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7-Punkte-Plan veröffentlicht So lassen sich weitere Shutdowns verhindern

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Schulen sollen nicht dicht, sondern sicher gemacht werden.

(Foto: picture alliance/dpa)

Eine internationale Forschergruppe veröffentlicht einen 7-Punkte-Plan mit Vorschlägen, wie man erneute Lockdowns verhindern kann. Wichtigstes Ziel ist, die Neuinfektionen niedrig zu halten, sonst funktionieren praktisch alle anderen Maßnahmen nicht.

Wie gut der aktuelle Teil-Shutdown in Deutschland funktioniert, ist noch nicht ganz klar, doch vermutlich muss er in die Verlängerung. Möglicherweise werden auch zusätzliche oder sogar schärfere Maßnahmen notwendig, um die Neuinfektionen wieder auf ein kontrollierbares Niveau zu drücken. Aber was passiert danach? Was muss geschehen, damit daraus ein Dauerzustand wird, der bis zum Frühjahr anhält, wenn mutmaßlich Impfstoffe verfügbar sind? Eine Gruppe führender internationaler Wissenschaftler hat sich darüber Gedanken gemacht und einen 7-Punkte-Plan veröffentlicht, mit dem eine langfristige Kontrolle der Pandemie möglich sein soll.

Der Beitrag der Forscher wurde in "The Lancet" veröffentlicht und beschreibt die notwendigen Maßnahmen spezifisch für Großbritannien, das unter anderem wegen eines zu zögerlichen Umgangs viel härter als Deutschland von der zweiten Welle getroffen wurde. So heißt es in dem Artikel, statt ihren wissenschaftlichen Beratern zu folgen und bereits Ende September mit einem "Wellenbrecher-Lockdown" die Pandemie auszubremsen, habe sich die Regierung für mehrere Wochen ineffektiver lokal abgestufter Maßnahmen entschieden. Nachdem die Fallzahlen weiter exponentiell gestiegen waren, musste London schließlich mit einem landesweiten Lockdown reagieren, der am 5. November begann.

Regierung muss aus der zweiten Welle lernen

Wenn auch auf niedrigerem Niveau, hat sich Deutschland ebenfalls durch halbherzige lokale Reaktionen im Frühherbst in eine ähnliche Situation manövriert. Auch viele andere europäische Länder versuchen gerade, mit Lockdowns die Welle zu brechen. Die Vorschläge der Wissenschaftler sind weitgehend übertragbar und Viola Priesemann hat auf Twitter eine für Deutschland angepasste Version des "Lancet"-Artikels gepostet. Die Physikerin des Göttinger Max-Planck-Instituts für Dynamik und Selbstorganisation hat an dem 7-Punkte-Plan mitgearbeitet. Ein weiterer deutscher Mitverfasser ist Reinhard Busse, Professor für Management im Gesundheitswesen an der TU Berlin.

"Es ist wichtig, dass die Regierung aus dieser zweiten Welle lernt und die Zeit eines Lockdown gut nutzt", schreibt Priesemann. Sie betont, dass Wirtschaftsinteressen und die Kontrolle der Pandemie keinen Widerspruch darstellen. "Der Schutz von Gesundheit, Wirtschaft und Bildung ist eng verwoben: Je niedriger die Fallzahlen, desto besser können ALLE planen und wirtschaften."
Das sind die von Priesemann angepassten Empfehlungen der Wissenschaftler:

"1. System des Testens und der Kontaktnachverfolgung stützen

In Deutschland gibt es rund 1,4 Millionen PCR-Tests pro Woche - bei bis zu 100.000 Neuinfizierten pro Woche sind das zu wenig. Entweder brauchen wir mehr Tests - oder besser noch weniger Neuerkrankungen.

Für eine Eindämmung müssen wir schneller sein als das Virus. Dafür brauchen wir ausreichend Tests, und die Kontaktnachverfolgung muss innerhalb weniger Tage erfolgen können - andernfalls haben die infizierten Kontaktpersonen bereits weitere infiziert. Das Virus läuft uns so davon.

Am besten funktioniert die Eindämmung, wenn die Fallzahlen niedrig sind. Gibt es dann trotzdem lokale, unkontrollierte Ausbrüche, sollten sie schnell und konsequent eingedämmt werden, zum Beispiel mithilfe eines mobilen Teams zur Unterstützung.

Die Menschen in Isolation oder Quarantäne müssen weiter unterstützt werden - durch finanzielle, soziale, psychologische und praktische Hilfe.

Wenn eine Ansteckung eines Familienmitgliedes wahrscheinlich ist, dann wäre es gut, wenn auch die anderen Haushaltsmitglieder vorsorglich in Quarantäne gehen, damit sie das Virus nicht weitertragen.

2. Gesundheitssystem nicht überlasten

Am effektivsten geht das, indem die Anzahl Neuerkrankungen gesenkt wird. In jedem Fall braucht das medizinische Personal Schutz und Unterstützung.

3. Bildung ist unser höchstes Gut

Damit die Schulen offen bleiben können, müssen wir die Ausbreitung des Virus in der Gesellschaft und in den Schulen vermeiden. Zusätzlich müssen die Schulen sicher gemacht werden - durch bessere Belüftung, kleine Klassengrößen, Masken wo nötig.

Die Schulen brauchen klare Anleitung und Unterstützung. Wenn Online-Learning erforderlich ist, muss die Regierung dafür sorgen, dass Geräte und Breitband für alle Kinder verfügbar sind und die Familien dabei unterstützen.

Wenn die Inzidenz zu hoch ist, müssen die Universitäten zum Online-Unterricht übergehen und die Studierenden dabei unterstützen, sicher zu Hause zu lernen.

4. Hilfe für Betroffene

Diejenigen, die am stärksten betroffen sind, benötigen umfassende wirtschaftliche, psychische und soziale Unterstützung. Das gilt auch für Menschen, die gefährdet sind, einschließlich der Unterstützung ethnischer Minderheiten, Frauen und Kinder. Entschiedene Hilfe bei häuslicher Gewalt ist geboten.

5. Leitlinien und Sicherheitsvorschriften für Arbeitsplätze

Die Arbeitsplätze müssen die erforderlichen Sicherheitsstandards erfüllen, um offenzubleiben - zum Schutz aller MitarbeiterInnen. Homeoffice beziehungsweise mobiles Arbeiten ermöglichen, wo immer es umsetzbar ist! Ein flexibler Übergang zwischen Präsenz- und mobilem Arbeiten sollte jederzeit möglich sein, damit man schnell regieren kann, wenn die Fallzahlen es notwendig machen.

6. Europaweite Koordinierung

Was ist unser gemeinsames Ziel im Umgang mit Covid-19? Eine Eindämmung gelingt am besten, wenn sie von allen europäischen Ländern gemeinsam konsequent verfolgt wird. Dazu gehören die Koordinierung von Reisebeschränkungen, ein Datenaustausch, eine Kompatibilität von Apps zur Kontaktverfolgung, die Entwicklung und Beschaffung von Schnelltests, die Beschaffung von medizinischen Kits sowie die Beschaffung von Impfstoffen und die Entwicklung fairer Zuteilungsprotokolle, um sie zu verteilen.

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7. Ziele und Herausforderungen definieren

Wir brauchen eine klare, ehrliche und konsequente öffentliche Botschaft der Regierung über die Ziele der Eindämmung und die Herausforderungen durch Covid-19."

Quelle: ntv.de, kwe