Fußball

Die Lehren des 21. Spieltags Borussia Dortmund hat ein großes Problem

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Mats Hummels am Boden, Leverkusen - in diesem Bild repräsentiert durch die Waden von Kevin Volland - dreht jubelnd ab.

(Foto: imago images/Kirchner-Media)

In Leverkusen wird offensichtlich, woran es Borussia Dortmund fehlt. Statt im Bundesliga-Titelrennen mitzumischen, muss der BVB eine Schwachstelle schließen. Der FC Bayern macht Teilzeit, Schalke hat's mit dem Zahnfleisch. Frankfurt ist so gut wie sein Trainer alt.

1. Die BVB-Defensive verzockt bald den zweiten Titel

Was können die Dortmunder für einen Fußball spielen. Erst der Schlenzer von Emre Can ins Toreck, dann diese 65. Minute: Nach nur zwei Kontakten aus dem eigenen Strafraum landet der Ball bei Erling Haaland, der auf Achraf Hakimi passt. Der Marokkaner leitet die Kugel zu Jadon Sancho weiter, der sie per Hacke zu seinem Passgeber zurückspielt. Dessen finalen Ball schiebt Raphael Guerreiro ein. Es steht in Leverkusen 3:2 für den BVB, der in der Blitztabelle mit dem FC Bayern gleichzieht. Blöd nur, dass die Offensive höchstens die halbe Miete ist. Drei Treffer hatte der BVB im Pokal in Bremen kassiert, bei Bayer sind es am Ende vier. Macht 13 Gegentore in den jüngsten sechs Ligapartien, insgesamt 32 nach 21 Spieltagen - so lässt sich nicht Meister werden. Erst auf Platz elf findet sich mit dem FC Augsburg ein Team, das mehr Treffer kassiert hat. Zum gleichen Zeitpunkt vor einem Jahr waren es für den BVB neun Gegentore weniger, die Schwarz-Gelben hatten elf Zähler mehr.

Mats Hummels sah bei den Gegentoren weder sicher noch agil aus. Manuel Akanji und der Kapitän kamen in Leverkusen beim 0:1 nicht hinterher, beim 3:4 durch Lars Bender verlor Hummels den entscheidenden Kopfball. Die Passivität, das zu schwache Anlaufen des Gegners, das Bayer zum Stürmen einlud, muss sich jedoch die gesamte Mannschaft ankreiden lassen. Can brachte es auf den Punkt: "Wir kriegen zu einfach Gegentore. Ich bin erst seit einer Woche hier dabei. Aber die Mannschaft, die wirklich extrem Potenzial hat, muss eines lernen: Man muss - auf gut Deutsch gesagt - einfach dreckiger sein, auch mal Foul spielen." Zudem lieferte die Partie die Erkenntnis, dass Haaland allein den BVB wohl nicht zu Titeln schießen wird. Wurde Trainer Lucien Favre nach dem Pokal kritisiert, den Angreifer zunächst auf der Bank gelassen zu haben, stand der Norweger nun in der Startelf, spielte gut, vergab aber mehrere Chancen. Vielleicht nicht schlecht für den 19-Jährigen, wenn der Hype ein wenig abebbt. Letztendlich hatte der BVB Glück, dass die Bayern gegen Leipzig nicht über ein 0:0 hinaus kamen. Sonst hätte die mangelhafte Defensiveinstellung und Laufleistung, Leverkusen lief fast sieben Kilometer mehr, den zweiten möglichen Titel innerhalb einer Woche gekostet.

2. Der FC Schalke 04 geht auf dem Zahnfleisch

Suat Serdar, Jonjoe Kenny, Daniel Caligiuri, Salif Sané, Benjamin Stambouli und nun auch Ozan Kabak. Klingt wie die (halbe) Startelf des FC Schalke 04, ist jedoch die Verletztenliste. Oder wie es Trainer David Wagner ausdrückte: "Wir haben personelle Probleme, das ist offensichtlich." Stimmt, beim mageren 1:1 gegen den SC Paderborn fehlte es vor allem offensiv. Wie auch beim 0:0 bei Hertha BSC eine Woche zuvor. Beim Pokalerfolg über die Berliner brauchte es die Verlängerung, um aus der 0:2-Ernüchterung noch den 3:2-Comebacksieg zu machen. Wobei 30 Extraminuten angesichts der dünnen Personaldecke auch nicht das sind, was Schalke gerade gebrauchen kann. Während der S04 im November noch drei von vier Liga-Partien gewann, gab es seitdem nur zwei Erfolge in acht Versuchen.

In diesen acht Spielen erzielte Schalke nur zweimal mehr als ein Tor. Das reicht nicht, um die Hoffnungen auf den Europapokal zu rechtfertigen. Michael Gregoritsch hat sich nach seinem Traum-Einstand gegen Gladbach schnell in die königsblaue Harmlosigkeit eingereiht, und der Hoffnungsträger der Fans sitzt meist lange auf der Bank. Dabei braucht er bislang durchschnittlich gerade mal 92 Minuten, um ein Tor zu schießen. Das ist fast auf dem Niveau von Robert Lewandowski (84 Minuten pro Tor) und Timo Werner (88 Minuten pro Tor), auch wenn deren Zahlen deutlich belastbarer sind. Kein Wunder also, dass der S04-Anhang mehr Einsatzzeit für Ahmed Kutucu fordern. Der gebürtige Gelsenkirchner, seit seinem elften Lebensjahr im Verein, ist allerdings erst 19 Jahre alt und niemand, der die Misere allein beheben kann. Allerdings könnte es eine Idee sein, ihn nach 13 Einsätzen als Joker auch erstmals von Anfang an spielen zu lassen. Wobei Wagner nicht zu Unrecht sagte: "Er ist einer unserer stärksten Einwechselspieler, weil er direkt da ist und das Stadion mitnehmen kann. Das sollte man auch nicht unterschätzen, dass man sich solch einer Option beraubt."

3. Der FC Bayern ruht sich aus, Leipzig befreit sich

Der FC Bayern bleibt Spitzenreiter, an die berauschenden Vorwochen aber knüpft das 0:0 gegen den Tabellenzweiten RB Leipzig nicht an. Vielmehr wirken die Münchner im Topspiel als Teilzeitsouverän, der zwar herrschaftliche Ansprüche geltend macht, aber nicht mit letzter Konsequenz und über volle 90 Minuten durchsetzt. Unsere Kollegin Elisabeth Schlammerl sah in München eine Partie auf Augenhöhe - und hat aufgeschrieben, wie sich der FC Bayern seiner Stärke beraubt hat. Aus Leipziger Sicht berichtet Ullrich Kroemer derweil, dass die Sachsen wirkten, als seien Sie von einer Last befreit. Unseren Schnellcheck finden Sie hier: "Mein Gott, Werner!"

4. Florian Kohfeldt muss dringend Abstiegskampf lernen

Vor einem Jahr hatten die Bremer einen Lauf, auch dank eines überragenden Max Kruse, der den Verein fast noch bis auf die europäischen Plätze hievte. Ganz Bremen und große Teile Deutschlands waren sich einig: Mit dem Trainer Florian Kohfeldt hat der SV Werder einen Mann für eine große Zukunft. Nun steht sein Verein nach dem 0:2 gegen den 1. FC Union Berlin auf einem direkten Abstiegsplatz. Kohfeldt ist mit seinen 37 Jahren das, was man "Menschenfänger" nennt. Er ist sensibel und erkennt Stimmungen in der Mannschaft, geht darauf ein und redet viel, intelligent und bewusst. Dazu ist er ein Taktiker, lässt gerne mutig und offensiv spielen. Aber die Mechanismen, die ohne den Druck des Abstiegskampfs griffen, wollen nun partout nicht mehr funktionieren.

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Wer steckt ganz tief im Abstiegskampf?

(Foto: imago images/Nordphoto)

Gegen die Unioner, die fast gerettet scheinen, tat sich Bremen offensiv unglaublich schwer und fing sich dann umso einfachere Konter-Gegentore. Der Angriff um Davie Selke, Yuya Osako und Milot Rashica wirkte einfallslos gegen kompakt stehende Köpenicker. Gegen Gegner dieser Art scheint der Matchplan von Kohfeldt nicht mehr zu greifen, vielleicht fehlen ihm taktischen Alternativen - besonders, wenn seinen Spielern im Abstiegskampf das Selbstvertrauen abhanden kommt. Schon im Bus zum Stadion habe er "kein gutes Gefühl" gehabt. Klingt, als hätte Kohfeldt seinen Glauben verloren. Werder und sein Sportchef Frank Baumann halten trotzdem an ihm fest, Leonardo Bittencourt hatte nach dem Pokalsieg gegen Dortmund die Klopp’sche Ansprache des Trainers in den höchsten Tönen gelobt. Und Kapitän Niklas Moisander sagte trotz der Niederlage: "Der Trainer erreicht uns noch. Wir glauben an ihn. Wir sind in dieser Situation zusammen. Wir glauben, dass wir zusammen noch immer aus dieser Situation herauskommen können." Das ist liebenswert, aber auch naiv. Wenn die Bremer in der Liga weder Tore erzielen noch Punkte sammeln, muss das oft zu fußball-romantisch denkende Werder überlegen, ob Kohfeldt der Aufgabe Abstiegskampf gewachsen ist. Irgendwann kommt wohl bald der Moment, an dem sich der Klub entscheiden muss: zweite Liga mit Kohfeldt oder Abschied. Dass es nun "deutlich unangenehmer" für die Spieler werden soll, wie Baumann sagte, klingt vielversprechend, gab es vorher aber auch schon. Passiert ist dennoch nichts. Das muss sich ändern: In den nächsten Partien geht es gegen Leipzig und Dortmund.

5. Frankfurt findet zurück zu alter Stärke

Nach vier Rückrunden-Spieltagen sind nur noch zwei Mannschaften ungeschlagen: Der FC Bayern und ... Eintracht Frankfurt. Gab es in der Hinserie gerade einmal 18 Punkte in 17 Partien vor dem Jahreswechsel sind es seitdem zehn Zähler aus vier Spielen. Das 5:0 gegen den FC Augsburg war zwar etwas zu deutlich, ist aber Ausdruck des zurückgekehrten Selbstvertrauens. Zumal Trainer Adi Hütter in die Vereinshistorie geschaut zu haben scheint: "Das ist der beste Rückrundenstart seit 1970." Und somit "nicht selbstverständlich", wie Hütter anmerkt, der übrigens am 11. Februar 1970 geboren wurde. Damals hatte die Eintracht eine katastrophale Hinrunde gespielt und der starke Auftakt in die Rückserie war nötig, um am Saisonende gerade so den Abstieg zu vermeiden. Aber genug der Geschichte.

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Stefan Ilsanker war in Leipzig nicht mehr gefragt, in Frankfurt ist er gleich wichtig.

(Foto: imago images/Jan Huebner)

"Wir sind wieder in der Spur", konstatierte Vorstand Axel Hellmann. Winter-Zugang Stefan Ilsanker stabilisierte erst das defensive Mittelfeld, später dann die Innenverteidigung. Timothy Chandler erzielte in einem Spiel zwei Tore, nach eigener Aussage ist das sonst seine Ausbeute für ein ganzes Jahr. André Silva traf wie schon beim 3:1 im Pokal gegen Leipzig, es scheint wieder zu laufen. Die Bewährungsprobe folgt am Freitag, wenn es zum BVB geht. Der hat grade zwar eigene Probleme (siehe oben), allerdings ist die jüngere Geschichte der Frankfurter eher punktlos, acht Mal in Folge reisten sie mit einer Niederlage aus dem (ehemaligen) Westfalenstadion ab.

6. Mainz-City statt ManCity: Selbst das ist für Hertha noch zu "big"

"Wir haben die richtigen Signale gesendet", erklärte der Berliner Manager Michael Preetz dem Bezahlsender Sky. Das war vor dem Spiel und gemeint war die Solidaritätsaktion der Hertha-Fans mit Jordan Torunarigha, bei der sie in der Ostkurve tausende Schilder mit einer "25" hochhielten, der Trikotnummer des im Pokalspiel auf Schalke rassistisch angefeindeten Spielers. Danach sendeten die Berliner alles andere als bundesligataugliche Signale. Das 1:3 gegen den Mainz 05 (eher Allerwelts- als Weltklub) im Olympiastadion zeigte, wie weit Jürgen Klinsmanns Verein von seinem "Big City Club" entfernt ist. Eine klare Taktik und Spielidee lässt der Trainer noch immer vermissen, vor allem gegen kleinere Vereine.

Gegen Dortmund, Schalke und Bayern war eine defensive, einigermaßen erfolgreiche Linie erkennen. Am Samstag wurde deutlich: Von der unsauberen Spieleröffnung über mangelhafte Konterabsicherung bis zu fehlendem Tempo: Hertha weiß nicht, wohin mit sich selbst, wenn die Mannschaft das Spiel machen soll. Gegen Mainz wechselte Klinsmann außerdem zum wiederholten Male so durch (für Marvin Plattenhardt und Per Skjelbred kamen Maximilian Mittelstädt und Marko Grujic), dass sich die Mannschaft auf dem Platz neu sortieren musste. Der Trainer gab seinen Kickern nach dem Spiel erstmal zwei Tage frei, um die Köpfe freizubekommen. Vielleicht auch von den "Big City Club"-Fantasien.

Im Rennen um die Torjägerkanone ist am 21. Spieltag absolut nichts passiert. Robert Lewandowski (FC Bayern/22 Tore) und Timo Werner (RB Leipzig/20 Tore) trafen zwar aufeinander, trennten sich aber wie ihre Vereine torlos. Dritter in der Rangliste ist Jadon Sancho mit zwölf Treffern, er blieb beim 3:4 seines BVB in Leverkusen ebenfalls ohne eigenen Treffer. Der Abstand zum Spitzenduo ist aber ohnehin so groß, dass selbst ein Doppelpack die Wortkombination "macht Druck" nicht gerechtfertigt hätte.

Quelle: ntv.de