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Von Spanien nach ganz Europa Virusmutation reist mit Urlaubern

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In Spanien weisen laut Studie fast 80 Prozent der Proben die neue Coronavirus-Variante 20A.EU1 auf. In Großbritannien sind es sogar 90 Prozent.

(Foto: via REUTERS)

Von Spanien aus verbreitet sie sich rasend schnell: 20A.EU1, eine mutierte Variante des Coronavirus. Inzwischen sei sie für die meisten Neuinfektionen in Europa verantwortlich, finden Forscher heraus. Ihre Studie gibt zu denken: War die Lockerung der Reisebeschränkungen im Sommer übereilt?

Anpassen oder aussterben: Wie andere Viren entwickelt sich auch das Coronavirus immer weiter. Derzeit existieren allein in Europa Hunderte Varianten von Sars-CoV-2, die sich durch kleine Mutationen im Erbgut voneinander unterscheiden. Aber nur wenige davon haben sich so erfolgreich verbreitet wie die Variante 20A.EU1, heißt es in einer Studie der Universität Basel, der ETH Zürich in Basel und des Konsortiums "SeqCovid-Spain", die bislang nicht von Fachleuten überprüft wurde.

Das internationale Forscherteam verglich in einer großangelegten Analyse Virusgenomsequenzen von Covid-19-Patienten in ganz Europa. Das Ziel war, die Entwicklung und Verbreitung des Erregers besser nachverfolgen zu können. Das Ergebnis: Die Virusvariante 20A.EU1 verursacht derzeit die meisten Corona-Neuinfektionen in Europa. Ihren Ursprung fand die Gen-Mutation wahrscheinlich in Spanien - im Sommer. Also mitten in der Reisezeit, als die Maßnahmen zur Pandemieeindämmung gelockert wurden und Urlaub ins europäische Ausland wieder möglich war.

Der früheste Beweis für die Corona-Variante 20.A.EU1 hängt laut Studie mit einem Superspreading-Event unter Landarbeitern im Nordosten Spaniens zusammen. Auch die lokale Bevölkerung infizierte sich daraufhin. Die Virusvariante verbreitete sich rasch im ganzen Land. Mittlerweile weisen in Spanien laut Studie fast 80 Prozent der Proben die neue Coronavirus-Variante auf.

Unliebsames Urlaubsmitbringsel

Doch nicht nur dort hat sich die Coronavirus-Variante erfolgreich ausgebreitet. In Großbritannien entsprechen sogar 90 Prozent, in Irland 60 Prozent und in der Schweiz und den Niederlanden zwischen 30 und 40 Prozent der untersuchten Sars-CoV-2-Proben der neuen Gen-Mutation. Auch in Deutschland, Belgien, Frankreich, Italien, Lettland, Norwegen und Schweden wurde sie identifiziert.

Somit ist 20A.EU1 inzwischen in mindestens zwölf Ländern Europas, aber auch in Hongkong und Neuseeland angekommen. Die Forscher glauben, dass vor allem zwei Faktoren die Ausbreitung der Variante von Spanien aus erleichtert haben: die Lockerung der Reisebeschränkungen und die weniger strengen Abstandsregelungen. Die Studie zeige, wie sehr das Reisen die Ausbreitung des Coronavirus beschleunige, sagt die leitende Studienautorin, Emma Hodcroft, in einer Pressemitteilung der Uni Basel. "Denn das Virus allein kommt erst mal nicht weit, dafür braucht es Menschen."

Professor Iñaki Comas, Co-Autor der Studie, sieht bei der aktuellen Ausbreitung ein ähnliches Muster wie im Frühjahr. "Die mutierte Variante des Coronavirus hat sich, unterstützt durch ein Superspreader-Event, rasant in ganz Spanien ausgebreitet." Anschließend sei es durch Reisende in andere Länder Europas verschleppt worden. Genetische Analysen der Wissenschaftler weisen darauf hin, dass 20.A.EU1 mindestens dutzendfach, möglicherweise aber auch hundertfach zwischen europäischen Ländern hin- und hergereist sei.

War es fatal, Reisebeschränkungen zu lockern?

Obwohl die Verbreitung von 20A.EU1 mit der in diesem Herbst in vielen europäischen Ländern beobachteten steigenden Zahl von Fällen korrespondiert, warnen die Autoren der Studie davor, die neue Variante als Ursache für den Anstieg der Fälle zu interpretieren. "Es ist nicht die einzige Variante, die in den letzten Wochen und Monaten im Umlauf ist", sagt Richard Neher vom Biozentrum der Universität Basel. "Tatsächlich sind in einigen Ländern mit einem signifikanten Anstieg der Covid-19-Fälle, wie Belgien und Frankreich, andere Varianten vorherrschend".

Ein Grund zur Panik sei die neue Virusvariante somit nicht, sagte auch Hauptautorin Hodcroft der "Bild"-Zeitung. "Die Menschen müssen keine Angst haben: Wir haben weder Beweise dafür gefunden, dass das Virus sich schneller verbreitet, noch dass es gefährlicher als andere Varianten ist."

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Die Forscher vermuten eher, dass die Umstände eine große Rolle gespielt haben. "Die Mutation tauchte dann auf, als gerade besonders viele Menschen nach Spanien kamen, um dort Urlaub zu machen. Das allein hat dem Virus schon einen Vorteil gegeben, ohne dass es irgendwelche genetischen Besonderheiten haben muss. Und das hätte auch an einem anderen Ort mit einer anderen Mutation passieren können", erklärt die Epidemiologin.

Die Studienautoren betonen daher, dass ihre Erkenntnisse vielmehr zur Bewertung und Wirksamkeit von Grenzkontrollen und Reisebeschränkungen im Kampf gegen das Coronavirus beitragen. Niemand wünsche sich komplette Grenzschließungen oder strenge Reisebeschränkungen, sagt Hodcroft. "Die Analysen zeigen allerdings, dass die Maßnahmen im Sommer nicht ausreichend gewesen sind, um die Verbreitung des Virus und neuer Virusvarianten zu stoppen." Sie fordert daher, dass bessere Wege für Öffnungen gefunden werden müssten, ohne einen erneuten Anstieg der Fälle zu riskieren.

Quelle: ntv.de

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