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Ein Jahr nach dem WM-Debakel Hätte Hummels doch getroffen ...

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Vor einem Jahr köpfte sich Mats Hummels wohl um die Fortsetzung seiner Nationalmannschaftskarriere.

(Foto: imago/Contrast)

Das historisch frühe WM-Aus 2018 hat den deutschen Fußball bis ins Mark erschüttert. Ein Jahr nach der "Schmach von Kasan" gibt es aber wieder Hoffnung. Das hat auch damit zu tun, dass Mats Hummels eine Großchance liegen lässt.

Kasan, 27. Juni 2018, 18.58 Uhr Ortszeit: Nach dem 0:2 gegen Südkorea sind die gefeierten "Helden von Rio" entthront. Erstmals in der 80-jährigen deutschen WM-Geschichte scheitert die DFB-Elf in der Vorrunde - als Gruppenletzter! "Dass wir so eine WM spielen, dass es so einen Einbruch gibt, habe ich mir wirklich nicht vorstellen können", sagt Löw im Rückblick über die große deutsche WM-Illusion. Der Bundestrainer verfiel eigenen Angaben zufolge für "zwei, drei Tage in eine Schockstarre". Sogar auf Frustsaufen habe er "keine Lust mehr" gehabt: "Man fragt sich warum, weshalb, aber findet am Anfang keine Antworten." Löw trifft das Aus völlig unvorbereitet, er spricht später von einem "absoluten Tiefschlag", für den es "keinerlei Anzeichen" gegeben habe.

2017 hatte seine Mannschaft mit Confed-Cup-Sieg und makelloser Quali das für ihn "beste Jahr" seiner Amtszeit hingelegt, vor der WM verliert das Team aber Selbstvertrauen und Spielglück. Doch selbst nach dem erschütternden 0:1 zum Auftakt beim "Fiasko Mexicana" hört Löw die Alarmglocken nicht, lehnt vor dem Schweden-Spiel (2:1) als "Jogi cool" in Sotschi an der Strandlaterne. Doch aus dem Marketing-Slogan #zsmmn wird der historische #zsmmnbrch, die DFB-Elf zum Gespött der Fußball-Welt. Das britische Boulevardblatt "Sun" bringt eine Definition des Wortes Schadenfreude auf dem Titel, "Mundo Deportivo" in Spanien nimmt den weinenden Müller mit der Zeile "Kaputt historico" auf Seite eins. Italiens "Tuttosport" stellt überrascht fest: "Es gibt keine Großen mehr!" Und der "Standard" in Österreich stichelt hämisch: "Ausgeweltmeistert!"

"Man hat eine ganze Nation enttäuscht"

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Warum? Da war zum einen die leidige, von allen unterschätzte Özil-Saga. Zudem gelang es Löw nicht, aus Confed-Cup-Siegern und Weltmeistern ein Team zu formen, den hochtalentierten Leroy Sané ließ er gar zu Hause. Und er übersah, dass seine Spielidee aus der Mode gekommen war. "Mein allergrößter Fehler war, dass ich gedacht habe, dass wir mit diesem dominanten Ballbesitzfußball durch die Vorrunde kommen. Das war fast schon arrogant von mir", sagt Löw bei seiner WM-Analyse Ende August 2018, "mein Bauchgefühl, meine Intuition hatte mich verlassen."

Joachim Löw packt beim Gedanken an die "Schmach von Kasan" auch heute noch das kalte Grausen. "Es war eine unglaubliche Leere. Man weiß, man hat eine ganze Nation enttäuscht", sagt der Bundestrainer. Thomas Müller vergoss nach dem historischen WM-Desaster bittere Tränen, Sündenbock Mesut Özil verabschiedete sich unter den wüsten Beschimpfungen eines Fans von der WM und kurz darauf für immer aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Statt die große sportliche Aufarbeitung einzuleiten, verzettelt sich der DFB schnell in einer Auseinandersetzung mit dem verdienten Nationalspieler Özil, der in einer vielbeachteten Abrechnung dem DFB und besonders dem damaligen Präsidenten Reinhard Grindel Rassismus unterstellt. Grindel und Bierhoff machen in der gesamten Causa einen mindestens unglücklichen Eindruck, Löw taucht einfach im Urlaub unter. Der DFB erlebt drei Wochen nach Kasan den nächsten Tiefpunkt, der Verband ist nicht nur sportlich am Boden.

Auf die Schulter statt ins Tor

Dabei hätte doch alles ganz anders kommen können mit dem deutschen Fußball. Hätte Mats Hummels die Maßflanke von Mesut Özil, der tragischsten Figur dieses Dramensommers, in der 87. Minute des entscheidenden Spiels ums Weiterkommen gegen Südkorea einfach aus wenigen Metern ins Tor geköpft anstatt sich selbst gegen die Schulter - von der aus der Ball dann über den Kasten der Asiaten hüpfte. Hummels konnte es nicht fassen und mit ihm eine ganze Nation. Anstatt das Spiel doch noch zu gewinnen, kassierte die überlegene aber kraft- und ideen- und glücklose DFB-Elf noch zwei Gegentore und schied tatsächlich aus.

Sonst hätte sich die notorische Turniermannschaft vielleicht in der K.-o.-Runde doch wieder als solche zu erkennen gegeben, schlechte deutsche Spiele haben während erfolgreicher deutscher Turniere ja eine (un-)schöne Tradition. Vielleicht wäre es bis ins Halbfinale gegangen, vielleicht hätte auch ein Viertelfinal-Aus noch gereicht, um sich auf ein "Weiter wie bisher, das wird schon wieder" einzuschwören. Aber Hummels traf nicht und das ganz große Unglück, das schon in einem ganz schwachen Auftaktspiel des Titelverteidigers gegen Mexiko (0:1) seinen Lauf genommen hatte, war nicht mehr abzuwenden.

Natürlich, viele Konjunktive. Dass der Bundestrainer aber eine treue Seele ist, der bis zur letzten Sekunde zu seinem Stammpersonal hält und die Revolutionen lieber anderen überlässt, hat er oft genug bewiesen. Auch, dass er im Erfolgsfalle bereit ist, über Defizite auf dem Weg dorthin hinweg zu sehen, ist im deutschen Fußball gelebte Praxis. Ernsthaft an Rücktritt dachte Löw nach dem Russland-Fiakso nie. Vier Tage nach dem Aus bespricht er sich in einem Restaurant bei Freiburg mit DFB-Direktor Oliver Bierhoff: "Die Überzeugung, es allen noch einmal zu zeigen, wurde immer stärker." Doch nach dem Debakel von Kasan benötigte es noch ein weiteres, um den Umbruch tatsächlich einzuleiten, räumte Löw inzwischen selber ein.

Umbruch mit Verspätung

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"Tiefgreifende Maßnahmen" hatte der Bundestrainer freilich schon nach der Rückkehr nach Deutschland angekündigt, allein: Es geschah beinahe nichts, obwohl er sich zwei Monate Zeit nimmt für die große WM-Analyse. Und dann? Aus Löws Stab verabschiedet sich lediglich Co-Trainer Thomas Schneider, für mehr als ein Revolutiönchen fehlen Löw Mut und Überzeugung. "Wir brauchen eine Achse, an denen sich die anderen orientieren", sagt er.  Während Bierhoff "Bolzplatzmentalität" fordert und die Fußball-Nation neue Konzepte diskutiert, verzichtet Löw beim Neuanfang zunächst nur auf Sami Khedira. Der Bundestrainer glaubt, mit einem "guten Mix" wieder an die Weltspitze zu kommen - ein Trugschluss, den er mit dem Abstieg in der Nations League bezahlt. Erst in der Nacht nach dem vernichtenden 0:3 bei den Niederlanden im Oktober sei bei ihm "der Gedanke gereift: so langsam ist der Zeitpunkt für den Umbruch da", berichtete Löw vor einem Monat bei "Bild100" in Berlin.

Noch im Dezember hatte der zaudernde Bundestrainer im ZDF gesagt: "Am Ende zählt immer die Leistung. Ich bin kein Hellseher und weiß, was in drei, vier Monaten sein wird. Daher lässt man sich alle Möglichkeiten offen. Ich plane mit allen Möglichkeiten, ich plane mit allen Guten, Hummels, Boateng, Müller, die für Deutschland spielen können, wenn sie die Form haben, die sie zuletzt nicht hatten."

Verjüngte Mannschaft begeistert

Im März 2019 dann bootet er in einer "James-Bond-Aktion" (Karl-Heinz Rummenigge) die drei Weltmeister aus und sagt: "Es war gewagt, aber ich würde es wieder so machen. Es war die einzige Möglichkeit." Der angefressene Müller verkündet via Instagram trotzig: "Das Spiel ist noch nicht aus." Der Bayern-Stürmer scheint aber zu irren. Löw geht mit der Zäsur "all in". Eine Woche nach der Ausmusterung der drei Münchner gewinnt das nun maßgeblich verjüngte DFB-Team mit einer mutigen Taktik zum Auftakt der EM-Qualifikation mit 3:2 in Amsterdam gegen Holland und sorgt für Ruhe im Karton. Eine demütigende Niederlage wie fünf Monate zuvor an gleicher Stelle hätte den Bundestrainer womöglich doch noch den Job kosten können. Es folgen souveräne Siege in der EM-Qualifikation gegen Weißrussland und Estland. Löws verjüngte Nationalmannschaft um Joshua Kimmich, Serge Gnabry und Sané begeistert, soll bei der EM-Titelvergabe 2020 mitreden.

Aber, sagt der Bundestrainer, "sie sind noch lange keine Ronaldos oder Messis". Auch wenn das WM-Debakel nicht vergessen ist: Eine neue Generation ist in der Spur.

Quelle: n-tv.de, ter/dpa/sid

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