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Sechsköpfige Familie auf Reisen "Klimawandel verstärkt alle Probleme"

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Ihre erste Etappe führte die Steingässers in die Arktis.

(Foto: Jens Steingässer)

Jens und Jana Steingässer haben sich mit ihren vier Kindern im Alter zwischen zwei und zwölf Jahren auf eine Expedition begeben, die ihr Leben verändert hat. Der Fotograf und die Ethnologin sind mit der gesamten Familie rund um den Erdball gereist, um die Folgen des Klimawandels mit eigenen Augen zu sehen. Sie fuhren mit Hundeschlitten durch Grönland, mit einer alten Feuerwehr durch Lappland, mit einem Jeep durch Australien und ritten auf Kamelen durch Südafrika. Im Interview mit n-tv.de erzählen die Steingässers von ihren Erlebnissen.

n-tv.de: Ihr seid mit der gesamten Familie einmal um die Welt gereist. Wie kamt ihr auf diese Idee?

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Ein alte Feuerwehr wurde vorübergehend das Zuhause der Steingässers.

(Foto: Jens Steingässer)

Jana Steingässer: Die Geschichte beginnt mit unseren Zwerghühnern. Die legen normalerweise im Sommer ihre Eier und machen dann eine Pause, wie es bei Vögeln normal ist, da Nachwuchs im Winter keinen Sinn hat. Da sie bei uns zu Hause weder künstliches Licht noch Wärme bekommen, erleben sie einen ganz gewöhnlichen Winter. In einem milden und sonnigen Winter begann eine unserer Hennen plötzlich, mitten im Dezember Eier zu legen und zu brüten. Das hat uns sehr verwundert. Bei meinen Recherchen bin ich dann auf das Thema Klimawandel gestoßen.

Warum ist der Klimawandel mittlerweile ein derart bedeutendes Thema für euch?

Jana: Wir haben mit eigenen Augen festgestellt, dass der Klimawandels weltweit Spuren hinterlässt - auch vor unserer eigenen Haustür. Es ist eines der drängendsten Themen unserer Zeit.

Mit welchen Vorstellungen der Klimafolgen seid ihr losgereist?

Jana: Unsere erste gezielte Reise zu dem Thema fand in die Arktis statt. Dieses Ziel haben wir ganz bewusst gewählt, weil die Arktis als Hotspot des Klimawandels gilt. Wir sind im Winter nach Grönland gefahren. Die Meereisbedeckung war zu dieser Zeit extrem gering, was eine Auswirkung des Klimawandels ist. Das schränkt die Menschen vor Ort stark ein, weil sie nicht aufs Eis können, um dort zu jagen.

Wurden eure Erwartungen auf euren Reisen bestätigt oder gab es Überraschungen?

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Mittagschlaf auf dem Autodach.

(Foto: Jens Steingässer)

Jana: Der grönländische Eisschild gilt als Ikone des Klimawandels. Uns hat es daher sehr überrascht, dass das vor Ort kaum ein Thema ist. Das hat bei uns zu der Erkenntnis geführt, dass der Klimawandel nie getrennt von anderen Themen betrachtet werden kann. Er ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, denn er verstärkt Probleme, die ohnehin schon vorhanden sind. In Grönland gibt es zum Beispiel enorme gesellschaftliche Probleme, die durch den Klimawandel verstärkt werden.

Jens Steingässer: In Lappland hat uns dagegen überrascht, wie sehr der Klimawandel bei den Einwohnern bereits ein Thema ist. Das hatten wir nicht erwartet. Die Rentierzüchter vor Ort haben uns klar gesagt, wie extrem sie spüren, dass die Jahreszeiten sich verschieben. Sie müssen zum Beispiel zufüttern und die Herdengröße reduzieren, weil es zu warm ist und Regen statt Schnee fällt, der eine Eisschicht über die Weidewiesen legt.

An welchem Ort hattet ihr nicht erwartet, Klimafolgen zu beobachten?

Jana: Bei uns zu Hause. Für die meisten Menschen hat Klimawandel etwas mit den medial dokumentierten Naturkatastrophen zu tun, aber die feinen Zusammenhänge sehen nur die wenigsten. Man muss dafür nicht ans andere Ende der Welt reisen, sondern sich nur in den heimischen Wäldern umsehen oder die Landwirtschaft betrachten, die in den vergangenen Jahren dramatisch unter den Klimaschwankungen gelitten hat.

Wo konntet ihr die Folgen des Klimawandels am deutlichsten beobachten?

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Jana: An den Orten, die von vornherein extreme klimatische Bedingungen haben. Wenn Systeme bereits am Limit leben und noch weiter gepusht werden, dann kann man das sehr deutlich beobachten. Man sieht es in der Arktis und auch in Südafrika.

Könnt ihr eure Beobachtungen mit Worten beschreiben?

Jens: In Südafrika haben wir uns auf die Spuren der Köcherbäume begeben. An der Grenze zu Namibia sterben diese Bäume ab und es wachsen kaum noch junge Bäume nach. Es ist dort zu trocken und zu heiß, weshalb sie verkümmern. Die Pflanzen sind zwar an die extreme Hitze angepasst, aber nur bis zu einem gewissen Limit. Ein Grad mehr reicht bereits aus, um die Reproduktion des Köcherbaums einzuschränken. Es war sehr verstörend, diese Baumfriedhöfe zu sehen.

Jana: Südafrika ist auch ein Beispiel dafür, dass beim Thema Klimawandel viele Faktoren zusammenkommen. Man kann nicht immer alles darauf schieben, sondern muss den Kontext betrachten. Die menschliche Bevölkerung breitet sich massiv aus, es wird mehr Wasser genutzt und mehr Fläche besiedelt. Hinzukommende Schwankungen im Klimasystem dramatisieren die Lage.

Mit Jana und Jens Steingässer sprach Lisa Schwesig.

Jens und Jana Steingässer touren derzeit für National Geographic mit einer Vortragsreihe durch Deutschland. Auf der Facebook-Seite von n-tv.de können Sie 2x2 Tickets für folgende Veranstaltungen gewinnen:

17.11. Dresden
18.11. Stuttgart
20.11. München
21.11. Berlin

Den Bildband zum Vortrag "Die Welt von morgen" können Sie hier auf Amazon bestellen.

Quelle: ntv.de