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"Sing meinen Song" - Runde vier Im Schlund der großen Gefühle

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Diesmal widmeten alle - auch Jan Plewka (vorne r.) - ihre Auftritte dem Kollegen MoTrip (vorne l.).

(Foto: TVNOW / Markus Hertrich)

Rap-Maschine, Sportmonster, Klare-Kante-Poet: Oberflächlich betrachtet passt MoTrip wunderbar rein in die Straßenrapper-Klischee-Schublade. Aber der Schein trügt. Hinter der harten Fassade spielen die ganz großen Emotionen des Lebens Ping Pong.

Max Giesinger mit glasigen Augen, Nico Santos am Rand des Zusammenbruchs und eine völlig aufgelöste Ilse DeLange: Die aktuelle "Sing meinen Song"-Staffel zeigt den Vorgängern in puncto Emotionalität definitiv schon nach drei Abenden die lange Nase. Mit dem Wunschkonzert für Rapper MoTrip setzt das Moll-Ensemble in Südafrika sogar noch einen drauf.

Der von Host Michael Patrick Kelly zum "LL Cool J von Aachen" geadelte MoTrip hat die vielleicht aufwühlendste Lebensgeschichte mit im Gepäck. Als libanesisches Flüchtlingskind kommt er im Krippenalter nach Deutschland. Im tiefen Westen des Landes nimmt er alles mit, was eine Jugend unter zwei Flaggen so zu bieten hat. Irgendwann klopft der Hip-Hop an die Pforten des noch jugendlichen Mohamed El Moussaoui (MoTrips bürgerlicher Name). Und von da an wird alles festgehalten. Freud, Leid, Kummer, Angst, Wut, Hoffnung: MoTrip trägt sein Herz auf der Zunge und lässt nichts aus.

Große Herausforderungen

MoTrips Ehrlichkeit und seine Gabe, die vielschichtigsten Gedanken in faszinierende Reimmuster einzubinden, katapultieren den geerdeten Wortakrobaten nicht nur an die Spitze der hiesigen Rap-Charts, sondern auch ans Kap der Guten Hoffnung, wo er seine Kollegen Max Giesinger, Lea, Jan Plewka, Nico Santos, Ilse DeLange und Michael Patrick Kelly vor künstlerisch große Herausforderungen stellt.

Wagt sich tatsächlich jemand ins Hip-Hop-Rampenlicht? Max Giesinger stellt sich der Challenge, ohne groß mit der Wimper zu zucken. Von schunkelnden Pop-Grooves begleitet, rappt sich der Meister der großen Gesten nicht nur ins Herz von MoTrip. Auch die anderen Kandidaten sind hin und weg von Giesingers Entertainment-Qualitäten ("So wie du bist").

Fünf Minuten später würde MoTrip gerne nochmal genauso laut und euphorisch jubeln und klatschen. Kann er aber nicht. Die zartschmelzende Mutti-ist-die-Beste-Liebeserklärung von Nico Santos ("Mama") raubt dem harten Rapper mit dem weichen Kern den Atem. Das Fundament für Seelenschmerzen und die ganz großen Gefühle ist nun gelegt. Und es gibt kein Zurück mehr.

Der Teufel tanzt den Blues

Jan Plewka holt MoTrips "Tagebuch" aus dem Keller. Plötzlich sitzt der Teufel mit in der Runde, wedelt mit falschen Geldscheinen und tänzelt mit dem Dreizack in der Hand zu den Klängen von erdigem Bluesrock. MoTrip ist jetzt völlig geplättet. Während Geschichten über Kool Savas und Bruder Hassan die Runde machen, schweben dicke Dampfwolken über der Couch. Jetzt schnappt sich Ilse DeLange die Gitarre und verwandelt MoTrips Heimat-Ode "Zuhause ist wir" in einen eingängigen Country-Pop-Hit: "Du hast aus meinem Song einen internationalen Hit gemacht", adelt MoTrip die Niederländerin. Beide fallen sich schluchzend in die Arme.

Holt der Gastgeber jetzt zum Stimmungsgegenschlag aus? Nein, tut er nicht. Michael Patrick Kelly reißt die offengelegten Gefühlswunden sogar noch weiter auf. Die meisten auf der Couch haben bereits Tränen in den Augen, noch ehe der einstige Klosterschüler den ersten Ton von sich gibt.

Mit "Embryo" hat sich Michael Patrick Kelly den wohl persönlichsten Song von MoTrip vorgenommen. Es geht um Abtreibung, um den Schmerz des Loslassens und den nicht enden wollenden Krieg zwischen richtig und falsch.

Balsam für die gezeichnete Rapperseele

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Die emotionale Vertonung des dunkelsten Kapitels aus MoTrips Lebensgeschichte lässt erwartungsgemäß alle Dämme brechen. Gut, dass Lea an diesem Abend von ihrem eingeschlagenen Melancholie-Pfad abweicht und zum Abschluss die sinnsuchende "Feder im Wind" mimt, die sich befeuert von stampfenden Hip-Pop-Sounds auf eine Reise ins Irgendwo begibt. Ein bisschen "Balsam für die gezeichnete Rapperseele" markiert das Ende eines Abends, den wahrscheinlich nicht nur MoTrip noch lange in Erinnerung behalten wird.

"Sing meinen Song - Das Tauschkonzert" läuft immer dienstags um 20.15 Uhr bei Vox und ist auch bei TVNOW abrufbar.

Quelle: ntv.de