berlin sei dies aber nur zwei Mal in sehr milder Form vorgekommen. Mögliche Gründe dafür seien die unterschiedliche Dosierung und Art der Einnahme. "Bei der Therapie wird Ketamin intravenös und sehr langsam verabreicht."

Rat und Nothilfe

  • Bei Suizidgefahr: Notruf 112
  • Beratung in Krisensituationen: Telefonseelsorge (0800/111-0-111 oder 0800/111-0-222 oder 116-123, Anruf kostenfrei) oder Kinder- und Jugendtelefon (Tel.: 0800/111-0-333 oder 116-111; Mo-Sa von 14 bis 20 Uhr)
  • Auf den Seiten der Deutschen Depressionshilfe sind Listen mit regionalen Krisendiensten und Kliniken zu finden, zudem Tipps für Betroffene und Angehörige.
  • In der deutschen Depressionsliga engagieren sich Betroffene und Angehörige, um die Situation und die Versorgung Depressiver zu verbessern. Sie bieten Depressiven ein E-Mail-Beratung als Orientierungshilfe an.
  • Eine Übersicht über Selbsthilfegruppen zur Depression bieten die örtlichen Kontaktstellen (KISS).

Zu klären sei nach der aktuellen Studie noch, ob sich die Dornenfortsätze nach der Gabe herkömmlicher Antidepressiva so rasch wie bei Ketamin-Gabe bilden, sagt Bajbouj. "Falls dem so ist, würde das bedeuten, dass andere Faktoren für die schnelle Wirkung von Ketamin entscheidend sind." In der vorliegenden Studie habe es eine solche Kontrollgruppe leider nicht gegeben.

Symptome bei Depressionen

Eine Depression kann sich durch vielfältige Symptome äußern. Typische Anzeichen sind eine anhaltend gedrückte Stimmung, Antriebs- und Denkhemmungen sowie körperliche Beschwerden wie Schlaflosigkeit, Appetitstörungen oder Schmerzen. Viele Betroffene hegen irgendwann Suizidgedanken, vor allem solche mit wiederkehrenden depressiven Phasen.

Nach Schätzungen entwickeln etwa fünf Prozent der Bevölkerung im Verlauf eines Jahres eine Depression, im Lebensverlauf sind es 15 Prozent, wie Bajbouj sagt. Frauen sind häufiger betroffen als Männer.

Quelle: n-tv.de, Annett Stein, dpa

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